Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Page: 119
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1880/0066
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
119

Kunstliteratur.

120

Aunstliteratur.

Die Kunst für Allc. Eme Sammlung der vorzüg-
lichsten Malerstiche, Radirungen und Formschnitte
des 15. bis 18. Jahrhunderts, herausgegeben von
H. G. Gutekunst. Mit erläuterndem Texte von
L. Weisser und C- von Lützow. Lief. 1—35.
Stuttgart, P. Nesf. 1877—79. Fol.

Dieses vorzügliche, von uns wiederholt empfohlene
Sammelwerk schreitet gegenwärtig, nachdem für den
verstorbenen Weisser unlängst Lützow in Wien als
Textverfasser eingetreten ist, rasch der Vollendung ent-
gegen, und wir könneu schon jetzt einigermaßen den
reicheu Jnhalt überblicken, den die 100 Tafeln bieten
werden, da den Ankündigungen des Herausgebers zu-
folge nur unerhebliche Aendernngen an dem ursprüng-
lichen Programme zu erwarten siud.

Das Unternehmen hatte sich hiernach zum Ziele
gesetzt, in Ergänzung der aus demselben Verlage her-
vorgegangenen „Klassiker der Malcrei" gleichsam eine
Sammlung von Klassikern der vervielfältigenden Künste
darzustellen, in welcher die Bedeutung dieser allzu oft
geringgeschätzten Zweige volksthümlicher Kunstthätigkeit
durch eine Auswahl ihrer vollendetsten Schöpsungcn
aus dem Zeitalter ihrer Blüthe in Lichtdrucken vor-
geführt werden sollen. Die Reihe der Blätter beginnt
mit den Niellen des fünfzehnten Jahrhunderts und
schließt mit den glänzenden Leistungen der Grabstichel-
technik ans der Epoche des Barockstils. Den Beginn
machen die alten Jtaliener, ein Baldini, Giulio Cam-
pagnola, Jacopo de' Barbari, Raimondi, Martino
Nota, Annibale Caracci u. A.; diesen solgcn die
Deutschen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhnndcrts
vom Meister E. S. vom Jahre 1466 und Martin
Schongauer bis aus Dürer mit seinen Zeitgenossen
und Nachfolgern, einem Cranach, den beiden Beham,
Aldegrever, Burgkmair u. s. w.; von Schongauer sind
fünf, von Dürer siebzehn Blätter (16 Stiche und 1
Holzschnitt) reproducirt. Die Reihe der alten Nieder-
länder beginnt mit L. van Lehden (4 Blätter), wel-
chem sich aus der Uebergangsepoche zu der Entwickelung
der modernen Grabstichelkunst ein Heinrich Goltzins,
Jacob de Gheyn u. A. anschtießen. Der Hauptmeister
der niederländischen Radirung des 17. Jahrhunderts'
Rembrandt, hat eine ebenso reiche Vertretung wie
Dürcr gefunden, nämlich durch siebzehn Blättcr. Neben
ihm stehen Ostade, Berchem, Everdingen, Rnisdaeh
Waterloo und von den Flamändern Rnbens, van Dyck
und Pontius. Die Entwickelung der französischen
Stecherschule endlich wird durch Prachtblätter von
Nanteuil, Masson, Edelinck, P. Drevet, G. F. Schmidt
und Wille repräsentirt.

Die bloße Nennung dieser Meister genügt, um

zu zeigen, daß wir es hier iu der That mit Bausteinen
zu einer illustrirten Geschichte der vervielfältigenden
Kunst zu thun haben, und es wäre nur zu wünschen,
daß der Erfvlg des Werkes es dem Herausgeber bald
ermöglichte, in einer zweiten Serie eine Ergänzung
des hier Gebotenen vvrzunehmen; denn so reich auch
bereits die vorliegende Blüthenlese sich darstellt, so
mußte darin doch in erster Linie auf das Allerwich-
tigste und daher auch Bekannteste Rücksicht genvmnien,
und manches durch Seltenheit ausgezeichnete Blatt,
welches dem Kenner und Fachmann erwünscht gewesen
wäre, noch bei Scite gclassen werden. Wir begegnen
daher in der „Kunst für Alle" wvhl einzelnen Tafeln,
welche dieselben Gegenstände bieten, welche in andern
ähnlichen Sammelwerken aus neuester Zeit ebenfalls
enthalten sind, so z. B. in der Sammlung der weit
verbreiteten Heliogravuren A. Durand's. Aber diese
Cvngruenz war schwer zu umgchen, da die Haupt-
blätter z. B. eiues Dürer und Rcmbrandt doch deß-
halb, weil sie auch der französische Herausgeber schou
gebracht, in dem deutschen Werke nicht ganz fehlen
durften. — Es möge bei dieser Gelegenheit auch be-
merkt werden, daß die Art der Reproduktion, welche
bei der „Kunst sür Alle" befolgt ist, sich von der dcs
genannten Pariser Unternehmens in einem wesentlichen
Punkte vortheilhaft unterscheidet. Sv brillant anch
die Wirkung der Durand'schen Heliogravuren ist, sv
leiden dieselben doch an dem großen Fehler, daß die
Platten meistens vollstündig überarbeitet sind
und durch diese Retouche dcn Charakter der Originale
oft gänzlich einbüßten. An den in der „Kunst für Alle"
gebotenen Lichtdrucken ist dagegen kein Strich nachge-
arbeitet, und die bcrühmte Nommcl'schc Anstalt, aus
welchcr dic Abdrücke hervorgeheu, hat iu letzter Zeit
das hier angewcudete Berfahren derart vervollkommnet,
daß dasselbe wirklich Alles bietet, was der Glastafel-
druck übcrhaupt zu leisten im Stande ist. Auch unter
dicsem rein phototechnischcn Gesichtspunkte bctrachtet,
darf daher das Werk auf die Bcachtung aller Fach-
kreise den gerechtcsten Anspruch erheben.

Nicht mindere Sorgfalt, als auf dic Herstellung
der Reproduktionen, wurde vvm Herausgeber auf die
Auswahl der Originaldrucke verwendet. Jn vieleu
Fällen liegcn den Heliotypien Blätter aus der berühm-
ten Sammlung Durazzo zu Grunde, welche bekanntlich
vor einigen Jahren in Stuttgart untcr den Hammer
kani. So z. B. gleich bei dem auf Taf. 1 reprodu-
zirten, dem Finiguerra zugeschriebeueu Niellv (Anbc-
tuug der Könige), gegeuwärtig im k. Kupferstichkabinet
zu Bcrlin. Andere Blättcr stammcn aus der berühmteu
Didot'schen Sammlung. Für die Neprvduktivn des
Hauptblattes von Zasinger (der große Ball, B. 13)
diente das Original der Albertina, Ivelches die Direktivu
loading ...