Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

Page: 436
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1922/0453
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
NEUE BUCHER

BESPROCHEN VON KARL SCHEFFLER

Zeichnungen von Hans Thoma. Mit einem Ge-
leitwort des Künstlers. Herausgegeben von W. F. Storck.
ioo Abbildungen.

Hans Thomas graphische Kunst. Herausgegeben
von Herbert Tannenbaum. 112 Abbildungen. Beide im
Verlag Ernst Arnold, Dresden, 1921 und 1920.

Die beiden Bände zu vergleichen ist lehrreich. Es zeigt
sich, daß Thoma ein anderer als Graphiker denn als Zeich-
ner ist. Insofern unterscheidet er sich von andern Künst-
lern seiner Generation, deren Lithographieren und Radieren
nur ein Zeichnen mit andern Mitteln und Werkzeugen ist.
Um die Berechtigung zu beweisen, die Handzeichnung von
der Graphik grundsätzlich zu unterscheiden, kann Thoma
sich auf keinen Geringeren als auf Rembrandt berufen.
Auch bei diesem ist Zeichnung und Radierung durchaus
zweierlei. Die Radierung erscheint bei Rembrandt weiter
und immer weitergeführt, Wirkungen zu, die nur sie her-
geben kann. Bei Thoma aber — das ist der prinzipielle,
der künstlerisch entscheidende Unterschied — scheint die
Zeichnung in der Graphik nicht weitergeführt, sondern zu-
rückgeführt. Auch hier ist die Graphik mehr fertig gemacht,
doch möchte man die Worte in Gänsefüßchen setzen, sie
erscheint fertig in einem bilderbuchmäßigen, illustrativen,
allegorisch erzählenden Sinne, weil sie korrekter, akade-
mischer, gegenständlich getreuer ist. In Wahrheit ist in
diesem Fall die Graphik ärmer als die Zeichnung.

Der Zeichnungsband macht einen vortrefflichen Eindruck.
Man lernt Thoma darin von seiner stärksten Seite kennen.
Zum Teil in einer Anzahl von Blättern, die schlechthin
meisterlich sind. Die Auswahl ist ausgezeichnet getroffen.
Und das Vorwort von W. F. Storck gehört in seiner Sach-
lichkeit und richtigen Wertung zum besten, was über Thoma
geschrieben worden ist. Vor allem ist Storcks Urteil rich-
tig, daß Thoma auch als Maler Zeichner bleibt, daß die
Farbe zwischen den Linien ist, daß seine Bilder „kolorierte
Zeichnungen" sind. Nur hätte er dieses nicht „Koloris-
mus", sondern Illuminismus nennen sollen.

Die Einleitung des Buches über Thomas Graphik ist gut,
soweit die tatsächlichen Angaben reichen. In den allge-
meinen Anmerkungen aber gerät Tannenbaum hier und
dort ins Redensartliche.

In der Reihe der neueren Kunstpublikationen ist das Buch
über den Zeichner Thoma ein Gewinn. Das Buch über Thomas

Graphik ist willkommen als Nachschlagewerk, zur Orientie-
rung. Am liebsten sähe man ja gleich einen Oeuvre-
Katalog des graphischen Werks damit verbunden; eine An-
merkung sagt aber, daß ein solcher Katalog von J. A. Be-
ringer bei Bruckmann vorbereitet wird.

Der Druck der beiden Bände (bei Wohlfeld in Magde-
burg) ist ausgezeichnet. Einschränkungen die hier bei früheren
Bänden gemacht wurden (Menzel, Liebermann) haben den
Thomabänden gegenüber keine Geltung, sei es, daß der
Druck noch besser ist, oder daß die derbere Art Thomas
die technische Bedingtheit jeder Reproduktion nicht so auf-
fällig macht.

Max Slevogts graphische Kunst. Herausgegeben
von Emil Waldmann. 114 Abbildungen. Verlag Ernst Arnold,
Dresden 1921.

Das zum Schluß der vorigen Besprechung Gesagte läßt
sich auf den Sievogt-Band nicht so unbedingt ausdehnen.
Der Druck ist technisch ebenso gut, doch ist die Wirkung
weniger einwandfrei, weil es zum schwierigsten gehört,
zarte Blätter Slevogtscher Graphik mittels der Autotypie
wiederzugeben. Waldmann sagt selbst an einer Stelle seiner
Einführung, eigentlich dürfe man diese Graphik nur in den
besten Drucken genießen. Was die Reproduktionen bieten
können, ist nur ein Abglanz, da das Wesentliche der
Slevogtschen Graphik im Vortrag liegt. Der Gesamtein-
druck des Bandes ist auch daium nicht ganz rein, weil es
sich überwiegend um Illustrationen oft kleinen Formats
handelt, wovon zuweilen zwei auf einem Blatt gezeigt
werden. Im ganzen vermittelt der Band dann aber doch
den leichten Rausch, der von Slevogs Graphik ausgeht, er
gibt eine Vorstellung von dem Glanz, der auf dieser versinn-
lichten Geistigkeit liegt.

Waldmanns Einführung ist geistreich, leicht, lebendig
und anmutig geschrieben. Wie alles aus der Feder dieses
vielseitigen und schnellen Geistes. Nicht verschwiegen
darf freilich werden, daß man eine gewisse Exaktheit und
Systematik der Darstellung vermißt. Man hätte gern Ein-
gehenderes über die technische Arbeitsweise Slevogts, über
seine Entwicklung als Graphiker, über das Verhältnis des
Illustrators zum freien Graphiker u. a. m. gehört. Die Ein-
leitung ist gut, aber sie ist zu sehr Feuilleton für ein Buch wie
dieses; sie hätte mehr vom Historiker geschrieben sein sollen.

436
loading ...