Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Vom Christmarkt

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Wahrscheinlich indessen, daß dnrch eisriges Koinbiniren
und weiteres Auffinden von Kvpfen und Attributen
auch die Taufe der übrigen Götter noch gelingen wird.

Die feindliche Armee bot zunächst noch wcniger
Anhaltepunkte fnr die doch so nöthige Jndividuali-
sining. Dcnn wenn auch nach einigen AnschauungS-
weisen die von den Giganten befreiten Titanen den-
selbcn zu Hiilfc kamen nnd wir viclleicht in dem
bvrliegenden Kunstwerke es mit einer Schlacht der
Giganteu und Titancn zu thun habcn, so wäre mit
diesen zwei verschiedencn Spezies immer noch wenig
erreicht. Der Künstlcr hat nun die Götterfeinde in
vier verschiedenen Formcn dargestellt: 1) als Zwitter-
wesen, deren menschlichcr Oberkörper von dem Ansarg
des Obcrschenkels an in zwei riesige Schlangenleibw
uusläust, deren Köpfe dcn kämpfcnden Armen durch
^isse Beistand leisten; dcr Ansatz der Schlangcnleiber
geschicht nicht bci Allcn iu glcichcr Weise; 2) als
»ackte, wild anssehendc, schr breitschnltrige und star:-
driistigo, meist vollbärtige Blänner, die mit Fcllen vcn
-t.hieren, zum Thcil Löwen, bewaffnet sind; 3) as
gernswte, bchclmtc, gewaffnete Männer, zum Thel
dartlos; 4) als Dämonen mit cinci», zwei und dni
Flügelpaaren.

Dic crstc dieser Darstellnngsivciscn gehört be-
la>intlich schon der altcn Dichtung an. Die Schlang'
tzl auch bei andern arischen Nationcn dic Personisika-
tivn dcr erdgeborenen Krast, der ivildcn Natnrgewal-
teii: Erdbebcn, Lalvinen, llcberschwemmungen sind ii
der Sprache der Mythvlogie Drachen. Die Ausgabi
Wurde dem Kimstler dnrch Hincinziehnng dieser Scheu-
s^le „icht erleichtcrt; andercrseits verschafften sie ihm
e>u bcgncmes Mittel, dnrch das vielfältige Schlangen-
geringel alle Lücken in dcm Rclief zu vcrmciden, dcffen
glaiii» allcrdings in crstaunlicher Wcise vkonomisch
l'enutzt geivesen zu sein schcint. Dic iintcr Nr. 2 cr-
wähnten Mcnschen habcn theils cinen edleren, in ihrem
Vathos etwa an Laokoon oder auch an dcn stcrbenden
Gallier anklingenden Typns, theils sind sie in ihrem
Gcsichtsausdrnck von dcr bestialischcn Wildhcit gewiffei
^entanrcn. Wir gelvinnen hierbci dcn sichern Beweis

der in Neapel befindliche tvdte nacktc Mann, dessei
-äusaiiinicngehvrigkeit mit dcni Attalidengeschenk schoi
lungst feststeht, in der That nur cin Gigant sein kann

gefliigelten Dämonen cndlich laffcn sich viellcich-
""s altasiatischc, also affyrischc Einflüffe zurücksührcn
Deun die affyrischen Kunstgcdanken haben nicht nni
"s dvrdorischcr Zeit bis über das ägäische Meer nni
l'W zinn Njt verbrcitet, sondern lebten anch späte'
Uvch trvtz „iid ncbcn dcr hcllenischen Kunst in Klein-
^sten. Jch vcrweisc anf Tcxicr, der im 3. Band seine,
^launten Werkcs übcr Kleinasien auf p-ax. 168 nn>
^^sA l58fg. Nelicfs ans Aphrodisias pnblicirt, au

denen ein Apollon mit Flügeln und geslügelte Dämonen
erkennbar sind.

Trotz der offenbar ganz bestimmt beabsichtigten
Mannigfaltigkeit, welche durch diese Viertheilung in
das Heer der Götterfeinde kommt, blieb die Gesahr
einförmig uud stereotyp zu werden für den Künstlcr
noch immer sehr groß. Soweit wir aus den Resten
erkennen können, hat er dicse Gefahr nicht allein ver-
mieden, sondern anch einen solchen Neichthum an
Motiven, eine solchc Fülle verschiedener Situationen,
sv feinc Abstufnngen der Lcidenschaften verwendet, daß
der kürzlich noch erhobene Vorwurf gegen die perga-
menische Kunst, der ans den bisher bekannten Werken
resultirte, es herrsche in dieser Schule eine Armuth
der plastischen Motive, genau in das Gegentheil ver-
kchrt ivird. Bald stürmt der Gigant in wildem An-
stnrni gegen den erhabenen Feind, mit der Hand Steine
schleudernd odcr die Waffe führend, während seine
Schlangenkopffüße den gvttlichen Gegner mit ihrcn
Zähnen zn crfaffcn snchen, bald liegt er getroffen am
j Boden oder er wird von der mächtigeren Hand beim
Schopfe gefaßt nnd niedergeschleudert, bald wird er
von dem unwiderstehlichcn Schritt des Gottes zu Bodcn
getrcten, vder er liegt bcreits und seine Glieder sind
im Todc gelöst. B. Förster.

(Schluß folgt.)

Vom lLhristmarkt.

(Fortsetzung.)

Seine Vvllen Segel zieht der Humor in zwei
anderen Münchener Lichtdruckpnblikationcn aus, dic
ebensalls im Verlage von Ad. Ackcrmann erschienen
sind. Jn der cinen liesert Hugo Kauffmann in
34 Tuschzeichnungen ein Seitenstück zu seinen „Spieß-
biirgern nnd Bagabunden" vom vorigen Jahre, in-
dcm er uns mit cincr neuen „zwangloscn Gesellschaft"
unter dem Titcl „Bicdermänner und Cvnsorten"
bckannt macht. Paarwcise zusammengestellt erscheinen
znnächst achtzehn Typen dcr vcrschiedenstcn Stände
und Würden: der Rektor und der Kandidat, der Ge-
meinderath und dcr Gemeindevorstand, der Posthaltcr
und der Torfbaucr, der Handelsmann und der Ge-
richtsdiener, der Aktuar und der Landrichter u. s. w.,
alleS prächtige, nach der Natnr studirtc Charakterköpfe,
hin und Ivieder durch einen Znsatz von subjektiver
Laune gcivürzt, größtentheils aber mit einer fast Iviffen-
schaftlichcn Objcktivität behandelt, dic keinen Ziveifel
an der leibhastigen Existenz aiifkommen läßt. I»
dcn übrigen Blättern schaltet der souveräne Humor,
dcr lediglich daranf bedacht ist, dem Thun und Treiben
der Leute dic lächerliche Seite abzngewinnen. Der
Koiiiik einer Figur, wie z. B. die des trippelnden
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