Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstliteratur

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allgemeine Urtheil sedenfalls günftiger gewesen, wenn
er den verbreiteteren Typus acceptirt hätte.

Eine zweite Kampfscene ans dem Gebiete der
griechischen Mythvlogie sesselt iin dritten Saal unseren
Blich die „Amazvnenschlacht" Vvn A. Romakv. Es
ftt ein klcines, gedrängt kvmpvnirtes Bild von Ivunder-
lich bunter, im Gesammtton an dic Malereien aus
attischen Lckythen crinnernder Farbe, welches aber
»lanchen lebhaft ausgesprvchencn Zug vvn cchter Leidcn-
schaft und Naturbeobachtung ausweist. Besvnders gilt
dies von den Kämpfern und Kämpferinnen im Border-
grunde rechts und von deni schönen Fernblick auf die
krcidige Felsenküste mit dem tiefblaucn südlichen Meer.

Dcrselbe Raiim enthält zwei reizvolle Frauen-
bildnisse von Fritz August Kaulbach in MUnchen,
bvn dcncn namentlich dic junge Dame im rosa Kleid
Mie wahre Perlc mvderner Pvrträtmalerei und der
Glanzpunkt der diesjährigen Ausstellung ist. Die vor-
»ehiue, zart gebautc Gestalt steht in Dreivicrtelansicht
»ach links gewendet, mit dem linken Arm au einen
Tisch gelehut, über welchen ein Pelzmautel gebreitet
>st. Der klug uud ernst blickende Kvpf mit dem
kichten Teint und schwarzen Haar ist ein kanm zu über-
trcffendes Meistcrstück weichcr Mvdcllirung und schlichter,
»aturwahrer Charakteristik. Auch die Behaudlung der
Nebensachen, der durchsichtigen Gazestvsfc, des Pelzes,
t>er Schmnckgegenstände ist ebensv diskrct wie technisch
kollendet. Nur an deu Händeu sind einige wenige
Details nicht ganz auf der gleichen Hvhe mit dem
kkebrigeu. — Das zweite Pvrträt, cine Dame in atter-
thümlichem Kvstüm mit grauem Federhut, eincn großen
Hund neben sich, tänn an Wahrhcit und nialerischer
Bollendnng mit dem erstercn den Vergleich nicht aus-
halteu.

Jm anderen Eckraum desselben Saales haben
>vir Gelcgenheit, das Niveau zwcier mvdernen Haupt-
schulcu der Malerei, der Pariser und der Münchener,
zwei Werken in Bergleich zn ziehcn, welche sonft
tvdes für sich keiu höheres Jnteresse beanspruchen
kviinen: an Charles Giron's „Erziehuug des Bacchus"
"ud O. A. Wergcland's „Lvki uud Sygin". Der
^vrgleich fällt, wir müsscn es zu unserem Leidwcsen
ftcstehen, zu Gunsten des französischen Künstlers aus. l
Derselbe führt uns in einen dichten Laubwald, in dessen
svniicnbeglänzter Lichtung im Hintcrgrundc ein Reigen-
k^uz aufgeführt wird. Vorn siud drei reizende
Nymphchen um den Bacchusknaben versammelt und
bvinüht, ihm die Elemcntc dcs Flötcnspiels und ivcr

was sonst noch Alles beizubringen. Ein brauner
^atyr spielt dazu die Begleitung. — Auf dem Bildc
s'vs Münchener Künstlers schen wir Lvki am Bvdcn
övfesselt und über ihm gebeugt sein Weib Sygin, welche
s'as träuselnde Gift, mit welchem die Schlange sein

Augenlicht bedroht, in einer Schale ausfängt. - Dort
eine Schilderung vvll heitercr Sinnlichkeit, hicr ein
Mvment grausiger Spannung, in dcm die Gattentrcue
das versöhnende Akotiv bildet. Wergeland hätte daraus
ein Element künstlcrischer Schönheit eutwickeln sollcn.
Wie lcicht ivürde ihm dann der Sieg über den kvkettcn
Franzvsen gewvrden scin! Statt dcssen giebt er nns
nur das Gräßliche iu häßlicher, eckiger, rohcr Gestalt,
und unscr Blick wendet sich naturgemäß dem Fran-
zoscn zu, bci dem Ivir dvch wenigstens die Acußerlich-
keiten der Kunst, Mvdellirung, Zcichnung, Jihythmus
der Linieu, kurz, die Resultate tüchtigen Studiuius und
eincs aufgeklärten Kunstunterrichts beisammcn sindcn.

Aunstliteratur.

Cy. Mcycr, Verzeichniß der Kupferstichsanimliiug

in dcr Kuusthalle zu Hamburg. 4".

Ein stattlicher Baud, welchcr uns den ganzen Ju-
halt der genaiintcu Samiiilung zur Kenntuiß bringt.
Bekanntlich bildeten die Sammlungen der Herren
E. G- Harzen und I. M. Cvmiuetcr, welche der Stadt
testamentarisch vermacht wurden, den Grundstvck der-
selbcu, und seit 1869, in welchem Jahre dicser in den
Bcsitz der Stadt kai», wurde nnter der kunstverstän-
digen Pflege des Vvrstandes nach Möglichkeit jede
Lücke ausgefüllt, um ein kompletes histvrisches Bild
dieses Kunstzweiges bieteu zu kvunen. Schvn ein
vberslächlicher Blick in den Katalvg wird den erfah-
rencn Fachmann davvn übcrzeugcu, das; hicr nicht ge-
ivöhnliche Kuustschätze vereiut sind, und wenn auch
uicht aus Kvmplctirung ganzer Werkc hcrvorragendcr
Künstler Bedacht gcnvmmcn wurdc, daß dvch dicsclben
Ivenigstens mit cinem Blatte, das ihre Kunstrichtung
zu charaktcrisiren genügt, vertreten sind.

Das vorliegende Werk ist iusvfern das erste in
seiner Art, als es uicht, wie z. B. Fr. v. Bartsch's
Bcschreibuug der Wiener Küpferstichsammlnug vder
Wesiely's Buch übcr die Berliner Sammlung, nur das
Hcrvorragendc mittheilt, svnderu eiu Verzcichniß aller
in dcm genamiten Kabiuet aufbcwahrten Künstblätter
bringt. Es ist damit der Ausang geniacht für ander-
weitige Publikativnen; deun wir sind davon überzeugt,
daß die Wissenschaft der Geschichtc dcs Knustdruckes
ebensv gebietcrisch nach vvllständigen Katalvgen aller
vffentlichen Sanimlungcn verlangcn Ivird, wie sie sich
die Geschichte dcr Malerei rücksichtlich dcr Gemälde-
galerien längst schvn crzwungcu hat. Frcilich werdeu
dann dic Kataloge reicher Weltsammlungeu bei aller
Knappheit der Form sehr voluminös erscheinen und für
den Privatbesitz zn kostspielig werden; aber genug daran,
wenn der Fvrschcr svlche Werke bci dcn Kupferstich-
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