Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Page: 5
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1880/0009
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
5

Die Raffael-Ausstellung in Dresden.

6

sind in den Dimensionen wie in den Detailbildungen
sehr verschieden. Die Durchmesser schwanken von
1,00 — 1,29 m.; eine der Säulen, die 2. der Südreihe
Vvn Westen, hat 16, alle übrigen 20 Furchen.
nach dem Materiale smd auch die cinzelnen Säulen-
trommeln verschieden hockf bemesien; sie schwanken in
der Höhe von 0,50—2,40 m. Dabei besitzen gerade
die Säulen mit den höchsten Trommeln die kleinsten
Durchmesser. Da auch die Axenentsernungen der
Säulen verschiedene Maße zeigen, so ist es schwierig,
cin genaues Verhältniß zwischen Durchmesser nnd
Zwischenweite anzugeben; nur angenäherte Mittelwerthe
lassen sich gewinnen. Das Mittel der Säulendurch-
mesier beträgt 1,19 m. und die mittlere Axenweite
3,27 m., daher ergiebt sich ein Verhältniß von 1 : l^,
vder eine sehr seltene Weitstellung der Pteronsäulen."

Auf Tafel 34 werden in dem Maßstab von 1 : 50
diejenigen beiden Säulen abgebildet, bei denen die ver-
muthlich bei allen vvrhandene Entasis nachweisbar
war; dieselben veranschaulichen zugleich auf's deutlichste
die auffallend verschiedene Proportionirung der SLulen
und die ganz ungleiche Bildung der Echinen und
Abaken.

Weiter werden das Philippeion, die Exedra des
Herodes Attikus und die im Südwesten außerhalb der
Altismauer liegende byzantinische Kirche besprochen
nnd durch treffliche Abbildungen erläutert. Die Vor-
züglichkeit der architektonischen Ansnahmen ist hier
ganz besvnders rühmend hervorzuheben. Jn Bezug
auf das letztgenannte Gebäude führt Adler eine Ansicht
durch, die er schon vor etwa zwei Jahren mit der
ihm eigenthümlichen Wärme in der archäologischen
Gesellschaft vertrat. Er crkennt in dem altgriechischen
Bau, der später zn einer christlichen Kirche umgeformt
ward, die Werkstatt des Phidias. Es läßt sich
uicht verkenncn, daß die von ihm beigebrachtcn Gründe
!<rhr überzengend sind; indessen mnß man bei jeder
Hypvthese, sei sie noch so geistreich aufgcstellt und
wahrscheinlich gemacht, auf die Ucbcrraschung gcsaßt
!oin, daß neue Jndicien nns zn einem Umdenken
zwingen.

Der dritte Band des Olympia-Werkes verbunden
wit der Ausstellung werden im Stande sein, das
2nteresse für die Sache auch in den Kreisen der nicht
^achinännisch gebildcten Alterthumsfrcunde zu ver-
breiten.

Wir schlicßen mit dem Wunsche, daß dic in diescn
Wochen auf's Nene beginncndc Arbeit neucn Segen
iwingen moge! Die Expcdition sctzt sich dies Mal
^us den nämlichcn Herren zusammen, wie im ver-
stvssenen Wintcr, nnr kann Hcrr vr. Furtwängler aus
GcsundheitSrücksichten der guten Sache seine erprobte
Kraft nicht wieder leihen, auch der Expeditionsarzt

wird ein anderer sein, als der rühmlich bewährte
Or. Wyder. An Furtwängler's Stelle wird vermuthlich
Herr Dr. Lolling aus Athen eintreten. Da Hermes,
Je ! der Schutzheilige der Palästriten und Schatzgräber den
Olympia-Männern schon früher lcibhaftig in seiner
ganzen Herrlichkeit erschienen ist, so hoffen wir auch
ferner auf seine, sowie des Apollon Epikurios Hülfe!

Bernhard Förster.

Die Raffael-Ausstellung sn Dresden.

Jn Dresden sindet gegenwärtig im Kunstaus-
stellnngsgebäude auf der Brühl'schen Terrasse die bereits
früher in diesen Blättern angekündigte Nasfael-Aus-
stellung statt. Dieselbe ist von der Ernst Arnold'schen
Hof-Kunsthandlung(AdolfGutbicr) veranstaltet worden,
welche bereits früher durch derartige Spezial-Ausstel-
lungen anregend und bildend auf den Kunstsinn einzu-
wirken suchte. Auch die gegenwärtige Ausstellung, gc-
fördert durch die Vorstände einiger größeren öffentlichen
Sammlungen, wie durch Kunstfreunde und Künstler, ist
mit Liebe zur Sache und nicht ohne Umsicht in das Werk
gesetzt und bietet dem Publikum einen genußvollen Einblick
in die reiche Thätigkeit Raffael's, der noch belehrender
sein würde, wenn die Anordnung eine durchweg syste-
matische gewesen wäre. Selbstverständlich konnte cs sich
von vorn herein bei dem Untcrnehmen nicht um die
Ausstellungszwecken unziigänglichen Originalarbeiten
des Urbinaten handeln, und nur durch Neproduktioncn
war es möglich, den Entwickelungsprozeß des nie aus-
ruhenden, immer zu höheren Ausdrucksweisen cmpor-
steigenden großen Meisters dazulegen. Zwar führt
der Katalog cinige Originalgcmälde auf, indem er den,
bei derartigen Leihausstellungeii üblichen Grundsatz
befolgt, die Werke unter den vou den Eigcnthümern
angegebeneu Benennungeu zu verzeichncu; doch will
die Authenticität aller dicser Bilder mehr oder weniger
zweifclhaft erscheinen, einige derselben sind geschickte
Pastichen, andere gute alte Kopien. Unter dcu aus-
gestellteu Handzeichnungen dllrften vielleicht cinige von
der Hand Raffael's herrühren. Dahin gchört ins-
besondcre die schöne Zeichnung mit dem Kindermorde,
aus der Sammlung Sr. k. Hoheit des Prinzen Georg
von Sachsen, nach welcher Zeichnung, wie man an-
nimint, der ganz mit ihr übereinstimmendc Stich Marc
Anton's ausgeführt ist. Letzterer Stich ist in einem
guten Druck nebcn der Zeichnung ausgestellt; ebenso
das nach jener iu ueuerer Zeit gestochene Blatt vvn
Steinla. Auch eine Studie zu dieser Darstellung, cine
von Pasiavant erwähnte Fcderzeichnung mit eincr von
anderer Hand gezeichncten, arabcskenartigen Einsassung,
ist aus der Sammlung des Grafen Nenaud-Nisch vvr-
handen.
loading ...