Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Korrespondenz.

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übrige hier mitgetheilte Arbeiten wvhl von Meistern
der deutschen Renaisiance herrühren. Zunächst haben
wir als eine Schöpfung Wenzel Jamitzer's das ver-
goldete Silberlästchen mit den Thatcn des Hercules zu
verzeichnen. Von Hans Lencker (starb 1585) rührt das
prächtige silberne Schrcibzeug her, welches theils mit
schön stilisirten Ranken, theils mit naturalistischen Jagd-
sccnen in Schmelzwerk bedeckt ist. Von dem nicht
minder kunstreichen Nürnberger Meister Reesin stammt
das mit goldenem, reich getriebenem und emaillirtem
Degengesäß versehene Sankt Georgs-Ordensschwert vom
Jahre 1571, eine Arbeit von edler Form und Gliede-
rung. Als eine weitere Nürnberger Schöpfung darf
die aus zwei Perlmutterschalen zusammengesetzte silberne
und vergoldete Gießkanne gelten, welche durch überaus
originelle und phantastische figürliche Zuthaten sich
auszeichnet. Andere Arbeiten stammen von Augsburger
Künstlern. So der durch seine reiche Form und Uppige
getriebene Ornamentik hervorragende Pokal, der die
übersprudelnde Phantasiefülle der Zeit mit der zier-
lichsten Sorgfalt der Arbeit verbindet. Edler und
meisterhafter ist das ebenfalls mit der Augsburger
Marke versehene, silbervergoldete Waschbecken, das nicht
bloß mit Türkisen und sarbigem Schmelzwerk reich
geschmückt ist, sondern an einem Friese von Tritonen
und Nere'i'den in getriebener Arbeit ein Werk von geist-
reich sprudelnder Lebendigkeit besitzt. Eine Schöpfung
von verwandtem Stilcharakter ist die große silber-
vergoldete Schüssel, die mit eincr leidenschaftlichen
Darstellung der deukalionischen Fluth in getriebener
Arbeit bedeckt ist. Es versteht sich, daß alle diese Werke
im Figürlichen die Nachahmung der llbertriebenen
Formgebung Michelangelo's verrathen. Auch ein
Trinkgeschirr in Form eines Schisfes, aus Palmenholz
geschnitzt, in reicher Fassung von vergoldetem Silber
und mit vielen Edelsteinen besetzt, stammt aus Augs-
burg. Es ruht auf einem knieenden Meergott und
einem Delphin; Nere'i'den schmllcken die Schale, und
ein junger Triton hält das bayerisch-pfälzische Wappen.
Es ist ein sinnreicher Zug, daß die Kunst zum Schmuck
solcher Trinkgeschirre die leidenschaftlich bewegten Wesen
der ftürmischen Salzslut zu verwendeu liebt.

Wieder andere Werke stammen von Münchener
Künstlern; so von Hans Reimer der goldene, mit
Perlen, Edelsteinen und Schmelzwerk geschmückte Krug
vom Jahre 1572, welcher auf sieben Platten von
Einhorn lebendig geschnitzte Reliefs aus der Passions-
geschichte enthält. Münchener Arbeit verräth auch die
wahrscheinlich nach einem Entwurfe Hans Mielich's
ausgeführte goldene Sankt Georgs-Ordenskette. Auf's
reichste mit großen Rubinen, Smaragdcn und Pcrlen
geschmückt, ist sie ein Muster kunstvotler Goldschmiede-
arbeit. Durch geschmackvolle Fassung und edle Or-

namentik zeichnen sich ferner ein großer Krug und ein
Waschbecken von Bergkrystall aus, ersterer mit dem
psälzisch-bayerischen Wappen, letzteres mit dem pol-
nischen und dem Namenszuge Sobieski's bezeichnet.
Auch die drei auf einer Tafel vereinigten kleineren
Schmuckgegenstände, sowie das ziemlich barocke, inForm
eines Schisfes geschnitzte Trinkgeschirr von Rhinoceros-
horn, das durch die kecke Lebendigkeit seiner figürlichen
Darstellungen hervorragt, zeigt in den reichen Fassungen
die ganze Kunst der damaligen Goldschmiede. Eines
der größten Prachtstücke endlich ist die fast zwei Fuß
hohe Reiterstatue Sankt Georg's mit dem Drachen
auf hohem Postament. Aus emaillirtem Golde ge-
fertigt, während das Postament von vergoldetem Silber
ist, erhält dieses Prachtstück durch mehr als 1700 Perlen
und Edelsteine, darunter zahlreiche Rubine und Sma-
ragde, sowie durch die herrlichen, auf's geschmackvollste
angebrachten Schmelzwerke einen unvergleichlichen Glanz.
Es wurde durch Mapimilian I. gestistet und ist wahr-
scheinlich das Werk eines Münchener Künstlers.

Diese kurzen Andeutungen werden genügen, ui»
eine Vorstellung von der unvcrgleichlichen Pracht und
dem hohen künstlerischen Reiz der Publikation zu
geben. Die heutige Goldschmiedekunst bedarf bei alleui
Streben nach künstlerischer Vervollkommnung imuier
noch der Muster aus jener glänzenden Kunstepoche, uui
sich daran zu erfrischen und neu zu beleben. Wenn
auch in den Formen jener Zeit manches Barocke mit
unterläust, welches dem strenger geschulten moderueu
Kunstgefühl nicht zu entsprechen vermag, so ist doch
in der Komposition, dem Aufbau, den Prosilirungeu
jener alten Meisterwerke manches von mustergültigeui
Werth. Namentlich aber herrscht darin eine souveräue
Meisterschaft in der Anwendung farbigen Schmuckes,
in der Kombinativn reicher Schmelzwerke mit viel-
farbigen Edelsteinen und Perlen, wie sie schöner und
geschmackvoller kaum gedacht werden kann. Diese
Polychromie ist in dem gesammten modcrnen kuust-
gewerblichen Schaffen immer noch der schwächste Puukt.
So möge deuu die vorliegende opulente Publikatiou
die verdiente allgemeine Verbreitung finden und aus
die moderne technische Entwickelung fvrdcrnd eiuwirken!

W. Lübke.

Aorrespondenz.

(Schluß.)

Florenz, Ende Mai 1880.

Die aus der anderen Seite der Piazza Cavonr
erreichbare, an der Via Vittore-Emanuele auf einei»
Grundstück der Federazione Orticola arrangirte Gar-
tcnbau - Ausstellung (bisposimono imriloiinlo
ck'Ortioolturn) bot leider nur wenig Erfreuliches. Sv
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