Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Aus dem Florentrner Kunstleben. 316

kleine Tiepolo's aus der Folge der Leidensgeschichte
Christi u. v. a.

Unter den Moderncn brillirt vor Allem Hans
Makart und der um ihn geschaarte Kreis der jüngeren
Wiener Koloristen. Von Makart sind die bereits vor
mehreren Jahren entstandenen „Fünf Sinne" ausge-
stellt, ebenso viel schmale Panneaux mit je einer in
sast völliger Nacktheit dargestellten weiblichen Gestalt,
welche durch ihre Bewegung oder Handlung unter
Beiziehung entsprechender Attribute und Umgebungen
den Geruch, Geschmack, das Gesicht, Gehvr und Gefühl
symbolisirt. Der Gedanke ist überall mit unmittel-
barer Deuttichkeit zur Anschanung gebracht, und was
die Hauptsache ist: die Bilder zeigen eine so meisterhafte
Durchbildung des Nackten, daß wir sie unbedenklich
zu den reinsten und vollendetsten Schöpfungen des
hochbegabten Künstlers zählen dürfen. Vor Allem gilt
dies von der Allegorie des Geschmackes, einer zart
modellirten Rückensigur von wahrhast bezauberndem
Schmelz der Farbe. — Nächst Makart muß in erster
Linie Franz Rumpler genannt werden, der sich uns
in nicht weniger als zehn Bildern präsentirt. Es
wurde wiederholt in diesen Blättern auf den genannten
jnngen Künstler, als aus eines der hoffnungsvollsten
Talente der Wiener Schule, hingewiesen. Rumpler hat
mit manchen Anderen seiner Landsleute und Alters-
genossen seit einiger Zeit sein Domicil in Paris auf-
geschlagen, und erst dort ist seine große Begabung zur
vollen Rcise gelangt. Wir heben vor Allem das größere
Bitd hervor, welches die Bezeichnung: „Mußestunde"
trägt. Es zeigt nns in einem elegant ausgestatteten
Salon eine in Weiß gekleidete jnnge Dame, Welche in
eincm Hefte blättert; neben ihr anf dem Tische liegt
ein Btumenstrauß, wic er von keinem zweiten mo-
dernen Meister geschmackvoller und dustiger gemalt
ivordcn ist. Ein Stcvcns und Willems brauchtcn sich
der Leistung nicht zn schämen! — Ferner ist Hugo
Chartemvnt durch ein reizendes Stillleben, Hans
Schweiger durch zwei stilvolle hnmoristische Agnarelle
(Scene aus den „6nntörbnr/ tnlss" nnd „Ratten-
fänger vvn Hameln"), Schindler namentlich durch
eine stimmiingSvolle holländische Landschaft vcrtreten.
— Auch die deutschcn Schulen haben einige schöne
Beiträge geliesert, vor Allein Düsseldorf in der Ansicht
von Hamni bei Düsseldorf von Andreas Achenbach,
in dcr lebendig gcschitderten Genrescene: „Da ging es
hoch her" Vvn Max Volkhart, einer schöncn Land-
schaft von Dücker n. a., wozu noch auö München ein
rcizendes blvndes Mädchenköpschen von Gabriel Max,
aus Berlin C. Becker's Spanierin und zahlreiche an-
dere Oclbilder nnd Agnarelle der bestcn Mcister kom-
men. — Daß nnter dcn Aqiiarcllcn die prächtigen
Architekturen von 9e. Att uicht fehten, ist in einer

Wiener Ausstellung dieser Qualität selbstverständlich. —-
Auch die Plastik hat zwei Spezialitäten ersten Ranges
aufznweisen, in Strasser's merkwürdiger Statuette
einer „Japanesischen Tänzerin", einer Arbeit, welche
diesem jungen Künstler eine glünzende Zukunst ver-
spricht, und in Victor Tilgner's kolorirten und
lackirten Ghpsfiguren, welche Majoliken imitiren und
sowohl durch die effektvoll gehandhabte Technik als
durch ihre geistreiche Erfindung neues Zeugniß ablegen
für das außerordentliche Talent des Künstlers.

Damit für heute genug, um das neue Miethke'sche
Unternehmen zu begrüßen, das uns hoffentlich durch
regen Wechsel seiner Schaustellungen Anlaß bieten wird,
ihm eine ständige Rubrik in unserer Chronik zu widmen.

Aus deni Florentiner Aunstleben.

II.'

Weiteres zum Domausbau. — Neue 5xnagoge. — Aus
Fiesole. — Ausstellungen. — Auction 5an Donato.

Wie mir gesagt wird, ist die bis jetzt fertige Arbeit
an der Domfayade mit einem Kostenauswande von 320,000
Lire hergestellt worden, wobei allerdings zn beriicksichtigcn
ist, daß unter anderen freiwilligen Leistungen das Roh-
material für die Fapadenaufmanernng von der Stadt-
vertretnng hergegcben wurde und ebenso der zur Ber-
kleidung nöthige weiße Marmor nnentgeltlich zur Ver-
fügung stand. Letztcrer, etwas grobkörniger als der car-
rarische, ist von Terravezza, dcr rothe Marmor aus
Poggibonsi bei Siena und der dunkclgrüne von Monte-
Ferrato bei Prato, unter dem dcanien murmo nöro oder
vsräö äi Drulo bckanut. Die Baukosten wnrdcn wiedcr
durch freiwillige Bciträgc aufgebracht; bis jetzt ergaben
die Saiumluiigen an 700,000 Lirc, an dcucn der Adct
nnd die Bürgerschaft von Florenz nüt 45I,000Lirc parti-
cipircn, währcnd der König 100,000, derPrinz Carignan
10,000, der Fürst Paolo Dcmidoff 35,000, dcr Gcncral
La Marmora 20,000, dcr Graf Boutourlin 20,000,
der Graf Grawford e Balcarrcs 12,000, verschicdenc
Korporationcn zusamiucn 30,000 beigetragen haben.

Der Bildhauer Santarelli ist damit beschäftigt,
die Relicfs zu den drei Thüren im Modell herzustellcn;
diese sollen in Bronze ausgeführt werden, also mit dcn
Thürflügeln Lorenzo Ghiberti's am gegenüberliegcndcn
Baptisterium in Konkurrcnz trctcn. Da ich noch keim'
Gelcgcnhcit faud, mir persönlich ein Urthcil darüber zu
bildcn, inwieweit Meister Lorenzo als geschlagcn zu bc-
trachten ist, niuß ich mir mcine Mciiiiingsäiißcrung
cinstwcilen vorbehaltcn.

An den incrustirten Flächcn der Langseiten nnd
dcr Chorkapellen des Domcs wird bcständig gcflickt niid
gewaschcn, dcr „kleiiischeckigc" Eiiidrnck jedoch dadurch
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