Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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^5. Iahrgang.

Beiträge

sind an j)rof. Dr. L. von
Lützow (Lvion, There-
sianumgasse 25) oder an
die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

2q<. December

Nr. U.

Inserate

ü 25 für die drei
Mal gespaltene j)etit-

Buch- u.2(unsthandlung
angenommen.

187Y.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Crscheint von September bis Iuli jede woche am Donnerstag, von Iuli bis Leptember alle Tage, für die Abonnenten der ,,Zeitschrift für
bildende Runst" gratis'; für sich allein bezogen kostet der Iabrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen jDoftanstalten.

)nhalt- Rorresvonden^- ^nnsbruck; Dresden- München. - .^ranz Zttenbach - Beue Photographien aus S.ena und Um^

' Runst-^und Gewerbe-Ausstellunq in Düsieldorf. — Berliner weihnachtsmesie; verkauf emer papstl.chen Sammlung. — Neu.gke.ten des
Buch- nnd Runsthandols. — Zeilschriften. — Znsrrate.

Aorrespondenz.

Jnnsbruck, im November 1879.

« r -2 So hat die modernste italienische Plastik
auch in den ernstcn katholischen Friedhof unserer Landes-
hauptstadt ihren Einzug gehalten! Wir verdankeu diescs
Ereigniß. — denn als solches müffcn ivir es nach der
Haltung des Publikums betrachten, — dem Grasen
^odrvn, welcher bei dem bekannten Bildhauer Andr.
Makfetti in Mailand ein Denkmal bestellte. Mal-
setti — bciläufig ein Mann in dcn ersten vieitzig Jahren
^— ist in der Nähe von Noveredo geboren. Wenn man
das Denkmal sieht, begreift man das Donnern der
Ultramontanen: der christliche Charakter ist bis auf
die lctzte Spur vcrwischt. Wir haben uns natürlich
uicht auf diesen Standpnnkt zu stellen, sind jedoch aus
underen Gründen der Ansicht, daß dieses Monument
oher der Laube eines Parkes zur Zierde gereichen würde.
Mir erblicken eine stumpse Pyramide, aber mit ciner
weisterhaft ausgesührten gestickten Draperie verhängt,
darunter das Wappen der Familie. Weißlichgrauer
grobkörniger Marmor. Von dcr Basis laufen ver-
schiedene Vorsprünge aus, wie und warum, ist nicht
ubzusehen; uns scheint die ganze Architektur vcrsehlt,
grüudlichst verfehlt. Auf einer solchcn Ecke sitzt nun
^"ic junge Dame, welchc noch nichl ihre Mvrgen-
toilette gemacht hat, sie hält einen Kranz in der Hand
und blickt mit stummem Schmerz gerade aus. Man
U'uß sie sür eine allegorische Figur halten, denn als
berlvrene Unschuld kaun sie dvch nicht gelten. Jhr

Haar hat sie noch nicht frisirt, und wir bedauern, daß
der Künstler auf die realistische Nachbildung so viel
Mühe verschwendete; es ist und bleibt gewickeltes Werg.
Da kann ein für allemal nur die Polychromie aus-
helfen. Die Stofse der Kleider sind mit großer Fertig-
keit nachgebildet, namentlich schmatzt unser Publikum
vor Freude über eine Naht in dem Ueberwurf. Warum
mag ein Kllnstler von so entschiedenem Talent dem
goldenen Kalbe der Mode nachlaufen? Denn ein
Künstler ist Herr Malfetti trotz aller kleinen Kunst-
stücklein, mit denen er auf einen flüchtigen Effekt hin-
arbeitet. Die Statue hat Lcben und Ausdruck, das
Fleisch ist vortrcfflich modellirt, die Führung der Linicn
zeigt seines Gefühl, und an der Technik können unsere
Künstler noch lange lernen. Ueberall brio, olo^Lnru,
nobkasss ! Gebrauchen wir nur diese sremden Worte,
sie paffen hier. Uebrigcns schadet es auch nicht, daß
auf unserem Friedhofe, der von verschicdenen mißlunge-
nen Christussen wimmelt, einmal ein neues Motiv zur
Geltnng kommt. Eine Wiederholung desselben, wie
sie ganz gewiß zu erwarten steht, da unscr Pnblikum
jubelt und kritiklose Geldprotzcn auch bei uns nicht
selten sind, dürfte freilich nicht zu den wünschens-
werthen Dingen gehören.

Mehr entspricht der Würde des Platzes ein Dcnk-
mal, welches Professor Gasser in Wien für den
Kaufmann Stotter ausführte. Christus sitzt in feier-
licher Haltung, das Buch des Lebens in der Hand, in
einer Nische aus graucm Granitmarmvr von Neu-
baiern. Die Marmorstatue ist lebensgroß, schlicht und
einfach, aber ernst und feierlich. Weniger gelungen
scheinen die zwei Engelein, welche aus Florenz nach

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