Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

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AD. v. HILDEBRAND, FRAUENBILDNIS

UNSTAUSSTELLUNGEN

BERLIN

Kandinsky, der es im bolschewisti-
schen Rußland doch auf die Dauer
nicht aushält, ist zur bürgerlichen Gesellschaft nach Deutsch-
land zurückgekehrt. Er stellte neue Arbeiten bei Gold-
schmidt und Wallerstein aus. Was er zeigt sind nach wie
vor mehr oder weniger geistreiche Tapetenmustermotive
(ohne Rapport), aus Formen zusammengebaut, die von fern
an Endells Ornamente erinnern. Er arbeitet mit einem
psychologisch gemeinten Bezugssystem von spitzen oder
runden, harten oder weichen, starren oder biegsamen,
schwellenden, greifenden, züngelnden oder sich gegenseitig
abschleifenden Formen, und mit einem korrespondierenden
Farbensystem. Das Ganze sieht immer mehr oder weniger

wie ein wissenschaftliches Präparat aus. Die Formkombina-
tionen könnten geistreicher sein, die Farbe wirkt etwas
dekorationsmalermäßig, der Gesamteindruck ist mehr gra-
phisch als malerisch. Der Ausdruck „absolute Malerei" paßt
in keiner Weise. Man verläßt die Ausstellung mit dem Ein-
druck, daß Kandinsky nicht eben viel Talent hat. Er hat
eine Art von Contre-Talent.

*

Aquarelle von Kokoschka, bei Paul Cassirer ausgestellt,
konnten das Urteil über diesen Künstler weder so noch so
verändern. Sie haben feine und frische Reize, haben viel
Charme, aber auch nicht mehr. Begabt aber unfleißig. In
der Farbe palettenhaft. Kokoschka hört eben dort auf, wo
es sich entscheidet, ob einer ein begabter Skizzist oder ein
Meister ist. Sehr begabt! aber schließlich doch G'schnas.

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