Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Korrespondenz.

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interessen aus verschiedene Jahreszeiten zu vertheilen.
Anfang August bricht in London jahraus jahrein die
8ni8vn niorts, wie der Gesellschaft, so auch des Kunst-
lebens herein. Jin Januar beginnen die Old Master
Exhibitivns, zunächst in den Sälen der Royal Acadeiny,
im Mai solgen die Ausstellungen dcr neuesten Leistungen
lcbender Künstler, welche einen auf dein Kontinent
geradezu unerhörten Znsprnch von Besuchern erfahren.

Außerordentliche Verhältnisse haben den drei-
jährigen Ausstellungen eine ganz besondere Bedentung
gegeben. Die erledigte Präsidentenstelle dcr Rvyal
Academy wurde kurz vor Jahreswechsel Sir Frederick
Leighton übertragen, eine Wahl, die in den weitesteu
Kreisen allgemeine Billigung gefunden hat. Untcr
der Leitung dieses srüheren Schülers von Steinle ist
zunächst der Ausstellung von Werken alter Meister in
Burlingtvu House in diesem Jahr einc ganz unge-
wöhnliche Ausdehnung gegeben wvrden. Wenn die
Benennungen der ausschließlich von Privaten gelieheuen
Bilder auch nicht iinmer auf Glaubwürdigkeit Anspruch
erheben können, — Prätentionen der Eitelkeit svllcn
freies Spiel haben, — so kommen unter den aus-
g^wählten, sonst schwerlich zugänglichen Bilderu dvch
imnier genug Werke vor, welche Kenner wie Kunst-
freunde fesselu. Ruysdael, du Jardin, Steeu, van
der Helst, van Dyck, Bassano, Naffaelin del Garbo,
Bissolo, Borgognone waren diesmal glänzend vertreten;
— ein vielumstrittenes Doppelporträt von Hvlbein
nicht zu vergesseu. Während Lie Ausstellung der Ge-
mälde 250 Nummern nmsaßte, betrug die inhaltlich
weit bedeutendere Sammlung vou Handzeichnuugen,
an Zahl fast das Doppelte. Die Sammlungen der
Königin in Windsor, der Universität von Oxford und
des Herzvgs von Devonshire, welche ihr Bestes beige-
tragen hatten, erfreuen sich ja längst eines Weltrufes.
Um so willkommener war darum die hier gebotcne
Gelegenheit eingehender und vergleichender Studien.
Es war dies die erste Ausstellung von Handzeichnungen
in Burlington House. 2m vorangehenden Winter
hatte die Rivalin der Royal Academy, die unter Sir
Coutts Lindsay's Leitung stehende Grosvenor Gallery,
mit einer ausschließlich aus Handzeichnungen bestehenden
Ausstellung das Vorbild der Nachahmung gegeben.
Die Grosvenvr Gallery stellte auch dieses Jahr Hand-
zeichnungen aus, meist aus den Sammlungeu von
Christ Church in Oxford, von I. C. Robinson, 2.
Malcolm, R. Roupelle, W. Russell und vom Earl
vf Warwick zusammengebracht. Mantegna's Schule,
Canaletto und die Holländer wareu hier am glänzeudsten
vertreten.

Gleichzeitig stellte der durch seine gesitreichen Ra-
diruugen in England allbekannte und sehr geschätzte
Arzt Seymour Haden sein Werk aus, während er durch

pvpnläre Vorträge, in der Royal Jnstitution über
die Technik der Radirkiinst gehalten, die Geheimnisse
sciner Kunst der Oeffentlichkeit übergab. Weniger er-
baulich sind die Vvn S. Haden gegen den fleißigen
Verfasser deS neuesten raisonirenden Kataloges vvn
Rembrandt's Radirnngen, C. H. dNiddleton, gemachten
Ausfälle in der Pressc, denen von gegnerischer Seite
wenigstens mit einer Ivisscnschaftlichcn Fragen gebühren-
den Gemessenheit in der Form begegnet worden ist. Jn
England ist sonst öffentlicher Skandal der Kunsthisto-
riker über die Prärogative des Privilegs für daö
Studium irgend eines Meisters ganz nngewöhnlich.
Ein anderer Streit. welcher noch sgrößeres Aufsehen
erregte, aber anderer Natur war, eclatirte in einem
Prozeß. Jn der Grosvenor Gallery stellte nämlich
vvriges 2ahr ein Amerikaner 2. Whistlcr nicht Bilder,
sondern Farbenkompositivnen seiner Palette aus, von ihm
„Ikocturne in Blau nnd Gold", „Arrangement in Weiß
nnd Schwarz" rc. genannt. Während die Einen diese
vrigincllen Farbenprodukte austaunten, Andere sie be-
lachten und selbst persiflirten, suchte Ruskin, der renom-
mirteste Kunstschriftsteller Englands, in scharfen Aus-
fällen die Bcalerci Whistler's als Humbug an den
Pranger zu stellen: es sei eine Frcchheit, die sich das
Publikum nicht gefallen lassen dürse, daß dieser Maler
seinen Farbentopf ihm in's Gesicht schleudere nnd
dergl. mehr. Whistler schrieb eiuc matte Gegenschrift,

! gegen Kunstkritik im Allgemeinen, brachte aber auch
Lie Sache vor die Gerichte, indem er wegeu Schädiguug
seines Bcrufes klagbar wurde. Die Eutscheidung war,
daß Nustin zn „ono I'urtliinZ" — zwei Pfennig —
Schadenersatz verurtheilt wurde. Damit war offenbar
nicht gemeint, daß Ruskin's Kritik nicht mehr auszu-
richtcn vermvcht habe, denn Whistler's Prestige war
vffenbar vernichtet und der moralischen Niederlage folgte
der Baukerott auf dem Fuß.

Nach langer Unschlüssigkeit hat Nuskin im Friih-
jahr seine Prvfessnr in Oxfvrd niedergelcgt. Ein jungcr
Bildhauer, Richmond, ist auf den vakanten Lehrstuhl
berufen worden. Die Professuren der Kunstge-
schichte an den Universitäten Oxford und Cambridgc
bestehen bekanntlich durch das grvßartige Vermächtnii;
eines Mr. Slade. Für Schottland sind in diesem
Jahr durch das Legat von L. 2. Watson Gordon der
Universität' Edinburgh ausreichende Atittel zu eincr
ähnlicheu Stiftung überiviesen worden.

Die Sommerausstellung moderner Bilder in der
Nvyal Acadcmy ist in diesem 2ahr allgemein sehr
günstig beurtheilt wvrden, während im Vvrigen 2ahre
verschiedene BUtgliedcr derselben über den Mißbrauch
ihrer Privilegien harte Vvrwürfe hatten hören müsscn.
Wie wenig eine von nationalen Jnteressen und Ge-
wvhnhciten der Anschaunng unbeeinflußte Kritik renom-
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