Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

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GEORG KOLBE, STUDIENZEICHNUNG

GEORG KOLBE

VON

KARL SCHEFFLER

Die revolutionäre Bewegtheit der Zeit, der sich
nur wenige Künstler ganz entziehen können,
äußert sich in der Kunst Kolbes als eine akute
Hinneigung zur expressionistischen Formstilisie-
rung, nachdem sie sich vor zwei Jahren schon
geäußert hat in einer unbedingten Förderung radi-
kaler Kunstbestrebungen gelegentlich einer unter
Kolbes Verantwortung entstandenen Ausstellung
der freien Sezession. Es gibt neuere Arbeiten,
mit denen der Künstler seine gewohnte sinnfällige
Art der Modellierung menschlicher Körper ver-
läßt, um die Formen mehr lehrhaft kubistisch zu
zerlegen; und es gibt andere, wo die frühere Be-
wegungsfreude einer steilen, hieratischen Erstarrt-

heit gewichen ist, wo die sonst so offen heiteren
Gebärden in zelebrierende Feierlichkeit gezwungen
sind. Man braucht nur die Teilaufnahmen der
Tanzenden auf Seite 63 mit der der weiblichen
Gestalt aus diesem Jahre zu vergleichen (S. 67),
um zu erkennen, zu welcher Strenge Kolbe sein
bewegungsfrohes Talent zu erziehen sich bemüht,
in welcher Weise er absichtsvoll einen neuen
Stil sucht.

Sieht man genauer zu, so zeigt es sich freilich,
daß sich die glückliche Natur Kolbes von künst-
lerischer Abstraktion nur bedingt zwingen läßt.
Durch die strengere Stilabsicht dringt siegreich
immer wieder eine angeborene Leichtigkeit und Ge-
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