Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

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MAX LIEBERMANN, BILDNIS AUGUST GAULS
RADIERUNG

AUGUST GAUL f
AUS EINER ANSPRACHE MAX LIEBERMANNS

Nichts Traurigeres kann das Geschick dem Alter
auferlegen, als den um fast eine Generation
jüngeren Freund dahinsterben zu sehen. Und
einen Mann und einen Künstler wie August Gaul,
der mir seit einem viertel Jahrhundert Mitarbeiter
und Kampfgenosse gewesen! Von der Gründung
der Berliner Sezession an. Aber nicht nur ein
treuer Kampfgenosse, er war — was uns gerade
jetzt so not tut in den schweren Zeiten, die wir
durchleben, — Steuermann und Lotse zugleich,
um den schwankenden Nachen der Kunst, der
von Stürmen und Wellen hin- und hergeworfen
wird, in den sicheren Hafen zu bugsieren. Denn
sein unfehlbar sicherer Instinkt ließ ihn stets das
Richtige erkennen.

In unserem dahingeschiedenen Freunde war
Talent und Charakter eins. Oft ist das Genie,

daß die Götter dem Künstler in die Wiege legen,
ein Danaergeschenk: es schwankt zwischen himmel-
aufjauchzend — zu Tode betrübt. Es ist der Kampf
zwischen „Wollen" und „Können", jenes faustische
Unbefriedigtsein, das leider nur zu oft den Künst-
ler verzehrt, ihn aufzehrt. Ein günstiges Geschick
hat Gaul davor bewahrt. Von seinem Vater, einem
Steinmetzmeister, lernte er spielend und unbewußt
das Handwerkliche seiner Kunst und auf dieser
einzig soliden Grundlage baute er, sicher wie ein
Gebäude, seine Schöpfungen auf.

Weil Gaul nur ein vollendetes Handwerk
schaffen wollte, deshalb schuf er vollendete Kunst-
werke: er war —ihm natürlich unbewußt ■—-ge-
nial, und weil er genial war, war nicht die geringste
Spur von „Genialischem" in ihm. Er wollte kein
Übermensch sein, sondern der einfache tüchtige

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