Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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15. Iahrgamz.
Beiträge

sind an prof. Dr. L. von
^ützow (wien, There-
sianunigasse 25) oder an
die verlagshandlung in
keipzjg, Gartenstr. 6,

rNärz

Nr.21.

Inserate

?l 25 j?f. für die drei
Mal gespaltene j)etit-
zeile werden von jeder
Buch- u.Aunschandlung
angenonnnen.

1880.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Laubeainte uud Baukünstler iu jDreußcn.

Berlin, Ende Januar 1880.
Eine überaus beachtenswcrthe Knndgcbung ift ver
kurzer Zeit in Form ciner an die prenßische Staats-
^gierung und beide Häuser des Landtages gerich-
teten „Denkschrist" von ciner Anzahl der namhastesten
t)icsigen Architctten ausgcgangcn. Selbst wenn der
^nhalt des Schriststückcs, das nns als Extrabeilage
dem Böttcherstchen „Wochenblatt sür Architekten
""b Jngcnienre" vorliegt, nicht in dem hohen Grade
^>vähnenswcrth wärc, wie wir es glauben, so wllrden
t'ke untcrschriebcnen sttamen uns znm Nachdenkcn
Hvthigx,,, Es habcn nntcrzcichnct im dtamcn der „Vcr-
^»ignng znr Vcrtrctnng baukünstlerischer Jnteressen"
lvlgendc scchs hiesige namhafte Architektcn: Raschdcrfs,
^vkh, Kyllmann, Böckmann, von Großheim, Otzen.

Die Denkschrift beginnt mit Konstatirung der
"'cht z„ lcngnenden Thatsachcn: daß die Hochbau-
»ussührnngen des preußischen Staates in der Regel
nicht leisten, was man nach dem Standc der
^eoitschen Baukunst von ihncn erwarten darf; daß man
^» Lande ein Bcwnßtsein von diesen mangelhaften
^istungen hat und damit unzufrieden ist; daß der
^vu„p pseses Mangels hauptsächlich in dem unrich-
kigen Verfahren zn snchen ist, das dcr Staat bei der
stvsung architcktvnischer Anfgabcn einschlägt, denn an
v>ncr genügenden Anzahl begabter und gebildeter Ban-
kiiiistler, dercn Hülfe sich die Staatsregicrnng bedienen
ivunc, fehle es zur Zeit kcineswegs.

Mit diesen Thatsachcn wird cinc Schattenscite
>vö preußischen Staatswesens benibrt, die

wohl noch etwas schärfer accentuirt zn werden ver-
dient. Das „moderne Nom" verleugnct trotz allcr
Wandlungen bis anf den heutigen Tag den Charaktcr
durchaus nicht, den ihm scine beidcn großen Begründcr
Friedrich Wilhelm I. nnd dessen größerer Sohn, ans-
gedrückt habcn. Anßer den stcnerzahlenden Ilnterthanen
gelten eigentlich nnr zlvei Menschenklassen für berech-
tigt: der Soldat nnd der Bcamte. Wenn cs seit
einigen Decennien den Anschein hat, als kämen in dem
rauhen Kriegerstaat Künste und Wisscnschasten mehr
zn ihren verdientcn Ehren, so lasse man sich dnrch dcn
äußercn Anschein nicht tänschen! AllerdingS gcschieht
mancherlci, man zicht sich ans dcr Affairc und vcr-
sncht, gerade seine Pflicht zn thun, aber von irgend
eincr idealen Ilnternehmung, die verriethe, daß dic
trcibenden Kräfte des Hofes oder dcr Regicrnng anch
mit dem Hcrzen dabei sind, bcmerkt man, cinige
kleine Ausnahmen vicllcicht abgcrechnet, n ichts"). Weuu
dies Factnm, das man nnr dnrch allerhand pathctische
Redensarten nicht verhüllcn möge, sich am unersren-
lichsten auf dem Gebiete der Musik und des Schan-
spiels ofsenbart, so liegt es doch anch iu den bildenden
Künsten klar genug zu Tage.

Jndem wir diese Thatsache konstatiren, mvchten
wir um Alles in der Welt nicht den Anschcin crwecken.
als ob damit ein Tadel ausgesprochcn werdcn sollte,
Wenn bei uns dem Bcamten, so weit es angeht, cin

*) Ausnahmen, ivie die Expeditionen nach Olympia
und Pergamos, nberhaupt die sehr bedentenden Unterneh-
mungen zur Pflege der Kunst und Kunstwissenschaft in
Preußen aus jüngster Zeit sind denn doch im Obigen mohl
etivas zu gering angeschlagen. Anm. d. Red.
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