Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Markuskirche in Venedig und der englische Protest gegen die Neuaufführung ihrer Fayade.

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ein Entschluß, der im Publikum gewiß auf allseitige
Billigung rechnen darf.

Die Acarkuskirche in venedig

englische Protest gegen die Neuaufführung ihrer Faoadc.

Vielen Bewunderern dcr Markuskirche in Ve-
nedig wird es zur Genugthuung gereicht, Andere mit
Ueberraschung und vielleicht seltsamem Erstaunen er-
füllt haben, daß vor einiger Zeit von England eine
nngemein lebhafte Agitation ausging gegen die längst
projektirte Restauration der Fayade dieser unvergleich-
licheu Kirche. Dieser Protest richtct sich vornehmlich gegen
die seinen Urhebern unnöthig erscheincnde „Abtragnng"
der Fayade mit der dahinterliegenden Vorhalle, zum
Behufe der Nenanfführung des inneren Bankcrnes, ob-
gleich derselbe sich nach Ansicht der venezianischen Ar-
chitckten als unhaltbar und mit dem Einsturz drohend er-
wiesen habe und daher schleuniger Neuaufführung be-
dürse. Um so interessanter dürfte es den Lesern
dieser Zeitschrist sein, die sich wohl des vor drei Jahren
iiber diesen Gegenstand erschicnenen Artikels erinncrn,
Genaueres über die neueste Gestaltung der Dinge zu
erfahren. Um zu begreifen, welchen Eindruck der von
England ausgegangene, in der Geschichte der Kunst-
uud Baudenkmale einzig dastehende Schritt in Jtalien
und speziell in Venedig machte, in welcher Weise er
böses Blut verursachte und den lebhastesten Widerspruch
sand, ist es nöthig, weit auszuholen und den ganzen
Vorgang geschichtlich darzulegen.

Seit laugen Iahren wird an S. Marco aus die allcr-
verschiedenste Wcise und an den verschiedensten Stellcn
restaurirt, ohne daß es Jemand eingefallen wäre, an
diesen Restaurationen irgend eine Kritik zu üben,
irgend ein Verdienst oder eine Schuld abzuwägen. So
restaurirte man zu östcrreichischer Zeit die nördliche Seite
der Kirche, vielc Theile der inneren Wölbungen, be-
gann die südliche Seitc, welche dann vor drei Jahren
unter Jtalicns Regicruug sertig wurde, die Nichtkcnner
verblüffend, dem Kenner mit Schrecken enthüllend, was
an der Herrlichkeit der Kirche auf immer verloren sei.
Da erhob sich denn zum ersten Male eine Stimme,
welche sich zur Aufgabe stellte, in einer starkcn Brvschüre,
betitclt: „0886rvumoni 80pru i ri8tuuri äsllu ObissÄ
äi 8. Lnroo^ Alles, Ivas seither an dem Baudenk-
male gesündigt worden, schonungslos an's Tageslicht
zu ziehen. Wie sich dic Leser vielleicht erinnern wer-
den, ist der Autor dieser nicht genug anzuerkennen-
den „tMsorvLmoui" der junge Graf Aloise Zorzi;
er bekämpft in seinem Buche besonders das bisher be-
folgte System, die Restaurationsarbeiten an den Mindest-

fordernden zu vergeben, und brandmarkt überdies
schonungslos die Unfähigkeit des dirigirenden Archi-
tekten; schließlich nennt er die Mittel und Wege, auf
welchen eine Umkehr zum Besseren noch möglich sei,
und predigt ein System, welches im Konserviren, nicht
im Neuaufführen besteht. Zorzi ward nach dem
Erscheinen des Bnches über Alles gefeicrt; scin Werk
ward mit Heißhunger gelesen, gekauft, kommeutirt und
gab Anlaß zu sehr hitzigcn Auseinaudersetzuugcn in
der Lokalpreffe. Ja, es ward von Seiten venezianischcr
und in Venedig lebender frcmder Künstler und Kunst-
srcunde cine Ehreuadreffe an den Verfaffer gerichtct,
und er ward Ehrennntglied verschiedener Gesellschaften
in und außerhalb Vcnedigs. Die Feinde der guten
Sache, welche die von Zorzi ausgcsprochenen harten
Wahrheiten nicht leugnen konnten, schwiegen und suchten
nur uach Mitteln, um ihn im Geheimen zu bekämpfcn.

Obgleich Zorzi von der Regicrung aus schr wcnig
unterstützt wurde, so erhielt er doch von Seiten vcr-
schiedener Minister beglückwünschcnde Schreiben, ebenso
von anderen in der Kunstwelt hochangesehenen Per-
sönlichkeiten, und was mehr ist, der Erfolg war dcr
gewünschte: man ging von nun an mit viel mehr
Vorsicht an die weitercn Restauratiouen. Nichtsdestv-
Iveniger snchten alle jcnc, wclche bei der Restanratiou
der Kirche interessirt siud, anf jcde mögliche Weisc
dcn wohlthätigen Einfluß vvn Zorzi's Bnch zu er-
slicken, das allgemein erwachlc Nachdenken übcr den
Ernst der Sache wiederum einzulullen. So kam cs
denn, daß obwohl ciuige hohe Beamte sich anfrafften,
der Regierung dnrch unverhüllte Mittheilung allcs
deffen, was bisher Schlimmes geschehen Ivar, dic
Wurzel des Uebels klar zu machcn, die Diuge deu
alten Gang gingcn.

Zwar schien es eineu Augeublick, als ob mit deui
alten System gebrochen, als ob eine Neform ü>
der Art des Nestaurirens Vvn dcr Regierung befohlcn
sei. Die Persönlichkciten jedoch, welche bisher allcs
Uebel verschuldet hatten, wußten rccht gut, daß sie trotz
aller Negicrungserlaffe, weun auch nicht in Allem, so
doch im großen Ganzen nach bisheriger Gewohnheit
weiter verfahren dursten. So konnte es denn ge-
schehen, daß in der Kommissiou, welche nach Been-
digung der Südfront zur Beurtheilung des Geleistcten
zusammenbcrufen Ivurde, dieselbcn Namen fignrirteii,
dcren Träger seit Jahren die Kunstangclegcnheiten
Vcnedigs verwalteu, ja daß uuter deuselbeu sogar der dic
Restauration leitende Architekt, Comm. Meduna, ci»c
Stiiume hatte, dcrselbe Architekt, welcher mit seltencr
Unwiffenheit den bisher uuverglcichlicheu Markustcmpel
in eincn armseligen Ncubau zu verwandeln bestrebt
war. Das Nesultat der Kommissionssitzung war die
Gutheißung alles Geschehenen; die Hoffuungen allcr
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