Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Page: 467
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1880/0240
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
467

Personalnachrichten. — Sammlungen und Ausstellungen.

468

kabineten, denen sie als unerläßliche Handbücher dienen
werden, oder in Bibliotheken zum Nachschlagen vor-
findet. Die Ehre, diesen Weg zuerst betreten und die
Form den Nachfolgern vorgezeichnet zu haben, gebührt
der Verwaltung der Hamburger Kunsthallc. Die Ar-
beit ist mit sichtlicher Freude an der Sache durchge-
führt ivorden. Für Lexikographeu bietet sie sehr viel
Material, auf die Kunstliteratur wird fleißig Bedacht
genommen, und da wir selbst die neuesten Monogra- !
phien im Werke benutzt finden, so hat es uns nur -
gewundert,, nicht durchgehends dieses Prinzip gewahrt
zu finden. So fehlt bei den Wierir, bei Buytenweg,
Ruyscher, Verkolje, Houbraken, Daullö der Nachweis,
während sonst selbst Artikel aus Zeitschriften citirt
werden; bei Rembrandt, Ostade, Everdingen wird nur
auf Bartsch und nicht auf die neuesten Arbeiten von
Blanc, Faucheur, Drugulin verwiesen. Jm Jnteresse
der Kunsthistoriker wäre es auch sehr erwlnrscht ge-
wesen, bci Beschreibung nvch nicht bekannter Blätter
etwas mehr zu geben und insbesondere zu notiren, ob
dieselben den Namen oder das Monogramm des
Künstlers tragen. Dagegen ist es lobend hervvrzu-
heben, daß die Maße solcher Blätter angegeben sind.
Der Katalvg ist nach Schulen geordnet, die Meister
fvlgen in diesem Rahmen in chronologischer Ordnung;
ein alphabetisches Verzeichniß der Künstler erleichtert
das Nachschlagen. Wir legen das Werk befriedigt aus
der Hand mit dem Wunsche: Vivat ssgusns.

'iV.

« A. Woltmann's„Geschichtc dcr Malerei" wird, unserer
vorKurzem ausgesprochencnHoffnung entsprechend, keinTorso
bleiben. Auf Wunsch des Verlegers hat Prof. Or. Karl
Woermann in Düsseldorf, aus dessenFeder bekanntlich schon
der Abschnitt nber vie antike Malerei herrührt, die Fort-
setzung und Vollendung des Werkes übernommen. Es wird
Woermann also obliegen, die Geschichte der Malerei vom
Jahre 1500 bis zur Gegenwart zu schreiben. Dem Ver-
storbenen war es vergönnt, die italienischen Maler des fünf-
zehnten Jahrhunderts noch selbst zu behandeln. An die
Schlußpartie (oberitalienische Schulen), welche dis 8. Liefe-
rung zum Theil noch füllt, wird, dem Wunsche Woltmann's
zufolge, Prof. Or. H. Janitschek die letzte Hand legen.

Personalnachrichten.

8. Stuttgart. Die Stelle des Direktors der Königl.
Kunstschule, die seit dem im Dezember v. I. erfolgten Rück-
tritt von Bernhard von Neher erledigt war, ist in diesen
Tagen neu besetzt ivorden. Alerander Liezen-Mayer in
München hat den an ihn ergangenen Ruf angenommen und
gedenkt sein Amt im Herbst zu übernehmen. Dieses Er-
cigniß erregt hier allgeineine Befriedigung, da es nicht zu
bezweiseln ist, daß der begabte Meister, der als Kolorist
ebenso Treffliches leistet wie als Zeichner und Fllustrator
unserer großen Dichter, neues Leben in unsere Kunstschule
bringen wird. Auf seinen Wunsch hat sich auch der Lehrer
der Malklasse, Professor Häberlin, entschlossen, sein Ent-
lassungsgesuch, welches er 'kürzlich eingereicht, zurückzuziehen
und der Kunstschule, an der er ssit zehn Jahren angestellt
ist, seine Kräfte auch ferner zu ividmen. Dageaen gedenkt
der Lehrer der Landschaftsrklasse, Professor Carl Ludwig, ,
uns zu verlassen, um nach Dresden oder Berlin überzu- !

siedeln, ivas um so mehr zu bedauern ist, als Prof. Ludwig
durch seine frisch und kräftig gemalten, gut gezeichneten Ge-
birgs- und Waldbilder während seines hiestgen drsijährigen
Aufenthaltes sehr anregend gewirkt hat. Als Ersatz für ihn
sind bereits verschiedene Künstler namhaft gsmacht worden.
Hoffen wir, daß die Wahl eine glückliche sei! — Die Stelle
des Jnspektors der Kupferstichsammlung ist auch neu besetzt
worden durch die Ernennung des Profeffors Carl Kräutle,
welcher seine bisherige Stellung als Lehrer der Kupferstecher-
klasse beibehält, die er seit 1865 inne hat. Von ihm sind
auch die ersten Abdrücke des Stiches nach Feuerbach's
Jphigenie aus der hiesiaen Staatsgalerie erschienen, die all-
gemeine Anerkennung finden. — Ein anderes werthvolles
Bild der Galerie, die „Judith" von Riedel, wird gegenwärtig
von Kräutle's Schüler A. Diem gestochen.

5ammlungen und Ausstellungen.

Das Muscum der dekorativcn Kiinste in Paiis, das
aus dem Pavillon Marsan ausquartiert wurde, bildet jetzt
eine durch viele Privatsammlungen und Kunstwerke ver-
mehrte historisch-merkwürdige Äusstellung im Jndustrie-
palaste. Es findet sich dort zunächst eine umfangreiche
Mustsrkarte kostbarer Stoffe, von dem fünften Jahrhundert
an bis auf unsere Zeit; ein Lappen, welcher die Ueberbleibsel
der heil. Helena einhüllte, machte den Änfang. Noch größeren
Werth hat die prachtvolle Sammlung dekorativer und orna-
mentaler Handzeichnungen alter französischer Meister, Maler
und Bildhauer, welche 704 Nummern umfaßt. Sie soll
dazu dienen, erstens im Allgemeinen den Geschmack zu heben
und zweitens die sranzösische Kunst auf dem nationalen
Wege, wie ihn die Tradition angiebt, zu erhalten. So
sehen wir denn Gegenstände aller Art von Arabeskenschmuck
umrahmt, wie ihn die Phantasis französischer Meister er-
zeugte; Degengriffe von Delafosse, Fontänen vom Bildhauer
Puget, Pläne zu einer Kuppelausschmückung von Nepveu,
prachtvolle Teppichmuster von den drei Coypel, den Plan
einer Theaterdekoration von Bslanger, ein Mausoleum von
Soufflot. Für die Pariser Damenwelt hat die Fächersamm-
lung die Hauptanziehungskraft, wie ich oft zu bemcrkeii
Gelegenheit hatte. Was an Fächern in Frankreich geleistet
worden, findet fich hier vereinigt; denn die ersten Damen
Frankreichs, u. a. die Prinzessin Mathilde, die Baroninnen
Rothschild u. s. w. haben ihre prächtigen Familienerbstücke
der Äusstellung übermittelt, wo sic unter Glas das Äuge
durch ihre Schönheit fesseln. Freilich ist der älteste Fächer
moderner Gestaltung kaum zweihundert Jahre alt; dann
aber bleibt die Mode durch ein Jahrhundert hindurch in
wesentlich unveränderter Gestalt. Das Zeitalter der Revo-
lution bietet eine reichliche Auswahl. Zunächst den Fächer
der Marie Antoinette, einfach, mit chinesischen Bildern und
schwarzer Horneinfassung, oben an beiden Seiten mit einein
kleinen Concavglase versehen, dessen sich die kurzsichtige
Königin beim Sehen geschickt zu bedienen wußte. Dann
kommt der Fächer Mirabeau, der Scencn aus dem Leben
dieses Nevolutionsmannes mit entsprcchendem Texte enthnlt.
Eine dieser Scenen stellt Mirabeau dar, wie er zum Kammer-
diener des Königs, der ihn abweisen will, sagt: „Jch be-
fehle dir, dem KLnig zu sagen, daß der Vertreter dcs
Volkes ihn zu sprechen wünscht!" Dann folgen Fächer init
Scencn aus der Zeit des Direktoriums, in der die Damen
für die Nacktheit des Alterthums schwärmten; dann ein
prächtiger Fücher zur Feier der Geburt des Königs vo»
Rom, auf Seide gemalt. Dann eine Art von Lotteriefächer,
dessen Falten nummerirt sind und verschiedene Figuren,
König, Bauer, Advokaten, Priester, Officiere u. s. w. ent-
halten, welche jeder eine Liebeserklnrung im Munde führen;
man läßt die Damen die Loosc ziehen und liest die ihnon
znfallende Erklärung vor. Die Fächer aus der Revolutions-
zeit sind fast ohne Ausnahme mit rothen Randfransen ver-
sehen. Die Restaurationszeit bringt mit Vorliebe mytholo-
gische und biblische Gegenstände. Von dem Juwelenschmuck
einzelner Fächsr kann man sich kaum eine Vorstellung machen.
Hoffentlich wird dieses Museum bald ein dauerndss Unter-
kommen finden.

(Köln. Zeitg.)
loading ...