Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstliteratur.

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eine recht gutc Arbeit, die sich Vurch realistische Krast
und frischc Umuittelbarkeit auszeichnet, bürfte ein an-
muthiges Kinderköpfchen'von P. Kießling hervorzuheben
sein. Nicht ohne Reiz in der Fcinheit und dem warmen
Schmelz der Tönc ist ferner das Bildniß einer jungen
Frau in neugriechischem Kostüm von Prost H. Hof-
m anu. Auch cinc flcißig durchgesührte Arbeit von
E. H em ken (das Bildniß des Geh. Hofraths Roßmann)
zieht dnrch Achnlichkeit und lebendige Auffassung die
Ausmerksamkeit auf sich.

Die Landschaften bilden mit den Werken der
Genremalerei das Gros der Ausstellung. Wie aber
untcr let,llcrcn kaum eine cinzige Arbeit sich befindet,
welche sich über das Niveau eines gewissen Durch-
schuittscharaktcrs erhebt, cbcnso uud uoch weniger bietet
das landschastliche Fach HcrvorragcndeS. Eine geübte
Tecbnik ist mehr oder wcnigcr allcn Arbeitcn geincin,
mittelst welchcr irgend ein Stück stiatur oder auch
lvohl uur die Behaudlungsweise irgeud eineS mvdernen
Meisters kopirt erscheint; weniger dagegen begegnet
inan einer poctischen Empfindung, und selten nur tritt
eine gesammelte Stiinmung an den Tag. Noch zu den
anziehendsten Leistungen gehören die Landschaften von
Pros. Ludwig uud A. Hörter in Karlsruhe, E.
Weichberger in Weimar, cine Haidelandfchaft von
V. Ruths in Hamburg, die freundlichen Seebilder
bon R. Schietzold init ihrcu leuchtenden Lüften,
cndlich einige Münchencr Landschaftcn von I. G.
Steffan, A. Kappis, Ph. Herrmann u. A. an-
reihen. Von Dresdenern hat A. Thomas ein
hübschcs Bild gclicfert: cin heiter sonniges Waldthal
mit einer Kapelle, vor welcher sich eine Schaar An-
dachtiger vcrsammelt hat. Die meisten der genannten
Kiinstler haben die Motive zu ihren Bildern der
niitteleuropäischen Gebirgsnatur, insbesondere den
Tirolcr Bcrgen entnvmmen, wogcgcn für die italienische
Landschast die bekannten Namcn vvn A. Flanim in
Düsseldvrf und Prof. Hummel iu Weimar eintretcn,
währcnd A. Nordgren in Düsseldorf und E. Oester-
lep jun. in Hamburg die Natur des hohen NordenS
am wirksamsten schildern. Noch befinden sich unter
ben Aquarellen einige bemerkenswerthe Leistungen, wsie
>» ersterReihe die gediegenenEntwürfe vonH.Gärtner
Z» den Wandmalereien im städtischen Museum zu
Lcipzig; sodnnn eine mit ihrer sinnigen Staffage gut
zusammengcstimmte Landschaft von P. Mohn: ein
Marientag am Rechbcrg; endlich verschiedcne virtuoä
gematte Ansichtcn aus Jcrusalcm von Prof. Karl
Werner in Leipzig.

Auch dic übrigen Gattungen der Malerci sind
vcrtreten, insbesondere fehlt es nicht an Blumen- und
Fruchtstückcn in Ocl nnd Essig, wollte sagen Aquarcll;
aber uur das Thierstück präscutirt eiuiges Schmackhafle.

Dazu zählt cin gut beobachtetes wirkungsvolles Däm-
merungsbild mit eineni Brunsthirsch von A. Thiele,
sodann ein lebendig gemaltes Jagdstück von G. von
Masfei in München, wie, ebenfalls von dort, ein
paar hübsche Thieridyllen von Chr. Mali.

Bei den vortrefflichen Kräften, welche Dresden
unter seinen Bildhauern besitzt, ist die Skulptur auf
der Ausstellung nicht leer ausgegangcn. Hähnel und
Schilling haben sich an derselben betheiligt. Ersterer
hat eine mäunliche Büste in Marmor von nobler Auf-
fassung und feiner Durchführung ausgestellt. Letzterer
bietet in Gypsabgüssen die lebenswahren, in's Monu-
meutale gcsteigerten Büsten der Könige Johann und
Atbert von Sachsen, welche Kolossalbüsten, in Bronzc
ausgeführt, das Musenm Jvhanucum in Dresden zn
schmücken bestimmt sind. Auch von H. Hultzsch ist
einc sorgfältig in Marmor ausgeführtc Biiste des
KönigsAlbert vorhanden. Außerdem hat Prvf. Donn-
dorf in Stuttgart cinige gute Bildnisse, worunter das
Carl Grüneisen's, geliefert, deni weiterhin sich noch
O. Rassau mit eiuigen derartigen Arbeitcn anreihen
ließe. Unter den Gruppen und Figuren, deren Zahl
nur eine kleine ist, bcfinden sich einigc Schülerarbeitcn
aus dem Hähnel'schen und Schilling'schen Atclier, wie
von F. Helbig, O. Panzner und R. Schnauder,
die als Erstlingsarbeiten nicht ohne Verdienste sind.

C. C.

Aunstiiteratur.

Tabias Stimmer's Stiasibmqci F-rcischießcii vom Jahrc 1576,

herausgefteben von llr. August Schricker. Straßburg,

Carl I. Trübner. 1880.

Nach dem Originalholzschnitt der kaiserlichcn Univer-
sitäts- und Landesbibliothek zu Straßburg erhalten wir hier
in einer schön ausgestatteten Publikation ein von I. Kräiner
zu Kehl tresflich iii Lichtdruck ausgeführtes Facsimils des
großen aus vier Stöcken bestehenden Holzschnittes von To-
bias Stimmer. Je seltener dieses Blatt ist, desto werth-
voller muß seine Wiedergabe und Veröffentlichung erscheinen,
denn es handelt sich nicht bloß um ein künstlerisch bedeu-
tendes Werk des altdeutschen Formschnittes, sondern eben
so sehr um ein ivichtiges kulturgeschichtliches Denkmal. Jenes
denkwürdige Freischießen, nielches durch die Fahrt der
Züricher mit dem dampfenden Hirsebrei eine volksthümliche
Berühmtheit erlangt hat und durch Fischart's „Glückhaftes
Schiff" verherrlicht worden ist, hat durch die lebensvolle
Schilderung Stimmer's eine Jllustration von selbständigem
künstlerischen Werthe erhalten. Der Meister entrollt uns auf
einem Blatte von 4l vm. Höhe und 122 om. Breite ein
äußerst ergötzliches und anschaulichesBild des maunigfaltigen
lustigen i^reibens auf dem Festplatz. Bei aller knappen
Derbheit des Holzschnittes und trotz der Kleinheit der Figuren
herrscht überall eine so charakteristische Prägnanz der Dar-
stellung, solche Schärfe und Lebendigkeit der Auffassung in
Geberden und Bewegungen, daß man hier so recht ivieder-
erkennt, mit wie bescheidenen Mitteln ein echter Künstler
alles Wesentliche zu erschöpfen vermag. Der Text enthält
eine sachkundige, von Geschmack und Gelehrsamkeit zeugende
Crklärung des Ganzen, dio auf genaue Ortskenntniß gestützt
ist und durch ein erläuterndes Beiblatt eine Handhabe zum
Verständniß aller Einzelheiten bietet. Die Publikation reiht
sich somit würdig so manchen anderen an, durch welche
neuerdings mit Hülfe des Lichtdruckes, der auch hier seine
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