Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

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GORGONEION." ARCHAISCH-GRIECHISCH

ABU. T

GRIECHISCHE IDEALKÖPFE

IM BERLINER MUSEUM

VON

BRUNO SCHRÖDER
I.

In einem Landhaus zu Neubabelsberg steht, in-
mitten von Werken der Kunst aus mancherlei
Ländern und Zeiten, ein altägyptischer Götterkopf.
Gradeaus blicken seine Augen, regungslos ist er
aufgerichtet. Und nicht weit davon lacht vom
Gesims der Kopf einer Frau. Impression de l'om-
nibus hat der Künstler sein Werk genannt. Die
Erinnerung an einen flüchtig vorüberhuschenden
Ausdruck im Antlitz eines Weibes ist in das gelbe
Wachs gebannt. Vom Zufall ist das Werk ange-
regt, in vergänglichstem Stoff gebildet, in kurzem
Anschauen am besten zu genießen. Nun stehen
die beiden Köpfe hier als gute Nachbarn, und
■— in ihrer Idee erfaßt — bedeuten sie doch An-
fang und Ende des langen Weges, den die pla-
stische Kunst durchmessen mußte, bis sie am Ziel
war und es ihr gelang, auch die flüchtigste Gemüts-
bewegung, die sich im Antlitz des Menschen kund-
gibt, festzuhalten.

Wir haben uns früher einmal griechische Akt-
figuren vergegenwärtigt und ihre Ausdruckskraft
bewundert („Kunst und Künstler" 1916, Seite 602 ff.).

Deutlicher noch als im Körper spiegelte sich auch
bei den Alten die Menschenseele im Antlitz und
Schmerz und Freude hat es immer gegeben. Aber
die Künstler haben nicht zu allen Zeiten das
Können oder Wollen besessen, um seelisches
Leben in allen Regungen darzustellen. Das Kön-
nen mußte sich entwickeln, das Wollen richtete
sich nach den Bedingungen des gesamten Kultur-
lebens. Es lohnt die Mühe, zuzusehen, wie die
Griechen auch diese Aufgabe bewältigen. Wir be-
gleiten sie dabei auf de/n Wege, dessen Anfang
und Ende wir eben mit den beiden so gegen-
sätzlichen Köpfen abgesteckt haben. Freilich hat
die griechische Kunst nur eine Strecke dieses
Weges mit durchlaufen. Es ist, als wenn ein
Wettläufer mit Vorgabe läuft und vorm Ziel das
Rennen aufgibt.

Die Griechen haben zwar, wie es scheint, von
einer außergriechischen Kunst die häßlich ab-
schreckende Maske des Gorgoneions übernommen
(Abbildung 1), aber eben als Maske, die fremd in
die Hellenenwelt hineinstarrt, als Formel, die erst

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