Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstliteratur.

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Wenig gctröstet durch diese Auskunfl durch-
ivandelte ich die herrtiche, deui llutergange geweihte
Stadt, die in einigen Decennien „ein neues Stuttgart"
werden soll. Die bodenfesten Bretterbnden auf dem
schönen Marktplatz verdecken noch immer den größten
und schönsten Platz der Stadt und das reizvollste
Monnment derselben, Len „schönen Brunnen". Wnn-
dern Sie sich nicht, wenn Sie demnächst hören, daß
anch dieser demolirt werden soll, denn es scheint, daß
den Brettcrbuden ein längeres Leben beschieden ist, als
den alten Denkmälern der Stadt. „Unser erster
Bürgermeister ist eben sehr fnr's Praktische" antwortete
mir ein Bürger, den ich um die Ursache der letzteren
Unbegrciflichkeit fragte.

Eine intcressante „berechtigte Eigenthllnilichkeit"
von Nürnberg ist es, daß man viel mehr als anders-
wv die liebe, durch den Tllncherguast Hergestellte,
Uniformität liebt. Jni Rathhaus sind nicht nur alle
Reliefs dick mit Kalk llberzogen, sondern sogar
alte Eichenkästen, alte holzgeschnitzte Eichen-
thüren! Da der Sinn dcs Bürgermeisters sosehr
auf's „Praktische" gerichtet ist, wäre es vielleicht doch
noch prattischer, diese Gegenstände zu veräußern; dcnn
es hat sich bei der Hcrabnahme von Kalkschichten bei
einigen Thüren erwiesen, daß darunter alte kostbare
Jntarsien verborgen sind. Die Fresken im Rath-
hause, den Einzug Maximilian's darstellend, sind merk-
würdigerweise bisher noch nicht übertünchl oder herab-
geschlagen; dafür aber sind einigc vou den Stationen
Krafft's, auf der Straße zum Friedhvfe im kläg-
lichsten Zustande. Manche sind nämlich an Häuser und
Gartenmauern gelehnt; so oft nun diese getüncht werden,
fährt man mit demselben Quast ruhig auch über das
herrliche Relief, um so die liebe Einheit mit dem
betrefsenden Hause herzustellen. Fingerdick verpappt
trauern diese Denkmale deutschen Kunstsinnes unter
Lcn Händen der Epigonen der einstigen „Herrgotts-
schwärzer", die so zu wahrhaftigen „HerrgottStünchern"
geworden sind*).

Regensburg eifert Nürnberg in diesen „prak-
tischen" Bestrebungen recht wacker nach. Alte roma-
nische, schvn skulpirte Thore werden fleißig herans-

Am Mittelfenster der Löffelholzischen Kapelle an
der Sebalvskirche zu Nürnberg- befindet sich ein ehernes
Bild des Gekreuzigten. „Von diesem Christkreuze haben die
Nürnberger den Spottnamen »Herrgottsschwärzer« erhalten.
Der Sage nach soll das Kreuz nämlich von Silber sein und
bei der Ausbesserung der Rath befohlen haben, es schivarz
zu übertünchen, um es vor den im dreißigjährigen Kriege
durchstreifenden SolLatenbanden zu bewahren." Retberg,
Nürnberg's Kunstleben, S. 95. — Ein anderes Beispiel
dieser Nürnberger Schwärzerei theilt Bergau in dem eben
in der Zeitschrift erscheinenden Aufsatz über die dortigen
Kunsigießer niit Anm. d. Ned.

geschlagen, schöne alte Höfe hübsch sauber geweißt, und
! die Lorbeern des Nürnberger Magistrates scheinen die
^ wohlweisen Herren Vvn der Regensburger Stadtver-
tretung nicht ruhen zn lassen. Denn auch sie habeu
Las Demvlirungsfieber. Bor der Brücke, über die mau
^ nach „Stadtamhof" geht, steht ain Schlusse ciner
schmalen Gasse der schönc alte Wasserthurm. Wird
er niedergerisscn, sv dürsteu gute zwanzig Centimeter
an Breite für die Ausfahrt auf die Brücke gewonnen
werden. Dies genügt, um dem Thurme das Genick zu
brechen; er muß nieder, so wie die Nürnberger Stadt-
mauern. Am Rathhaus in Regensburg ist ein sehr
schönes Fresco von Bocksberger, einen Thierkampf
vvrstellend; das Fresev muß hernntcr, da ein Gewvlbe
im Jnneren restaurirt wird und die findigen Archi-
tekten vvn Regensburg dies vhne Zerstörung dcr
Fresken nicht bewerkstelligen können. Wenn's gut geht,
wird daS ganze altehrwürdige Rathhaus in rvsenrvthen
Tinten getllncht. Wie wäre es, wenn man hierbei
auch den fatalen Erker beseitigte? Er ist gar so un-
mvdern!

Kunst- und Alrerthuniöfreunde nnrd es interessiren,
zu vernehmeu, daß die Sammlungen des histvrischen
Bereins zu Regensburg und die Alterthümer aus dem
alten Dvme in der S. Ulrichskirche nächst der Kathe-
drale zweckmäßig untergebracht werden svllcn. Die
Aufstellung leitet der kundige und verdienstvolle Custos,
Herr Pfarrer Dahlem.

Der Dvmschatz birgt seit nicht langer Zeit zwei
sehr schöne Religuienschreine; einer ist geschmückt mit
Grubenemail, der andere ganz in Limusiner Email
gearbeitet. Auffallend war es mir, daß die Herrlich-
keiten des Domschatzes nur vom Küster gehütet werden.
Für uus Neiscnde ist das zwar viel beguemer; vb es
aber für die Schätze eine genügende Aufsicht ist, Iväre
denn doch zu bezweifeln.

Agram, iin Oktober 1879.

Prof. Ur. Z. Kr^njavi.

Aunstliteratur.

Allgemejiics Knnsllcrlcrikon vder Leben und Werke der
berühmteften bildenden Künstler. Ziveite Auflage.
Umgearbeitct und ergänzt vvn A. Seubert.
Band 2 und 3 (Schluß). Stuttgart, Ebner k
Seubert. 1878 u. 1879. 8.

Eine der Ansorderungen, die an ein Wörterbuch
zu machen sind, dessen Jnhalt bis an die Personen
und die Ereignisse der Gegenwart hinanreicht, ist dic,
daß es scinen Wcg von A bis Z in möglichst kurzer
Zeit zurücklegc, weil sonst der Begriff der Gegenwart
verloren geht, wenn zwischen dem Anfang und dem
Eude des Werkes mehrere Jahre liegen. Wie sich
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