Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Page: 367
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Korrespondenz.

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Halbheit und Hohlheit hervorbringt und im Ganzen auf
Phrasen zurückzuführen ist."

Der geistvolle Herr Abgeordnete besindet sich offen-
bar in naivster Unklarheit über das, was eigentlich das
Wort „Stil" bedentc. Sein Eifern gcgen das Waltcn
desselben auch im geringsten Gegenstande ist um so
komischer, als er selbst gegen den Schluß seiner Rede
folgende bis auf die köstlichcn Worterklärungen ganz ver-
ständigc Ansicht aussprichl:

„Und, meine Herren, was bedeutet denn Kunstgewerbe?
Was bedeutet denn das Kunstgewerbemuseum? Doch nichts
weiter, als daß sich dieKunst herablassen soll, mitdemGewerbe
sich zu vereinigen, und daß das Gewerbe sich hinaufschwingen
soll zur Kunst. Das Kunstgewerbe muß in seinen Grenzen
bleiben, das heißt, es muß mit den Sachen, die für den
taglichen Lebensgenuß bestimmt sind, sich beschäftigen; es
muß dahin streben, den Geschmack auch in den kleinsten täg-
lichen Wirthsschafts- und Wohnungsgegenständen und son-
stigen Geräthschaften zu veredeln." d

Ohnc Zweifel ist sich Herr Waltcr bisher nichl
bewußt geworden, daß der Stil doch eine der ersten
Forderungen aller Kunst ist, ja es erklärt sich scine Auf-
fassung des Wortes aus dem weiteren Verlanfe der
Rebe:

„Es scheint, als ob von unbestimmter Stelle — oder
es ist vielmehr so — nur eine Äuffassung als berechtigt an-
erkannt wird, und das ist die deutsche Renaissance. So
herrlich und so schön diese auch sein mag, aber, meine
Herren, diese zum Nationalstil zu machen — wie sie immer
hingestellt wird, — dazu fehlt diesen Leuten aber Alles,
nämlich die Macht, und es ist wunderbar, überhaupt nur
so etwas auszusprechen. Die deutsche Renaissance, so
herrlich und wunderbar sie ist, ist nicht anwcndbar auf
alle Sachen; und deshalb verfällt die Schule, welche haupt-
sächlich nur dieser Richtung huldigt, in eine gewisse Ein-
seitigkeit, weil, was nicht znr deutschen Renaissance gehört,
Nichts gelten soll, nicht acceptirt wird, alle übrigen Stile
als durchauS nicht gleichberechtigt hingestellt werden. Meine
Herren! Das ist nach meiner Ausfassung außerordentlich
gefährlich; es soll und darf keine Einseitigkeit in Schulen
Platz greifen."

Es ist unschwer zu erkenneu, woher dic kner zu
Tage tretcnde Weisheit des Hcrrn Abgeordncten stammt.
Der Ursprung der Opposinon gegen die kllnstkerische
Tendenz rer Schukc ist in einer Anzahl von älteren
Eklektikern zn snchen, welche theils alte Stile, theils
den „neuen" kultiviren. Die Schule, mitten in bcr
Bewegung der Zeit stehenv, greift nach dcnjenigcn Vor-
bildern srüherer Tage, bic ihr am meisten dem modernen
Geist enlsprechend scheinen; daß sie in der Renaissance
diesclben findel — darin steht sie nicht allein, und daß
es Ler Bewegung im Kunstgewcrbe nicht an der Macht
fehli, diesen Stil zum siegendcn in Deutschland zu
machen, das hat fllr Sachsen dcr Antlieil gelchrt, wclchen
bie Dresdener Schule unb ihre Schwesteranstalt in
Leipzig an der dortigcn Kunstgewerbeausstellung dcs

vorigen Jahres genommen haben. Daß ein prinzipielles
Ausschließen anderer Stile nicht statt hat, davon könnte
cin Blick in das Museiim oder in die Schülerausstel-
lungen genugend überzeugen. Daß man aber den Schülcrn
erspart, sich in alle denkbaren Gebiete einzuarbeiten
nnd sie lieber cines zu bcherrschen lehrt, darin wird
wohl kcin Verständiger dem Lehrer einen Vorwurf
machen.

Wcnn nun auch durch eine Reihe von Rednern
und namentlich durch den Minister von Nostitz-Wall-
witz die Angriffe Walter's schlagend widerlegt, wenn-
gleich die sür Museum und Schule ausgeworfencn Etats-
postcn gciiehniigt wurden, so ist cs doch nothwenbig zu
konstaliren, welche Art von Anfeindungen die junge
kuiistgewcrbliche Bewegung anch hier erfuhr. Bedeu-
tung erhiclten dieselbcn nur dadurch, daß eine Anzahl
namentlich der kleincrcn Handwerker durch den in den
Gewerbevcreinen nicht unwesentlichen Einfluß der Gegncr
bcr Anstalt vom Zusammengehen mit derselbcn abgehalten
werden. Dagegcn haben sich über 60 der hervor-
ragcnrsteii DreSdcner Firmcn zn einer Adresse geeinigt,
in wclcher Heirn von Nostitz der Dank für seine ener-
gischc Vertheibiguiig der Kunstgewerbeschule nnd bes
Museums in eincr für beide Theile höchst ehrenden Weisc
ausgesprochcn wird. Eine Fluth anonymer Schmähungcn
im Annoneentheil eines hiesigcn Lokalblattes ist natürlich
auch biescm Schrille gefolgt.

C. G.

Aorrespondenz.

New-Nork, im Februar 1880.

Jn der Kunstwclt hcrrschl diesen Winter eiu äußerst
munleres, regcs Leben, und kaum vcrsließt cin Tag, dcc
nichi irgend ein mehr odcr mindcr bemerkenswerthcs
Ereigniß, irgend einc neue Erscheinung brächte. Prival-
saminlüngcn europäischer uud amerikanischer Bilbcr wer-
ben versteigert unb finden eifrige Abnehmer; in den
permanenten und temporärcn Ansstcllungen wird es nicht
vou Besuchern lcer, nnd das geht während dcr nächsten
Wochen so fort, bis zn dem Kulminationspunkt, der
grvßen jährlichen Frühlingsausstellung dcr Akadeinie,
»>it dcr die Knnstsaison ihr Enbe errcicht. Jn bcn
Sälen tciselben finbet einstweilen die dreizehnte AuS-
stellung ber Oolouv 8ooiot)r statt, unv da sich fast

allc der hervorragenberen Künstlcr betheiligt haben, ver-
stehi eö sich cigenllich von selbst, baß der grvße Fort-
schrilt dcr letzten Jahre sich anch hier übcrall kundgiebt.
Eine erfreuliche Erscheinung ist es auch, daß baö Zn-
teresse bes Pnbliknnis mit bcm wachsenben strcichlhunl
des Gebotenen vollständig Schritt gehalten hat. Die
Rännie siud in dcn Nachmiltagsstuiiden oft unbehaglich
gcfüllt, unv noch nic zuvor sind so vicle Biltcr ver-
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