Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Markuskirche in Venedig und der englische Protest gegen die Neuaufführung ihrer Fa^ade,

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den Thurm Giotto's in Bezug auf die Verhältnisse in
der Gliederung und auf die ruhige Farbenwirkung zum
Muster genommen, so würve er jedenfalls zu einer
glücklicheren Lösung gelangt sein.

Manches wirkt auch im Projekt besser, was die
Ausführung geändert hat; so sind die Sockelpartien mit
ihren Evangelistenemblemen statt der Fenster dort ein-
heitlicher, die Portale schließen sich eng an die hier
noch abgestumpften Hauptpfeiler an, ihre Zusammen-
hangslosigkeit mildernv; durch die Annahme helleren
Materials ist mehr Harmonie erzielt, als sie je von
der Verwitterung selbst in Jahrhunderlen zu erwarlen
ist, da die durchgehenden farbigen Schichten zum Weig
zu dunkel, der grüne Marmor ohnehin ^fast schwarz
wirkt.

Jch bedauere, daß bei Feststcllung der Ansführungs-
pläne das viele Vorzüge bergenve 64. Konknrrenzprojckt
Les DänenWilhctmPetersen nicht mehr zuRathe gczogcn
worden ist. Davurch ist eine Zersplitterung in's Kleinliche
fortgeschleppt worven, wo der ganze Aufwand monumen-
taler, dichterischer Kraft einzusetzen war, und die Jvee
ist nicht im gleichen Schritt mit der meisterhaften, technischen
Durchführung geblieben. Herr de Fabris hal jedenfalls
seine großen Vervienste, deren geringstes sicher nicht seine
anerkannle Uneigennützigkeit und die Gewissenhaftig-
keit ist, mit der er die vorhandenen geringen Mittel
zu Rathe hält. Diese Verdienste schmälern zu wollen,
liegt mir durchaus fern. Meine Worte gelten der
Sache, und deshalb kann ich auch das Urtheil des
Professorenkollegiums der Akademie nicht unterschreiben,
welches mittelst Dekrels ihren Präsidenten de Fabris der
Nachwelt sbfort neben Arnolfo, Giotto und Brunellesco
überliefert wissen will, oder ich hätle eben zugestehen
müssen, daß seine Schöpfung neben der großartigen Grund-
disposition Arnolfo's, neben dem Maler-Gcnie Giotto's
und der Kuppelanlage Brunellesco's, von der eine
neue Epoche dalirt, sür die Vollenvung von Santa Maria
bel fiore an Größe und Herrlichkeit alles Menschen-
mögliche biete.

Florenz, im Januar 1880.

Fr, Otto Schulze, Architekt.

Die Markuskirche in Venedig.

und der

englische protest gegen die Neuaufführung ihrer Faxade. !
(Fortsetzung.)

Doch zurück zurSache, Mittlerweile erschien endlich !
der Text der Bittschrift, welche von Oxford ans an den
italienischen Ministcr der öffentlichcn Arbeitcn (irr-
thümlicher Weise an diesen) durch Meetingsbeschlus;
abgesandt war, in den hiesigen Blättern. Es wurdc
in letzteren der von würdigem reinstem Gefühle für Er-

haltung des Guten und Schönen durchdrungene Ton
des Schriftstückes anerkannt. Jn dem „Memorial"
selbst, welches in London mit zahlreichen Nnterschriften
bedeckt wurde, unter denen sogar Namen wie der Lord
Beakonsfield's nicht fehlten, wird aus die hohe künst-
lerische und geschichtliche Bedeutung von S. Marco
hingewicsen. Der Schmerz über den Verlust der ori-
ginalen Fayade, so wie der Vvrhalle init den in der
Kunstgeschichte einzig dastehenden Mosaiken würde in
ganz Europa ein sehr tiefer sein. Es wird ferner aus-
geführt, wie es bedeutenden Männern von Fach durch-
aus nicht unumgänglich nöthig erscheine, den Baukern
abzutragen. Man bitte dcn Minister, seiner Regierung
zu empfehlen, kein Mittel unversucht zu lassen,
um durch Anwendung technischer Mittel ohne Ab-
tragcn dem Bauwerk die nöthige Stabilität wieder-
zugeben. Am Schlusse wird gcbeten, eine allzuerregtc
Sprache, ein allzuinständiges Bitten, entschuldigen zu
wollen, da nur die Dankbarkeit gegen Jtalien, dieses
Land, das, Aller Lehrmeister, auch Allen und bcson-
ders England durch Sympathie verbunden sci, zu
solchem Schritte habe veranlassen können.

Am 28. Nov. erschienen im „Diritto" der Text
eines Rapportcs, welchen der Minister des Kultus an
den italicnischen Gesandten in London geschickt haben
soll, wahrscheinlich zur Uebermittelung an die Bitt-
steller. Jn diesem Rapport wird ansgeführt, das; dic
Regierung schon vor längerer Zeit die nöthigen An-
ordnungen getroffen habe, nm die Markuskirche bei
der Restauration als geschlossenes, unversehrtes Ganzes
zu erhalten. Als man am Hauptportale mit der
Renovirung angefangen habe, sei es die Negierung ge-
wcsen, welche die der Kirche hierdurch drohende Ge-
fahr abgewandt habe. Um so mehr habe sich das
Ministerium der Sache angenommen, als es mit den
nöthigen NUttcln ausgestattet worden sei, eine dcr
Würde des Monumcntes cntsprechende Restauration
vornehmcn zu lassen. Das Ministcrium habe im
vergangenen Mai dcn Präfekten Venedigs aufgefordert,
die „Kommissson zur Erhaltung dcr Monumcnte",
einzuberufen, damit dieselbe den Stand der Dinge
untersuche, und erwarte auch das Urtheil derselben.
Ueberdies habe es befohlen, eine Jnspcktion des Bau-
werkes und seiner Restauration vorznnehmen, welche
letztere denn anch verwerflich befundcn worden sci. Es
wäre in Folge dessen strenge Ordre an die „Fabricieria"
(Kirchenverwaltung) an S. Marco ergangen, bis auf
Weiteres keine Hand an dic Restauration, weder dcr
Mosaiken noch irgend welcher andercn Theile dcr
Kirche, legen zu lassen. Man hvffe, daß wcnn diesi
Entschließungen und Verordnungen England zur Kcnnt-
nis; gebracht sein wcrden, dieMeetings und übcrhaupt die
ganze Agitation aufhören kvnnten, welche bei sv ge-
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