Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Der Neubau der Wiener Universitätsbibliothek.

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Anlagen herausgebildet, welches als vollendete Lösung
der so schwierigen Aufgabe angesehen werdcn kann.
Diesem System zufolge bildet der Lesesaal, der nach
Umständen auch Bnchcrdcpot ist, das Centrnm. Um
diesen Saal gruppiren sich die übrigcn Büchermagazine,
in denen ein äußerst sinnreiches Aufstellungs-System
vermittelst Galerien, welche die Anwendung jeder Leiter
ansschließen, die größte Ausnützung des Ranmes, so-
wie die bequemste Kommunikation mit dem großen
Lesesaal ermöglicht.

Um die Ansbildung dieses Systemes hat sich dcr
französische Architekt Labrouste, der sich dieses Stu-
dium zurLebensausgabe gemacht hatte, die bedeutendsten
Verdienste erworben. Seine Bibliothek Ste. Gene-
visve in Paris zeigt zuersl diese vollständige Centrali-
sation, indcm der Lesesaal zugleich den größten Theil
des Bücherdepots bildet, und die außerordentliche Be-
guemlichkeit der Bedienung in dieser Volksbibliothek
wird noch heute lobend anerkannt.

Was bei dieser verhältnißmäßig kleinen, wenig
über 100,000 Bände sassenden Bibliothek möglich war,
läßt sich bei größeren Bibliotheken nicht in ganz der-
selben Weise durchführen. Die beiläufig 30 Jahre
später von demselben Architekten ausgeführte National-
Bibliothek in Paris zeigt das gleiche System auf die
größte Bibliothek der Wclt angewendet, und zwar in
jener Vervollkommnung, zu der nur unausgesetztes
Studium und reiche praktische Erfahrung führen konnte.
So tvurden dic großartigsten Bibliotheken, die kidiio-
tbögns nutiormis in Paris, beiläufig ztvei Millivnen
Bände enthaltend, und jcne des Britischen Museums
in London, mit eirca 900,000 Bänden, nach solchen
Principien eingerichtet. Aber auch die Bibliotheken
anderer Länder, unter welchen jene von München
(circa 800,000 Bände), von Berlin (circa 700,000)
und Petersburg (circa 600,000) die größten sind,
dürften im Lause der Zeit ähnliche Einrichtungen er-
halten, wie ans den über einzelne derselben seit Jahren
dasür gemachten Studicn und Plänen hervorgeht.

Es konnte nach dem Gesagten für nnch nicht
mehr zweifelhaft sein, wohin sich mein Augenmerk
richten mußte und wo ich vorzüglich meine Studien
zu machen hatte, als mir die Aufgabe zusiel, eine
Bibliothek zu bauen, welche den letztgenannten an
Fassungsvermögen nahe konnnen soll, sür welche aber
ein Lesesaal gefordert wurde, gleich groß mit' dem der
größten Bibliothek, nnd wobci ich mich bei der Anlage
aus ein dNinimum des Raumes beschränken mußte.

Die nachfolgende Beschreibung der von mir nnn
endgiltig sestgestellten Anlage der Wiener Universitäts-
Bibliothek soll zeigen, inwiefern das oben geschilderte
System auf diesen Ban angewendet ist und welchc
Modifikatione» theils dnrch ränmliche Beschränknng,

theils durch spezielle Forderungen hier nothwendig ge-
macht wurden.

Die Bibliothek des neuen Universitäts - Gebäudes
liegt an der Rückseite des großen Hofes; sie bildet also
die Mitte der West-Fa^ade des ganzen Gebäudes mit
einer Länge von 68,25 m.; der Hauptbau entspricht
der Brcite des Hofes mit einer Länge von 46,76 m.
und einer Tiefe von 26,86 m.; er ist begrenzt von
zwei Flügelbauten, die sich an die Langseiten des Hofes
anschließen. Die ganze Bibliothek bedeckt einen Flächen-
rauni von 1969 s^m., und an der äußeren Fayade
beträgt die Höhe bis zum Abschlußgesimse 26,5 m.
Da der große Hof in dem Niveau des HochparterrcS
liegt, so kommt man durch die rechtsseitige Hof-Arkadc
nach cinem Vestibnle, in welchem sich dcr Zugang zu
dem im Hochparterre, gcradc unter dem Lesesaale, lie-
genden großen Büchcrmagazinc bcfindct. Ans diesem
Vestibule führt eine dreiarmige Haupttrcppe nach dem
ersten Stocke in einen Vorraum, der gerade so groß
ist, wie das eben erwähnte unter ihm besindlichc Ein-
tritts-Vestibule. Jn diesem Vorranme deS ersten Stvckes
befinden sich drei Thüren, von dcnen die eine nach dcm
großen Lesesaale, die zweite in die Lesesäle der Pro-
fessoren und in die für den Bibliotheksdienst erforder-
lichen Nebenräume führt. Die dritte Thür leitet in
dcn großen Korridor des Universitäts-Gebäudes, von
wo aus ebenfalls der Eintritt in die Bibliothek statt
finden kann. Der Lesesaal besitzt die Form cincs Recht-
eckes, dessen Längsseite der ganzen Brcite des Hofes
(46,5 m.) entspricht; die kürzere Seite hat die Längc
von 17,7 m. Eben dieselbcn Dimensivnen entsprechcn
natürlich dem nnter ihm befindlichen großen Bücher-
magazin. Die Ostseite des Lesesaales ist begrenzt durch
die oben erwähntcn Lesesäle der Professoren und durch
Nebenräume für den Bibliotheksdienst. Sie liegcn also
nach dem großen Hofe über den die Rückseite desscl-
ben abschließendcn Arkaden. Nach der Südseite hin
grenzt an den großen Saal eiu zweites großes Bücher-
magaziu, welches vom Hvchpartcrre an die ganze Höhe
des Gebäudes einuimmt. Da der große Lcsesaal dnrch
den ersten und zweiten Stock dnrchgeht, dic Neben-
räume jedoch nur die Höhe eines Stockwerkes besitzen,
so ergeben sich im zweiten Stockwerke über diescn
Nebenräumcn, sowie über Stiegenhaus und Vorranm,
noch weitere Depots, welche jedvch alle mit den vor-
genannten Magazinen und dem Lesesaale dnrch Treppen
in Vcrbindung gebracht sind. Endlich enthält anch
das in der ganzen Ansdehnung dcr Biblivthek auge-
lcgte Tiefparterre Depots und stiutzränme, welche aber
für den Bticherbclegraum uicht !n Rcchnung gezoge»
wurden. '

Wie man aus dem Gcsagten ersieht, bildet auch
in dicser Anlage der Leseraum das Ceutrnm. Derselbc
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