Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Der „Stil" im sächsischen Abgeordnetenhause

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sonders die weiblichen mit ihren geschmacklosen Frisuren,
aber auch dic männliche des Herbstes mit ihren japane-
sischen Augen schließen die Kette nach ber anderen Seite.
^wciarinnen sind durch Luigi Tassi, Achille Albacini
und Alberto Alberti in Marmor, durch Afredo Luzi in
dolhchromer Terrakotta zur Verewigung gelangt. Daß
uebenbei gesagt eine Leistung wie die Marmorvase von
Francesco Ghilarducci, auf der ein Relief, das mensch-
iiche Leben in größtenthcils völlig unmöglichen Gestalten
schildernd, angebracht ist, hat Aufnahme finden können,
'st unbegreislich; „sunt osrti cksnigus sines" — diesen
i^esichtspunkt sollte das Ausschlag gebende Komits einer
iiffentlichen Ausstellung doch nicht so ganz aus dem Auge
Uerlieren.

Von Luigi Gugliclmi ist eine Büste des verstor-
iienen Königs wegen ihrer sprcchcndcn Aehnlichkeit her-
dorzuheben, währcnd derselbc mit einem Mebaillonporträt
^er regicrcnden Königin dcm Original nicht eben ge-
schmeichelt hat.

Das Genre ist repräsentirt durch eine nackte Knaben-
statuelte von Luigi Tassi („Die ersten Schritte"), Pa-
gano's „Amor von den Eulen gepeinigt", eine in Idee
und Ausführung verunglückte Komposition, und Anderes.
Äon den größcren staluarischen Werken der Italiener
^urf wohl nur Filippo Ferrari's „Rebekka" höhere
Prätensionen erheben.

Jst sonach unter den italienischen Skulpturen wenig
^^freuliches zu verzeichncn, so bieten auch die fremden
Äussteller keineswegs viel Genießbares. Dazu gehört
^-Kopf's Marmorgruppe der reizendcn Bakchanlin, die
eine Herme umarmt, und vor allem H. Gerhardt's im
^hpsabguß aufgcstellte „Eurydike", cine von dem Künstler
1378 in Marmor vollendele Statue, die sich hock über
t>as Niveau dcs Gewöhnlichen erhebt und, von keinen
^chultraditionen angekränkelt, direkt an die Vorbilder
klassischen Autike anknüpft- Die unglückliche Heldin
griechischcn Mythus ist in dem Moment dargestellt,
sie den tödtlicben Biß der Schlange empfangen

unwillkürlich hat sic die rechte Hand zu dem zurück-
gebogerien Haupt erhoben, dessen Scbönheit durch den
^hsischen Schmerz nichl im minbesten, einem leidigen
^rmino zu Liebc, entstellt wird; die Linke rafft kas
^ewand auf, welches die linke Brust und die Beine
zuni Theil freiläßk. Die prächtigen Konturen, welche
Figur für jeden Standort bictet, sowie die liebevolle
Durchführung im Einzelnen kann sreilich nur an dem Ori-
Piial, dessen Anblick dem Schreiber dieser Zeilen im
^telier des Künstlers vergönnt war, völlig gewürdigt
^erden. Die Basis der Statue, die sich ebendaselbst be-
fwdet. enthält vier Reliefs, von denen das eine drei
^arzen in pyramidaler Gruppirung, die anderen drei
^renen aus dcm Mythus der Eurydike und ihres Gatten.
ihre Ueberfahrt über die Styx, Orpheus' Gesang vor

den Herrschern kes Hades und die durch Hermes ver-
hinderte Rückkehr auf die Oberwelt darstellen. So ist
es deutsches Verdienst, durch eine hervorragenbe Schöpfung
idealer Natur die Ehre der Plastik in diescm mannigfach
profanirten Kunsttempel gerettet zu haben.

Jndem wir zum Schluß noch von den wenigen
kunstgcwerblichen Objekten eine ciselirte Kassette, einen
mit Putten verzierten silbernen Kelch und eincn Leuchter
von Constantino Calvi in Mailand, einen in Aufbau
unb Dekoration geschmackvollen Holzschrank von Giu-
seppe Pizzati, ferner 15 Majoliken aus der Werkstatt
Farina's in Faenza, nnter denen besonders zwei schöne
Vasen mit Grottesken hervorragen, desgleichen 15 Majo-
I likateller von Richarb Jahn in Berlin, von denen die
i rein ornamental gehaltenen zum Theil sehr stilvolle
Muster zeigen, hervorheben, nehinen wir von der Aus-
stellung mit dem Wunsche Abschied, daß die nächste
Wiederkehr derselben Les Guten mchr und des Mittel-
mäßigen weniger bieten möge. N. 8.

Der „Stil" im sächsischen Abgeordnetcnhausc.

Dresden, Ende Februar 1880.
Die Opposilion, welche von gewisser Seite syste-
matisch der Kunstgewerbeschule und dem Kunstgewerbe-
muscuni zu Dresden gemacht worden ist, hat in einer
Sitzung der 2. sächs. Kammer vom 22. Januar durch
den Abgeordneten August Walter, Vorsitzenden des
hiesigen Gewerbevereins, endlich ihren off'enen Ausdruck
gefunden. Die Art des Angriffcs ist ungemein bezeich-
nend für die Motive, wclche denselben veranlaßten. Es
sind auch dem Dresdener Institute, wie dem Wicner
und Münchcner, jene Anfeindungen nicht erspart worden,

^ welche aus dem Reagiren des lässigen Philisteriums gegen
^ dic kraftvoll fortschreitende Tendenz des deutschen Kunst-
gcwerbes hervorgingen. Die Rede gipfelte in fol-
genden, dem stenographischen Bcricht entnommenen Aus-
sprüchen:

„Meine Herren! Wenn ivir in srühcren Zeitcn im Ge-
werbe und in der Jndustrie viellcicht viel zu wenig für dic
Formschönheit und künstlerische Ausführung unserer Arbeitcn
Sorge getragen haben, was ich ja gerade von meinem Stand-
punkte auf's Tiefste beklage, da ich, so lange ich irgendwie
Gelegenheit gehabt habe, dahin belehrend wirken zu können,
dies, so weit meine Maft reichte, immer gethan habe, so sehr
möchte ich warnen vor der augenblicklichen Anffassung und
; Strömung. nicht mit der Kunst förmlich zu koquettiren. E s
geht jetzt so weit, datz AlleS nur S til sein soll, und
wenn es nicht Stil ist, in dcr einen oder anderen
Weise, dann taugt es nicht. Jch kenne Fälle, ivo
Tischler oder Schlosser. oder was sie sonst sein mögen, immer
von auherordentlichem Stile rc. sprechen und doch weder
einen richtigen Stuhl, noch ein richtiges Schlotz machen
können. Meine Herren! Dieses augcnblickliche Koquettiren
mit der Kunst ist eine Art Krankheit geworden, die nur
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