Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Sammlungen und Ausstellungen.

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es Jngenieurs Humann und zeitweise auch dss Direktors
Conze, welcher noch gegenwärtig an Ort und Stelle ver-
weilt, fortgeführt worden und werden demnächst ihren Ab-
schluh erreichen. Durch das Entgegenkommen der Hohen
Pforte ist es möglich geworden, den Besitz sämmtlicher Fund-
stücke den K. Museen zu sichern. Der größte Theil der
Skulpturen ist bereits in Berlin angelangt. Ampelius nennt
in seinem vermuthlich in der zweitsn Hälfte des 2. Jahr-
hunderts n. Chr. geschriebenen I-idsr rnEinoriuIis iVHI,
14) unter den Weltwundern einen zu Pergamon befindlichen
großen Altar von Marmor von 4ü Fiiß Höhe mit sehr
großen Skulpturen, mit einer Darstellung des Giganten-
kampfes. Augenscheinlich desselben Altars gedenkt der etwa
um dieselbe Zeit schreibende Pausanias i.V, 13, 8.; vgl.
Brunn, Bull. dell' Jnst. 1872, S. 26 sf.). Die Vermuthung
licgt nahe, daß der Bau von Attalus I. (241 —197 v. Chr.)
errichtet sei und im Zusammenhang stehe mit seinen über
die Galater erfochtenen Siegen. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß die Hauptmasse der gefundenen Skulpturen
von diesem Altar, und zwar von einem großen Fries her-
rührt, der den Kampf der Götter gegen die Giganten dar-
stellt. Wie der ganze Altarbau gestaltet war, insbesontere
welche Stelle der Fries an demselben einnahm, ist roch
Gegenstand der Nntersuchung. Der Fries selbst bestand rus
Platten ven 2,36 nr. Höhe und einer zwischen 0,61 ru. and
1,16 in. schwankenden Breite, aus cinem nicht ganz gl-ich-
mäßig gefärbten, bald mehr in's Bläuliche, bald mehr n's
Gelbliche spielenden großkörnigen Marmor. Die Figu-en,
im kühnsten Hochrelief ausgearbeitet, oft ganz vom Grrnde
gelöst, süllen denselben in der ganzen Höhe aus, haben ilso
etwa anderthalb Lebensgröße Die Komposition zeigt die
Götter im wildesten, leidenschaftlichsten Kampf gegen di< in
Phantastischer Mannigfaltigkeit dargestellten Giganten, die
Sum großen Theil schlangenfüßig, vielfach geflügelt, -um
Theil auch in rein menschlicher Gestalt als gerüstete Kriyer
erscheinen, und in barbarischer, roher Kampfeswuth ge>en
die Götter anstürmen. Zwei augenscheinlich als Pendaits
komponirte Hauptgruppen von je vier Platten zeigen Zeis,
der mit der Linken die Aegis schwingt, mit der Rechten sene
Donnerkeile geschleudert hat, und Äthene, einen Gigantm,
den ihre Schlange umringelt, bei den Haaren fassend, wih-
rend Nike heranschwebt, sie als Siegerin zu kränzen ind
Ge aus dem Boden sich erhebt, um klagend für ihre Söbie
?u slehen. Auf einer anderen Reihe vön Platten ist Helos
dargestellt, der mit seinem Viergespgnn aus der Tiefe heraif-
koiiimt; anf anderen Platten ist Apollo, Artemis, Dionyps
van einem Satiirknabcn begleitet, Hephaistos, Boreas, vrl-
«eicht auch Poseidon kenntlich. An einem über dem Fries hn-
kaufenden Gebälk scheinen die Namcn der Götter. unterhilb
des Frieses die Namen der Giganten eingegraben geween
sein. Während die Komposition augenscheinlich r»n
oinem Meister herrührt und überall die gleiche Frische, dn
üleichen Reichthum der Erfindung zeigt, ist die Ausführmg
keine völlig gleichmäßige und verräth verschiedene Häioe
von verschiedener Sorgfalt und Geschicklichkeit. Durh-
Üängig atzer tritt cine unvergleichliche Meisterschaft und Küki-
deit der Marmorarbeit zu Tage. Wenngleich sich die Skup-
kstren als verwandt mit den Werken erweisen, welche inn
bisher als Erzeugnisss der pergamenischen Kunst kannie, lit
dem sterbenden Äallier vom Capitol und der Gruppe rs
Galliers, der sein Weib getödtet hat und sich selbst erstist,
>n Villa Ludovisi, so zeigen sie diese Kunst doch von gnz
Ueuen Seiten und erösfnen einen völlig überraichenden Cn-
dlick in eine Richlung der antiken Skulptur, welche dem w-
dernen Bewußtsein besonders nahe liegt und uns biser
uoch wenig bekannt war. Die ausfallende Verwandtscdft
einiger Motive mit der Laokoongruppe wirft neues Lht
"uf die noch nicht sicher beantwortete Frage nach der Et-
stehungszeit dieses Werkes. Die Zahl der theils in er
äunzen Höhe, theils in großen Bruchstücken gefundern
stlatten ist mehr als neunziq i dazu kommen an >56u kleirre
u»d kleinste Fragmente. Die Erhaltung der Oberslächeist
l^hr verschieden; einzelne Stücke sind so gut wie unberütt,
uud namentlich für die Plattcn, welche in mittelalterlhe
Befestigungsmauerii verbaut gewesen sind, stcht zu hofsn,
uuil sie nach Eiitfernung deS auf ihiien haftenden Mürtls
u«s besonders gut conscrvirt erscheinen werden. Vstlesist
durch Verwitterung, manches viellcicht auch durch Feuer f)r

' zerstört; daß ein erheblicher Theil des Frieses ganz zu Grunde
gegangen, vermuthlich zu Kalk verbrannt worden ist, steht
außer Zweifel. Neben der Gigantomachie sind zahlreiche
Bruchstücke eines zweiten Frieses von kleineren Dimensionen
(1,57 rn. hoch) und gerinqerer Relieferhebung gefunden,
dessen Gegenstand noch nicht feststeht; ein Theil scheint sich
auf den Mythus des Telephos zu beziehen. Auch eine Reihe
von Statuen ist zu Tage gekommen, von denen wenigstens
einige auch zu dem Altarbau gehört zu haben scheinen. Von
Skulpturen einer älteren Epoche ist nur Vereinzeltes ge-
wonnen, darunter ein weiblicher Jdealkopf von ganz ausge-
zeichneter Schönheit."

Lammlungen und Ausstcllungen.

3. 8. Das fünfzigjährigc Zubiläiiin dcr bclgischcn Un-
abhängigkcit. Auf dem Programme der glänzenden Fest-
lichkeiten zur Jubiläumsfeier Belgiens, welche für den Spä-
soinmer 1886 in Brüssel vorbereitet werden. steht die Kunst
mit Recht in erster Linie. Eine großartige historische
Ausstellung soll eine volle Uebersicht der belgischen Kunst
innerhalb des Zeitraumes von 1836 bis 1886 geben unv
die hervorragendsten, während desselben geschaffenen Werks
der belgischen oder in Belgien lebenden Künstler aus öffent-
lichen und Privatgalerien vereinen. Schon jetzt rührt und
rcgt es sich aller Orten in unserem Nachbarlande, dsnn die
Ausstellung wird den Reigen dsr Festlichkeiten bcreits am
1. August eröffnen. Eine Spezial-Kommission, zu welcher
sich ein aus den tüchtigsten Kennern gebildetes Patronats-
Komitö gesellt, hat die Aufgabe, in jever Provinz die im
Staats- und im Privatbesitze befindlichen zu diesem Zwecke
geeigneten Werke der Malerei und der Plastik, der Stecher-
kunst und der Architektur aufzusuchen Die Jury wird aus
neun Delegirten der General-Kommission, dem Präsidenten,
i den Vice-Präsidenten und dem Regierungs-Koiiimissarius
bestehen, denen sich die Vertreter der belgischen Künstler-
schaft, je zwei für Brüssel und Antwerpen, je einer für
Gent und Lüttich, anreihen. Die General-Kommission wird
dem Patronats-Komitä ein Verzeichniß der ohne Prüfung
zulässigen Kunstwerke überreichen und behält sich dansben
daS Recht vor, den Sendungen jedes Einzelnen, des be-
schränkten Raumes weqen, Grenzen zu ziehen. Arbeiten
jeder Art, die schon auf den internationaleu Ausstsllunge»
zu London, Wien und Paris figurirten, besitzen in diessr
Hinsicht einen Freipaß. Bis zum 15. Juni müssen alle
Kunstwerke in Brüssel eingctroffen sein, und schon am 30.Juni
gedenkt die Jury ihre Riesenarbeit zum Abschlusse gebracht
zu haben; der 31. Juli ist als letzter Termin für die Vollendung
der Aufstellunq, der 1. Auqust für die Eröffnung des Ganzen
und der 31. Oktober für den Schluß anberaumt Auch sür
den Katalog hegt man große Pläne. Er soll, der doppelten
Nationalität des Landes entsprechend, in französischer und in
vlämischer Sprache ausgegeben werden und in cinein Anhange
I eine genaue Uebersicht der seit 1830 an öffentlichen Gebäuden
ausgesührten Werke der Malerei und Plastik geben, deren
Beschaffenheit den Transport unmöglich machte. Dcr ganze
Reichthum der belgischen Kunst, deren Aufblühen mit der
politischen Unabhängigkeit zusammenfällt, soll an den vor-
aussichtlich nach Tausenden zählenden Gästen von Fern und
Nah in wohlgeordneter historischer Folge vorübergeführt
werden und den Landsleuten der Anreger dieses stolzen
Planes eine Uebersicht der Leistunqen ihrer Väter und Zeit-
genossen bieten Um die tonangebenden Meister werden sich
die Schüler gruppiren, und die verschiedenen Richtungen und
Bestrebungen sollen klar ncben einander zur Geltung kommen.
Jm Gegensatze zu den Salons von Brüssel und Antwerpen,
Lüttich und Gent, welchc mehr oder weniger Einzelinteressen
dienen und zu Lokalailsstellungen herabsanken, wird diese,
hoch über ihnen slehende Genossin die Häupter aller Aka-
demien Belgicns und alle Zweige der Kuiist vereinen. Da
die dreijährige Ausstellung von Gent mit der Jubelfeier
zusammeiifällt, wird Brüssel nur js eine scit 1877 geschaffene
Arbeit der modernen Mcister darbieten, aber die persünliche
Eitelkeit wird dafür sorgcn, daß es die beste Leistung sei.
Jm Uebrigen sind, in Ennangelung der Originale, auch
Kopien und Skizzen von der Hand des betreffenden Künst-
lers selber zulässig. Wenn die AuSführung, wie es nicht
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