Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstliteratur,

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Das 17, Äahrhundert, wieder unter Führung
Frantreichs, -egaun, die Zwischcnräume der Linienver-
schlingungen mit grazivsen Blätterzweigen auszusüllen,
und brachte dadurch einen nicht mehr strengen, doch
immerhin glücklichen Effekl zu Stande, Bände dieser
Art, meist aus rothem Marokin, sind durch zahlreiche
Exemplare aus dem Besitze der Fürstcn Liechtenstcin
nnd Mcttcrnich, des Grafen Apponyi und des Museums
selbst vertretcn.

Wir nnterlassen es, die Ausstellung ans ihrcm
Wege dnrch die Barockzeit zu begleiten, nnd ivollen
nur Einzelnes hervorheben, tvas dem heutigen Gewerbc
zum Vorbilde diencn kvnnte. Da sind am Beginnc
des > 8. Jahrh. jenc kleinen franzbsischen Bändc, Art
des dn Senil, mit Spitzenmustern nm den Rand, dcren
eigenthümlichen Reiz moderne Pariser nnd in füngster
Zeit anch Lcipziger Bnchbindcr mit gntcm Erfolge zn
erreichen snchten. Neapolitanischc Bände aus der Mitte
des 18. Jahrhunderts, mit Silbcr in Goldornamentcn
ans gelbrotheni Grnnde, sind von phantastischer Wir-
knng, die doch nnr dnrch die glückliche Kombination
einiger Stcmpcl erzengt wstrd. Ein Kasten mit
in Bnntpapier gcbnndenen Broschüren, theils in
älteres, in der Weise holläirdischer Ledertapeten, theils
>n spätcres, dnrch Chinoiserien verziertes, darf keincs-
>vegs übergangcn werden. Anch werden jene großen
Bände der Empirezeit, wcnn anch steis, doch durch ihre
vorzüglichc Technik mnsterhaft bleiben. Ein leises
Lächeln gewinnen nns Wiener Bände ab, von Krans
am Ende des vvrigen Iahrhnnderts gefertigt, auf
tvelchen die beliebtcn Bilder dcr damals etruskisch ge-
nannten Vasen in gefärbtem Leder nachgebildct sind.
Wir sürchten, sie iverdcn leichter als alles Gntc Nack-
ahmer finden.

In dcn drci letzten Kästcn des ersten Saales sind
oricntalische Arbeitcn verschiedener Zeit nnd Tccknik
dereinigt, indische nnd persische Lackarbeiten, geschnittenes
»nd gepreßtes Leder :c.

Der Ranm vcrbictet uns, aus dem rcichen Ma-
terial der modernen Bucheinbände Einzelnes herauszu-
heben vder auch nnr die Anssteller anfznzählen. Vor
allem war cs daranf abgesehen, von den mnsterhaften
sranzösischen Ledcrbänden möglichft viele Beispiele zn
geben. Dnrch dic Untcrstützung der Gerold'scken Bnch-
handlnng nnd die Liberalität der Liechtenstein'schen
Bibliothek, tvelche die kostbaren, aus dem Besitze
F. Didot's stammcnden Bändc darlieh, tvnrde es mög-
tich, die meisten dcr bcrühmten Firmen, wie Lortie,
Havnö, Lc Mans, Belz-Niedno, Grucl :c. dnrch cha-
vakteristische Beispielc zn vcrtreten. Englische Bände,
>venn anch in geringcrer Anzahl, sowie Pergament-
ibände von Orcagna in Vencdig geben eine gute An-
fchnunng von der Richtnng des Gesckmackes in Jtalien

nnd England. Rollinger nnd Pollak in Wien, Spolt
in Prag nnd cinigc andere Oestcrreicher solgen den
Franzosen rüstig nack,d. h. wie diesc gehen sie anf die altc
Technik zurück, snchen aber ihre Beispicle mit richtigem
Takte nicht so sehr in französischen nnd italienischen
Mustern, als in dentschen, wie sic denn in gepreßter
Ledcrarbcit schon Vvrtreffliches leistcn. Dic Massc
cinheimischer Waarc jedvch bilden Calieo-Einbände in
schreienden Farben mit gemcinen Goldpreßnngen, von
welchen ein Stück die Harmonie eincr gntcn Einrich-
tnng zerstören kann, die sich aber leidcr der Gnnst
des großen Publiknms crfrenen. Wenn nichts anderes,
so haben sie die Nothwcndigkeit dcr Ausstellnng guter
Borbilder bewiescn.

Ueberrascht habcn nns die Leipzigcr, welche zahlreick
vertreten sind nnd einen imposanten Eindruck machen.
Jhre znm Theil iintadelhaften Bibliotheksbände haben sich
einerscits vom Calieo vollständig cmancipirt, andercr
seits (Fritzsche) dnrch gntgezcichnete Stanzen das Ca-
licogenre anf eine künsilerischc Höhe zu bringcn gesnchl.
Diesen Bestrebnngen ivird sich die vsterrcichischc Bnch-
binderei vor allen anznschließen haben, ivenn sie eine
hervorragende Stellnng im heimischen Knnstgewerbc
crringen will und dcn Fingerzeigen dicscr Ansstellnngen
zn folgen versteht.

F- W.

Aunstliteratur.

Die Tilbcrnrbeitcn von Anton Eisenyoit anS Warbnrg,
herausgegebcn von Iulins Lessing. Vierzehn
Tafeln in Lichtdruck von Albcrt Frisch. Berlin,
Panl Bcttc. 1880. Fol.

Dicses Prachtwerk setzt einein Künstler der Späl-
rcnaissanee ein würdiges Denkmal, das eine indolentc
nnd verstäiidnißlose Vergangenheit demselbcn nur gar
zn lange vorenthalten hat. Der kniistkritischen Er
länternng gehen einige biographische Nachrichten über
die Familie des Künstlcrs nnd dcssen Entwickelungs-
gang voraus, dic bis auf das Jahr 1443 zurückgrcifen.
Unserc Künstlerlexika kennen dcn Meister nnr als
Knpferstecher mit arg verstümmeltem Namen und Wohn-
ort, was um so auffallender erscheint, als die hier
znm ersten Male besprochenen Gvldschmicdewerke in
der Schatzkammer des Grafen Fürstenbcrg-Herdringcn
nicht nur bekannt nnd zugänglich, svndern bcreits früher
einmal öffentlich ausgestellt tvaren. Es ist daher die
Wicdergelvinnnng des verschollcnen Künstlernamens
nicht allcin der voriges Jahr zu Münster veranstalteten
Ausstellung westfälischer Altcrthümer nnd Kunsterzenq-
nisse, sondern vor Allem dem inzwischen gereifteren
Kunstverständniß zuznschreibcn, an dessen Verbreitunq
dem Heraußgeber kein geringer Antheil znfällt.
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