Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Wiener Festzugs>Publikationen.

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ersten Ausstellung der Skizzen anfgetauchte Plan,
danach eine große Friesdekoration im neuen Rathhause
malen zu lassen, sich inzwischen als unausführbar er-
wiesen hat. Aber nicht nur die Stadt zeigte sich in
der Sacke völlig apathisch, auch sonst fand sich in
Wien kein Liebhaber für jene geistvollen Entwürfe, so
daß der Künstler, welcher — beiläufig bemerkt — für
sein monatelanges, opferfreudiges Schasfen keinerlei
Ehrensold von seinen Auftraggebern erhalten hat, sich
schließlich genöthigt sah, die Skizzen um eine gering-
fügige Summe cineni — englischen Kunsthändler zu
verkaufen!

Die zweite Publikation, Welche den Ansprnch er-
hebt, uns ein würdiges Andenken an das unvergleich-
liche Schauspiel zu gewähren, ist das unter Leitung
E. Stadlin's erscheinende Farbendruckwerk, ein Unter-
nehmen der rührigen Wiener Verlagsbuchhandlung von
M. Perles*). Das Werk nnterscheidct sich, abgcsehen
von seiner technischen Herstellung, schon dadnrch wesent-
lich von dem zuerst besprochenen, daß es nicht die
Makart'schen Entwürfe, sondern den Festzug, wie er
in Wirklichkeit (freilich ans Grundlage der Makart'schen
Skizzen und unter Leitung desselben) sich gestaltet hatte,
darzustellen unternimmt. Auf die Herstellung der Farben-
drucke hat Makart selbst keinen Einfluß genommen.
Diese wurde in der Kunstanstalt von I. Haupt nach
den Angaben und Entwürsen von Stadlin besorgt,
welcher, wie den Lesern bekannt, bei der Anfertigung
eines großen Theiles der Festzugskostüme als Vorstand
der vom Gemeinderathe eingerichteten Werkstätte Ma-
kart zur Seite stand. Das Werk reiht sich somit jenein
in der Schweiz erschienenen, früher von uns be-
sprvchenen Festalbum von Rour und Jauslin an,
welches uns den Zug von der Murtener Schlachtfeier
d. I. 1876 in farbigen Blättern vorführt, und findet
seinen Hanptwerth in der Treue, mit welcher es die
Trachten, Waffen, Festwagen, Geräthschaften, dann die
einzelnen Haupttypen und Gruppen des Zuges, hin und
wieder sogar eine hervorstechende Persönlichkeit in
Porträt und Kostüm charakteristisch wiedergiebt. Von
dem genannten Berncr Festalbum unterscheidet sich
Stadlin's Werk übrigens nicht nur durch seine bedeu-
tenderen Diniensionen (die Bildfläche beträgt 16 C.
Höhe und 51 C. Länge), sondern auch durch seine un-
längbar geschicktere und reichere Durchführung. Es
hat sich im großen Publikuni denn auch eines unge-
theilten Beifalls und enormen Absatzes zu erfreuen
gehabt: wogegen freilich andererseits nicht verschwiegen

*) Hans Makart's Festzug der Stadt Wien, 27. April
1879, als Huldigung zur silbernen Hochzeit des Kaiserpaares,
naturgetreu chromolithographisch dargestellt vonE Stadlin,
Kostümier des k. k. Hofburgtheaters. Wien, Verlag von M.
Perles. Querfol.

werden darf, daß den strengeren Anforderungen der
Künstler und feiner gebildeten Kunstliebhaber durch
Farbendrucke überhaupt nicht Genüge geleistet werden
konnte. Erinnern wir uns nur der vielen schmerzlichen
Enttäuschungen, die uns in den letzten Jahren durch
die farbigen Reproduktionen alter Oelgemälde, z. B.
der Darmstädter Madonna oder vollends des Dürer'schen
Allerheiligenbildes, in den Blättern der tLruncksI 8o-
oist^ zn Theil geworden sind, nnd urtheilen wir nickit
zu streng über die Leistnngen einer Anstalt, lvelche unter
dem Hochdrucke der Neugierde und der Konkurrenz
nicht etwa ein fertig vorliegendes Kunstwerk wieder-
zugeben, sondern aus der Erinnerung an tausend ent-
schwundene oder nur in Form todter Kvstümstücke nnd
Geräthe noch vorliegende Details erst ein Ganzes her-
zustellen hatte! — Das Werk Stadliu's, das im Herbst
vorigen Jahres zu erscheinen begann, ist gegenwärtig
bis zu sciner sechsten Lieferung vorgeschritten. Jm
Ganzen sollen es zehn solcher Lieferungen, jede zu vier
Blättern, werden, und für die Schlußlicferung wird ein
erklärender Text in Aussicht gestellt.

Als der Gemeinderath von Wien zu dem dritten,
soeben ans Licht getretenen Festzugswerke*) den Plan
faßte, wurde zunächst auch an farbige Wiedergabe des
Zuges gedacht, und dieser Gedanke lag so nahe, An-
gesichts der farbenstrahlenden Wirklichkeit, welche zn
reproduciren war, daß es der schwerwiegendsten Gegen-
gründe bedurfte, um davon wieder abzukoinmen. Diese
bestanden vornehmlich in der eben angedeuteten Er-
wägung, daß ein künstlerischer Eindruck durch farbige
Tafeln nnr mit dem Aufwande ganz cnormer Mittel,
an Geld und an Zeit, zu erreichen gewesen wärc.
Man dachte speciell an kolorirten Holzschnitt. Aber
dazu wäreu eine Anzahl vvn streng geschulten Holz-
schnittzeichnern vonnöthcn gewesen, welche die Borlagen
für dic Tylographen in der brciten Strichweise cincs
Dürer oder Bnrgkmair zu zeichncn vcrständen, und
jeder Knndige weiß, wie schwierig dieselben zu findcn
sind, wie langsam die Arbeit mit den wenigen verfüg-
baren Kräften von statten gegangen wäre. Dazn
würdc dann noch das Kolorircn mit der Hand ge-
kommen sein: eine Ausgabe, welche in diesem Falle
auch ihre ganz besvnderen großen Schwierigkeiten dar-
geboten hätte. Unter diesen Umständen cntschloß maN
sich nvthgedrnngen, von der farbigeu Vervielfältigung
abzustehen. — Allerdings wäre da nun in zweiter
Linie zunächst die Nadirnng in Frage gekommen: eine
Reproduktionsart, welche den koloristischen Jntentionen

*) Huldigungs-Festzug der Stadt Wien zur Feier der
silbernen Hochzeit II. MM. des Kaisers Franz Joseph ^
und der Kaiserin Elisabeth (27. April 1879), herausgegeben
vom Gemeinderathe der Reichshaupt- uud Residenzstadt
Wien. Wien, Verlag des Gemeinderathes. 1889. Querfol.
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