Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Jähresausstellung im Wiener Künstlerhause,

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Makart's und seiner Schule gewiß vortrefflich ent-
sprochcn hätte. Abcr die erste sür diese Technik ver-
sügbare Kraft, wir meinen die William Unger's, ist
durch die große Pnblikation der Belvedere-Galerie der- j
artig in Anspruch genommen, daß man auf sie nicht
chnmal für die Leitung des Ganzen, geschweige denn >
für die eigentliche Ansführung der Platten hätte rechnen '
kvnnen. Die zu Rathe gezogenen Fachmänner, dar-
unter nnsere tüchtigsten Kupferstecher, sprachen sich dem-
uach sür die heliographische Reproduktion aus, und die
den Heliographien zu Grnnde liegenden Zeichnungen
üwrden einer Anzahl von jüngeren, dem Kreise Ma-
^art's angehörenden oder nahestehenden Künstlern an-
bertraut. Die Herstellnng der Heliogravüren über-
uahm das k. k. militär-geographische Jnstitut, den j
Druck besorgt die Gesellschaft für vervielfältigende
Knnst, welcher vom Gemeinderathe zur Ausführung
^er Arbeiten die Summe von 50,000 Gulden ö, W.
zur Bersügung gestellt wurde. Nach dem Prospekt,
Mlchex unserem letzten Hefte beilag, soll das gemeinde- !
Ehliche Werk in zehn Lieferungen erscheinen und bis
Eude dieses Jahres vollendet sein, Acht Liefcrungen
?u je vier Blättern und eine Lieferung zu fünf Blättern
ü'erden den Festplatz, die Festzngsgruppen und den
Huldigungsakt, die zehnte endlich wird den reich illu-
I^irten Text enthaltcn, Die Bildfläche der Tafeln
uüßt 27 C. Hohe und 77 C, Länge. Das Forniat
Textes ist Jmp. Fol,

An der ersten uns vorliegenden Lieferung sind
^-b.Blaas, Frz.Ruß, Prof. R.Huber undA.Probst
Zeichner bethciligt. Wenn die von ihnen gelic-
svrten Blättcr in der helivgraphischen Reproduktivn
Uicht dnrchweg einen gleich günstigen Eindruck machen,
liegt die Ursache davon in der verschiedenen Art
^r Technik, welche die Zeichner angewendet haben.
^ inehr dabei dcr feste Strich zur Geltung gebracht
M desto günstigcr war es sür die Wirkung der Helio-
ill'aphix, Jx „iehr dagegen im Original breitc, gleich-
'"üßig augelegte Schattentöne vorwalten, desto weniger
^riiiochte die Hcliogravllre den an sie gestellten An-
^rtichen zu genügen, Alle solche platt hingelegten
^chattenmassen stellen sich im heliographischen Abdruck
nicht hinreichend farbehaltige, blinde Flächen dar,
vNen erst dnrch Nachradiren Wirkung und Reiz ver-
^vhen werdcn muß, Abgesehen von diesen technischen
ucbenheitcn ist die Wirknng dcr Blätter übrigens
vUic rech^ ansprechendc, Dic Zeichnungen geben
'Ucht eilke Details der Kostüme, Wagen, Geräthe,
Pserde u. s. w. nnd zahlreiche Porträts der Festge-
bvssen tren und charakteristisch Ivicder, sondern sie bieten
^bch einc svlche Fülle hübsch erfundener und geschmack-

dargestelltcr Bewegungsmotive. so viel malerisch
^ugeordnete und meisterhast durchgebildete Gruppen,

daß sie als für sich bestehende kleine Kunstwerke
gelten können. Eines der reizendsten Blätter ist in
dieser Hinsicht der von Franz Rnß gezeichnete Garten-
bau, während in der Art des Vortrags das Blatt von
Prof. R. Hnber, das Gewerbe der Fleischhaner, als
die gelungenste unter den bisherigen Leistungen zn be-
zeichnen ist,

Wir werden auf die beiden, noch im Erscheincn
begrisfenen Publikationen wiederholt zurückkommen. So-
viel darf aber schon jetzt gesagt werden, daß das Ereigniß
des vorigen Jahres nicht vorübergegangen ist, ohne
eine seiner würdige Spur in der Kunstliteratnr nnsercr
Zeit zu hinterlassen.

T,

Die Iahresausstellung im Mener Aünstlerhause.

I.

Von Jahr zu Jahr mehren sich dic Klagen über
die llnzulänglichkeit unserer Jahresausstellnngen, und
immer entschiedener macht sich die Ueberzengung geltend,
daß die Künstlergenossenschaft, welcher man Vvr einem
Decennium die bis dahin von der Akademic besorgte
Vcranstaltung dcr größeren periodischen Ausstellungcn
nbertragen hatte, sich dieser Aufgabe durchaus nicht
gewachsen zeigt. Alle Maßregeln, welche in den tetztcn
Jahren zur Förderung der genvssenschaftlichen Jahrcs-
ausstellungen getroffen wurden, haben sich als nutzlos,
ja nach der Ansicht Mancher sogar als hindcrlich er-
wiescn, so z, B. dic Stiftung von Medaillen, die Ver-
theilung des akademischen Ncichel-Prcises, dic Ankäufe
aus der Staatsdotativn, Das Jntercsse des Pubti-
knms an den Ausstellungen derGenossenschaft droht nach-
gerade auf den dtnllpunkt hcrabzusinken, Und Iver
kann sich darüber wundern? Was uns in den Räumen
des Künstlcrhauses geboten wird, ist nicht geeignet,
einen irgendwie genügendcn Ueberblick Uber die künst-
lerische Produktion der Gegenwart zu gewähren; es
führt uns nicht cinmal dic Kräfte der Wiener Schule
in würdiger und einigermaßen vollständiger Vcrtretung
vor, Än den Kreisen der Künstler Ivie der Knnst-
freunde wird daher immer lauter der Wnnsch nach
einer durchgreifenden Reform unseres Ausstel-
lungswesens vernehmbar, einer Reform, an wclcher
unserc ganze künstverwandte Welt, in erster Linie aber
auch der Staat intercssirt ist, und welchc frühcr oder
spätcr, mit oder vhne Beihilfe der Genosscnschaft, zn
energischer Durchführung gelangen mnß, Jn dem bis-
herigcn Tempo geht es nicht weiter!

Die Ansstcllnng des lausenden Jahres hatte
ähnlich wie die des vvrigen, dic Kontürrenz einer
großen deutschen Rivalin zn bestehen, Wie 1879
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