Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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s5. Zahrgainz.

Nr. 8.

Bciträge

smd an prof. Dr. L. von
^ützow (wien, Ttzere-
sinnumgasse 25) oder an
die verlagshandlung in
^^lpZig, Gartenstr. 6,

Decenibcr

Inserate

cl 25 j)f. für die drei
Mal gespaltene petit-
zeile werden von jeder
Buch- u.Runsthandlung
angenommen.

s8?9.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Noin Christmarkt.

I.

'cnn in früh^ren Jahr-
zehnten die Geburtsstadt
Heinrich Heine's als eine von
der komischen Muse beson-
ders bevorzugte Stätte ange-
sehen werden konnte, welcher
München mit seinen „Flie-
genden Blättern" vergeblich
den Rang streitig zu machen
suchte, so hat sich das Blatt
schon seit geraumer Zcit zn
Gunsien der bayerischen Ri-
balin gewendet. Die „Düsseldorfer Monatshefte", aus
denen manches geflügelte Witzwort noch heute im
Niunde dcr Lcute nachhallt, sind längst schlafen ge-
gangen, das „Düsseldorfcr Künstleralbum", desien
^scheinen alljährlich ein Ereigniß im Buchhandel
^e>r, jst ebenfalls gn Alterschwäche hingesiecht, und
^enn nian die lokale buchhändlerische Produktion als
^vadniesser betrachten darf, gewinnt cs ganz und gar
den Anschein, als habe sich der gesammte Humor des
^sit so lnstigen Künstlervolkchcns aus dcn Räumen des
^kalkastens für immcr auf- und davon gemacht.
Divglich zwar, daß es nur an den richtigen Unter-
nehmern fehlt, um

„Was tolle Launc, leichte Hand
„Jm rechten Augenblick erfand

„Und souder Müh' und Vorbedacht
„Vergnüglich zu Papier gebracht,

zu sammeln und für den großen Markt zuzurichten;
vcrwnnderlich wäre es indeß auf keinen Fall, wcnn
die Kunstkapitale der Nheinlande an ihrem heiteren
Tcmperament Einbuße erlittcn, seitdem ihre ehemals
halb bukolische, halb höfische Physiognomic immer mehr
die groben Züge einer dampfathmenden Fabrikstadt
angenommen, deren Lunstige Atmosphäre die bnnten
Seifenblasen der Phantasie am Aufsteigen hindert.
Auch der jüugste Versuch, mit welchem cine Anzahl
lrcfflicher Kiinstlcr dem Mangel an buchhändlerischem
Untcrnehmungsgeiste zu begcgnen bemüht sind und
lebendiges Zeugniß für dcn nnvermiuderten Fonds
Düsseldorfs an Talent und Schaffensfreude ablegen,
die im dritten Jahrgange stehcnden „Original-
radirungen Düsseldorfcr Künstler" lasscn dem
Humor nur geringeu Spiclraum und haben es mehr
auf abgerundcte, malerisch durchgeführte Kompositionen
abgesehen als anf jene sorglos den kecken Sprung in's
Dasein wagenden Gebilde der Phantasie, die nur der
rasche Griff auf der Fläche festzuhalten vermag. Für
diese aber scheint unscre schnelllebige, der ernsten Samm-
lung des Gemüthes abgeneigte Welt eine begreisliche
Vorliebe zu besitzen, insbesondere wenn das Salzkorn
der Satire und der Pfeffer des Spottes dem Gericht
die nöthige Würze verleihen.

Wie man in München dergleichen „Allotria"
zu treiben und aufzutischcn versteht, deutet schon das
leichtgeschürzte Frauenzimmer, das sich auf unseren
Ansangsbuchstaben lehnt, mit dem ihr iu den Mund
gelegten Sinnspruch an:
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