Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Nekrologe.

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aus alle mögliche Weise zu fördern suchte, um viel-
leicht dereinst eine ähnliche Freude zu erleben, wie der
alte Gotskalk Thorwaldsen. Nach seiuer Konsirmation
1828 trat der Sohn bei dem Vater in die Lehre, ar-
beitete holzgeschnitzte Ornamente fiir Bilder- und
Spiegelrahmeu und hatte bald nachher die Freude,
daß des Vaters Werkstatt bedeutende Aufträge von
Holzschnitzereien für den Dom in Verden erhielt, wo-
bei sich natürlich auch der Sohn eisrig betheiligte.
Schvn damals brachte ihn das Nachzeichnen nnd Nach-
bilden antiker Figurenfriese aus den Gedanken, den
stattlichen Zug geschmückter Ochsen, wie er noch bis
hvr einigen Jahren zum Besten eincr milden Anstalt
>n Brcmcn alljährlich stattfand, als Fries zu kom-
poniren.

Seinc allmählich erlangte Fertigkeit im Modelliren
ieigte sich zunächst in cinigen Porträtbüstcn, die solchen
Beisall fanden, daß der Senat der Stadt ihn mit
ber Modellirnng einer Büste des Astronomen Olbers be-
smftragte. Sie fand die volle Zusriedenheit Rauch's
>n Bcrlin, der sie nicht nur, mit geringer Veränderung
des Gewandes, in Marmvr ausfnhrte (Stadtbibliothek
w Bremen), svndern den jungen Künstler 1831 auch
ü> sein Atelier aufnahm. Dort arbeitete er mit dem
grvßten Eifer an des Meisters Victorien in der Wal-
halla, bildete sich im Umgang mit studentischen Lands-
leuten wissenschaftlich weiter und verkehrte viel in den
Salons der Frau Bettina v. Arnim, nach deren Jdee
er später (1855) die bekannte sitzende Kolossalfigur
Toethe's mit der Psyche (Museum in Weimar) aus-
stihrte, die aber, abgesehen von dem trefflichen zeus-
llhnlichen Haupte, in Komposition und Körperbildung
^elgtc, daß dergleichen kolossale Gebilde außerhalb
stiues tünstlerischen Talentcs lagen. Dort in Berlin
!chus er sein erstes Marmvrwcrk, cinen Krebsfänger,
ber (uachher wiederholt) aus der Außstellung in Berlin
st gcfiel, daß er vom Fürsten Demidoff erworben
>vurde und einen größeren Anftrag für das damals
ueuerbaute Schloß iu Braunschweig zur Folge hattc.
Aahin zvg cr im Frühjahr 1835, fand aber bei den
stw den Bau beschäftigten Kunstgenossen eine so wenig
lreuudliche Aufuahme, daß, als das Gerüst, auf deni
rr cin grvßes Modell aufgcstellt hatte, kurz vor der
Vvu der Bauverwaltung vorzunehmenden Besichtigung
bes Modells zusammenbrach, und letztereS zertrümmert
lvurdc, er diesen „Zusall" dem Neide zuschricb, scinen
Kontrakt löste und Braunschweig verticß, nm, unter-
lüitzt durch einige wohlhabendc Bremer Kunslsreunde,
"ach Rvm zu gehcn. Nachdcm er aus dcr Reise dort-
)ln in Erlangen die Bekanntschast des Dichters Rückert
^v'acht nnd dessen nachher in Marmor ausgeführte
Bülte in sehr gelungener Weise modellirt hatte, langte
llv ani itz. September 1835 in Rom an. Hier schuf
^ stch sofort ein eigenes Atelier, trat in Verkehr mit
.^hvrwatdsen, an den er empsohlen worden war, und
'lldete als erste Frucht seiner römischen Studien, das
^lzende Mädchen, das sich eine Muschel an's Ohr
ia sistü liber das Kochen dcrselben höchst erstaunt
'l (Privatbesitz in Bremen). Ilnd damit hatte er
iüradv das Gebiet bctrctcn, anf dem er zu großer
. lnsterschaft gelangte und glänzendc Erfolge erzielte:
^ Ü)rische Genre der Skulptur, das zarte, elegische
vd rührcnde; wenn er sich dagegen später in monu-
lvntalen Porträtstatuen vder andcren, großartigen

Schöpsungen versuchte, so stellte es sich jedes Mal
klar heraus, daß seine künstlerische Natur und sein
Formensinn dafllr nicht geschaffen waren. Nachdem auf
das Muschelmädchen ein Grabdenkmal und das hübsche
Relief einer den Amor säugenden Löwin gefolgt war,
heirathete Steinhäuser im Jahre 1841 die talentvolle,
später auch als Malerin bekannte Tochter eines mecklen-
bnrgischen Geistlichen, Paulinc Franke, die sich damals
mit ihrer Schwester, der nachmaligcn Gattin des Ar-
chäologen Wilh. Henzen, in Rom aufhielt, und schuf,
gehoben durch sein häusliches Glück, neben mehreren
Arbeiten sür die Königin Victoria (Krebsfänger und
Fischerknabe), den Hirtenknaben David von besonders
trefflicher Behandlung des Nackten (Kunsthalle in'
Bremen), und die im Schlosse zu Schwerin besindliche
herrliche Gruppe „Hero und Leander", die er nachher
für den König von Preußen und für Philadelphia
ebenso wiederholen mußte, wie jenen Krcbsfängcr und
Fischerknaben. Obgleich auch diese und andere Arbeiten
(Porträtbüsten des Großherzogs und der Großherzogin
von Oldenburg) auf die Höhe seiner Kunst gelangt,
sühlte er sich innerlich dennoch unzufrieden, weil er
sich niit religiösen Zweifeln und Skrupeln guälte, die
am Ende dahin führten, daß, als seine Gattin durch
zwei konvertirte Mecklenburger zum Uebertritt zur
katholischcn Konsession veranlaßt wurde uud in Folge
desien, wie es hieß, von eincr schweren Krankheit genas,
auch er nebst seiner genannten Schwägerin in den
Schooß der alleinseligmachenden Kirche zuriickkehrte:
eiu Schritt, der ihn zwar vou scinem Trübsinn und
seinen Zweifeln erlöste, ihm aber Vvn manchen seiner
Kunstgcnossen und Verehrern verdacht wurdc und
später eine gewisie Verbitterung und Unzufriedenheit
mit seiner Umgebung und mit dcn Richtnngen seiner
Zeit und seiner Kunst zur Folge hatte.

Nach der ersten Frucht dieser Konversion, einigen
Madonnen für den Erzbischof von Freiburg, von
Breslau u. a., und einigen Grabdenkmalcn mit christ-
lichen Motiven, kchrte er wiedcr zur idealen Poesie
zurück und bildete die hcrrliche Gruppe der Genoveva,
die Caritas, das Blumenmädchen (alle drei im Privat-
besitz zu Bremen) und das besonders tief empfundene
Burd'sche Grabdenkmal sür eine Kirche in Philadel-
phia, drei Mädchengestalten von lieblicher Schönheit,
in denen durch den Auferstehungsengel der trostreiche
Glaube an ein jenseitiges Wicdersehen in klarster Wcisc
zum Ausdruck komnit. Jn diese und in die zunächst
solgenden Jahre fallen nvch mehrere höchst vollcndete
Werke, darunter namentlich in der Kunsthalle zu
Bremen die reizende gesessclte Psyche, die Pandora,
der (ungünstig ausgestelltc) Violiuspieler, der, von voll-
endeteni Ebenmaaß der Glieder und sprechendem Aus-
druck des Entzückens über die dem Jnstrnment ent-
lockten Töne, solche Bewundernng erregte, daß er so-
gar fünfmal wiederholt werden mußte; ebenso die
Deborah und die in nianchen Theilen weniger ge-
lungene Mignon. Dazu kvmmen die dvrt öffentlich
aufgestellten größeren Marmorwerke: die Statue des
Astrvuomen Olbers (1849), die Vase mit dem vben
erwähnten Ochsenzuge (1856), das nach der un-
glücklichen sitzendcn Statue Hahnemaun's in Leipzig
wohl am wcnigsten gelungene Standbild des um
Bremen hochverdienten Bürgermeisters Smidt (1860),
die 1862 leider ebenfalls sehr ungünstig ausgestellte
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