Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Page: 393
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Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.


^nhalt: Der Neubau der wiener Universitätsbibliotbek. — Zerd. Lutbmer, Goldschniuck der Rencnssance; ,,Die Bücher-Mrnainentik der Re-
issancr'' vo>i L). F. ^u t^s ch. — boka11 ach^der CoUection Dcnudoff. ^ s?ietro ^elvatico -s. —^^lünchener 2<unsioeieiin

15. Iahrgang.
Beiträge

sind an s>rof. Dr. L. von
kützow (Wien, There-
sianunigasse 25) oder an
die verlagshandlung in
teipzjg, Gartenstr. 8,
zu richten.

t- April

Nr. 25.
Inserate

ü 25 j?f. für die drei
Mal gespaltene s)etit-
zeile werden von jeder
Buch- u.Runschandlung
angenommen.

s880.

Der rccubau dcr Mruer Uuiversitätsbil'Iiothck.

Bekanntlich hat sich in letzter Zeit fast allerorten
Ue Nothwendigkeit heransgestellt, für die iinmer mäch-
^ger anschwellenden Biicherschätzc nnserer großen Städte
neiie Räuinlichkeiten zn schaffen oder die alten nach
neiien Principien nnizubaucn. Es dürfte deshalb von
^stgemeinem Jntercsse sein, über einen der großartigsten
Ueser Neubanten, nämlich über die mit der Wiener
llniversität in Verbindung zu setzende neue Bibliothek
bvn ihrem Erbauer Heinrich v. Ferstel selbst eine ein-
gvhende Beschreibnng des im Ban begrifsenen Planes
erhatten. Durch cine Zeitungspolemik veranlaßt,
!chreibt der berühmte Architekt in der Wiener N. Fr. Pr.
»solgendcs:

„Das Programm für die neue Wiener Universiläto-
l'iblivthek svrdcrt einen Aiifstellungsraum siir 500,000
^ände, einen ^esesaal zur gleichzeitigen Benntzung für
400 Stndenten, anßerdem gesonderte Lesesäle für die
Professorcn und Docenten dcr Universität und die siir
Bibliotheksdienst nothwendigen Ncbenräume.

Wer nun cinigermaßen das Fassungsvermögen
iiostehender Bibliotheken nnd die Einrichtung der zn-
gohvrigen Lesesäle kcnnt, wird zngeben, daß die zwcck-
Usäßige Ranmvcrthcilnng in dem vorliegenden Falle
große Schwierigkeit ist, wclche dadurch noch
^'escntlich erhvht Ivurde, daß der Architekt nicht, wie
^ bei analogcn Aufgaben vorkommt, ein sclbständiges,
obcn nnr für die Bibliothek bcstimmtes Bauwerk schaffen
lonnte, sondern daß, da die Bibliothek nur einen Thcit
"s grvßenUniversitäts-Kebäudes bildet, dieFvrdernngen

sür dieses Objekt in Einklang mil anderen Bedingungen
gebracht werden mußtcn: dicser Theil inußtc sich dem
Ganzen anpasscn nnd svllte doch wiederum alle Be-
gnemlichkeit und Bortheile eines selbständigen Baues
an sich haben.

Der schwierigste Pnnkt der ganzen Ansgabe war
die Anlage des großen Lesesaales, welcher dieselbe An-
zahl von Sitzplätzen enthalten svllte, wie der grvßte
heutzntage existirende, nämlich der Lesesaal der Uiblio-
tbsgns nntionnls zn Paris. Ferncr mußten aber auch
die Büchcrdepots in solcher Nähe nnd derart dispvnirt
sein, daß die Bücher von dem entlegensten Theile des
Gebändes möglichst schnell dem Leser zugeführt werden
können. Diese Bedingnng sowic die möglichst ökonv-
mische Ranmaustheilnng führten natnrgemäß znr Cen-
tralisativn der Anlage. Alle in den Bibliothckcn in
älteren Zeiten angewendeten Ansstcllnngsarten, sowvhl
die Schanstellung in großcn Prachtsälen als auch die
Anlagv einzelner kleiner Säle mit Wandschränken,
konnten zur Lösung einer so gearteten Aufgabe nicht
geniigen. Dieselben involviren bedentende Ranmver-
schwendnng und wären hier aus materiellen Griinden
unausfiihrlich gewesen; dann hat abcr eine derartigeAns-
dehnung der Anlage auch eineschwierigeKvmmunikation
zwischen den einzelnen Theilen znr Folge, was wieder
dem Zweckc eincr raschen Vermittelnng der Bücher
an die Lesenden widerstreitet.

Aus dieser Erkenntniß hat sich seit den lctzten
Jahrzehnten in denjenigcn Ländern, welche am meisten
Gelegenheit hattcn, durch die gestellten Anfgaben diese
Frage in tiefgehendster'Weisc zn stndiren, nämlich in
England nnd Frankreich, ein Svstem für Bibliotheks-
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