Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

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NEUE BÜCHER

P i c a s s o v. Maurice Ray nal. Delphin-Verlag, Müncheni92r.
Was dieses Buch voraussetzt, ist nicht einmal so große
Bilderkenntnis wie etwa manches Kapitel bei Meier-Gräfe,
nicht soviel philosophische Belesenheit und Fähigkeit sprach-
lich Dunkles, gewollt oder aus formaler Impotenz Kompli-
ziertes zu verstehen, wie es Stöße moderner Kunstbücher
aufweisen, wohl aber Verständnis für diesen ganz freien,
mutigen, weltstädtischen Geist, der die Atmosphäre jener
Kreise bildet, in denen Raynal und auch sein Fieund Picasso
heimisch sind, und in denen klare Skepsis mit echter
Kameradschaft zusammengeht, sprühende Begeisterung augen-
blicklich in Ironie oder vielmehr in „blague" umschlagen
kann, wo man Unverfälschtheit des Naturtriebs — sei es
einem Künstler, sei es bei einem kleinen Mädchen — den-
noch mehr schätzt als höchst Intellektuelles, wo man end-
lich soviel von Malerei versteht, daß man schon garnicht
mehr darüber spricht. Jedenfalls nicht zusammenhängend,
— Auch Maurice Ravnal möchte wohl lieber kein Buch
schreiben, sondern sich vor Picassos Bilder stellen, ein paar
gesprochene Sätze mit Handbewegungen unterstreichen und
den Zuhörer, der dazu mit dem Kopfe nickte, zu einer
Anisette auf der baumüberwölbten Terasse der Coserie des
Lilas einladen und mit ihm im Gefühl schöner Einigkeit
über den abendlichen Platz blicken. Aber aus allgemein
geübter Gewohnheit und Metier schreibt er es dennoch
und legt für den verehrten Kameraden Zeugnis ab.

Sein Leitmotiv gibt er gleich auf der ersten Seite:
Nämlich, daß wir durch Picasso gelernt hätten, es gäbe in
der Welt des Empfindungsvermögens ebenso Entdeckungen
zu machen, wie in der Physik. Ein solcher Entdecker, wie
sie die Welt beunruhigen, ist ihm Picasso, ein Konquistador,
der die fremden Länder erschließt und Andern überläßt
sich darin einzurichten. Der Kontinent, in dem diese Land-
striche liegen, ist die buchten- und schluchtenreiche Seele
des Menschen. — Rapide, wie das Ganze geschrieben ist
(wozu der feierlicli große Druck etwas im Gegensatz steht)
gibt er einen Abriß des Werdegangs dieses Wunderkindes,
das schon mit vierzehn Jahren „ausstellungsreife" Sachen malt,
deutet die Einflüsse der Heimatnatur, der Meister alter
und neuer Zeit, der christlich und historisch gerichteten,
streng lateinischen Erziehung an, welche ihn früh die Mensch-
heit unter den idealisierenden Gesichtspunkten des Schmerzes,
der Armut und der Einfachheit sehen läßt. Apollinaire, der
sensible, instinktreiche Ostjude, wird in Paris Freund und
Anreger für Picasso. Er hat damals in seiner dunkel-klingen-
den Prosa die blauen Werke des Jünglings gefeiert, die später
halb Europa entzückten. Raynal benutzt die Gelegenheit,
Lyrismus strömen zu lassen, nicht, sondern gibt uns in der
Pose des Berichterstatters ein glänzendes kleines Intermezzo:
Ein Bankett zu Ehren Henri Rousseaus, das in dem kuriosen
Atelier Picassos stattfand.

Was dann folgt, soll und kann nicht kurz zusammen-
gefaßt werden. Es stehen aufleuchtende Wahrheiten in die-
sen Kapiteln, derenStil zwischen erregtem Kaft'eehausgespräch
und ciceronianischem Plaidoyer schillert. Aus leidenschaft-
lich miterlebender Anschauung geboren, haben die Sätze
Blut und Muskeln, aus denen sie freilich auch auf manches

losschlagen, was man mit Fug und Recht hochschätzt. Hinter-
her aber bemerkt man nicht ohne Erstaunen, daß Werden und
Bedeutung von Picassos „Entdeckungen" zwischen dem Zick-
zack der raschen Perioden eindringlich klar dargestellt sind.

Im letzten Teil setzt sich Raynal mutig mit den neuesten
klassizistisch-naturalistischen Versuchen auseinander, deren
vergleichsweise Schwächliches ihm natürlich nicht entgangen
ist. Es ist nahezu ergreifend, zu spüren, wie unter dem
außerordentlichen psychologischen Kummentar, der immer
wieder das felsenfeste Vertrauen auf die Größe von Picassos
Künstlertum, auf das Unerschöpfliche seiner Empfindungs-
fähigkeit betont, der leise Klang tiefer Besorgnis zittert:
„Irgendwelche Sterne in seinen Augen sind erloschen."
Aber dennoch, die letzte, größte Periode des Freundes liegt
noch vor ihm, und er möchte bei ihm weilen in den ernsten
Stunden, wo er, Herr seiner selbst und seiner Zweifel,
Akkorde finden wird, „Akkorde, ausströmend in Werke, die
wohl, weil durch Reue erhöht, seine reinsten sein werden." —

Die Bilderbeigaben sind reich und ausgezeichnet. Der
Übersetzer (die französische Ausgabe liegt noch nicht vor)
ist nicht genannt. Er hat es nicht leicht gehabt. Leider
sind trotz seines Müheaufwandes viele Gallizismen stehen
geblieben, und manche Wendung bekommt erst ihre eigent-
liche Farbe, wenn man sie sich ins Französische zurück-
überträgt. F. Ahlers-Hestermann.

Die Kunst und die Revolution von Gustav Pauli.
Bruno Cassirer Verlag, Berlin.

Der Verfasser sucht in dieser Schrift, die aus einem
Vortrag entstanden ist, das Gesetz, dem die Stilbildung in
Zeiten tiefgreifender Revolutionen unterworfen ist. Als
Beispiele dient ihm die Zeit der Reformation, die Zeit der
großen französischen Revolution und die Revolution dieser
Jahre. Er stellt dar, wie sich solche Geisteswenden in der
Kunst ausnehmen und kommt zu dem Schluß, daß jeder
Revolution eine Kunst sinnlicher Intuition und gefühls-
mäßiger, meist etwas hysterischer Fülle vorausgeht, und
daß eine neue Exaktheit, eine mehr konstruktive Tendenz
in ihrem Gefolge einhergeht, daß kurz vor einer Revolution
barocke malerische Bestrebungen herrschen, und nachher
mehr akademisch kompositorische Bestrebungen. Diese
These wird mit vielem Geist und glücklich gewählten Bei-
spielen in einer ansprechenden Form verfochten. Neben
die ausklingende Gothik wird die Renaissance, neben das
Barock der Klassizismus, neben den Impressionismus der
Expressionismus gestellt. Das letzte Beispiel überzeugt am
wenigsten; um so weniger, als wir bezweifeln, ob die Re-
volution, die wir erleben wirklich zu den geistigen ge-
hört, ob sie nicht vielmehr rein wirtschaftlicher Natur und
darum für die Kunst nicht wesentlich ist. Die Anziehungs-
kraft der kleinen Schrift ist aber groß, sie verlockt, von
dem dem Leser angewiesenen Standpunkt aus die ganze
Kunst zu denken.

Der Verfasser bittet, bei dieser Gelegenheit einen sinn-
störenden Druckfehler zu berichtigen. Seite 10 muß es
heißen: „Versuchen wir es mit dieser Einsicht unsern Fall
zu betrachten". Im Buch steht statt Fall das Wort „Ernst".

Karl Scheffler.

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