Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstliteratur.

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Diese hätten natürlich den schwarzen Ton des Alters
beibehalten müssen. Hätte er nun die Säulen mit
Blei Poliren laffen, so würde er ja einen großen
Fehler begangen haben, denn das Neue hätte doch
keineswegs mit dem Alten harmoniren können." Jedes
Kind begreift, wie haltlos diese Vertheidigung ist, die
fast einer Anklage gleichkommt. Die Säulen waren,
bevor sie unnöthiger Weise abgemeißelt wurden, Polirt
und in voller Harmonie mit den anderen, gleich ihnen
alten Theilen der Fa^ade. Den verehrten Lesern möge
dieses Bcispiel von der Geistesschwäche des Comm. Me-
duna genügen; sie können sehen, wie sehr Zorzi
mit seinem Verlangen Recht hatte, daß eine künstlerische
Kommission sür die Ueberwachung eingesetzt ° werde.
Ein Abmeißeln der schönen werthvollcn Säulen, welche
jetzt so kreidig und schäbig aussehen und ihr herrliches
seltenes Material kaum ahnen lassen, würde nun und
nimmer erlaubt worden sein. Am Fondaco dei Tnrchi
z. B. hat man, wahrscheinlich durch die Angelegen-
heit von S. Marco zur Besinnung gebracht, die Säulen
noch nachträglich polirt und natürlicherweise ein über-
raschend schönes Resultat erhalten. Warum thut man
also nicht das Gleiche bei S. Marco?

Das Traurige isi eben anch hier das Koterie-
wesen. Jn der Kommission, welche seiner Zeit die
Restauration als gelungen erklärte und den Nnter-
nehmern derselben zu Dekorationen verhalf, war kaum
Einer, welcher sie wirklich für gelungen hiclt; doch kanm
Ivar man beschlußfähig versammelt, so wurde ein gegen-
theiliges lobendes Votum abgegeben. Schiller hat ganz
recht, wenn er sagt:

Jeder, siehst dn ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig,
Sind sie in oorxors gleich nnrd ein.daraus.

A Wolf.

(Schluß folgt.i
Aunstliteratur.

Iks ^.wsriosu H.rt Lsvisrv. jonrnnl äsvotsll
to tlle prs.Ltios, tkisor^, kistor^ snä srollsso-
loA)'' ok srt. Boston, New-Nork und Chicago:
Estes L Lauriat. Erster Jahrgang. Nr. 1 u. 2. 4°.

Von dem von nns bereits angekündigten neuen
Kunstblatte, welches jenseits des Oceans sich der-
selben Ausgabe, die uns obliegt, widmet, liegen die
beiden ersten Nummern vor uns. Sie lassen vor
allen Dingen erkennen, daß die Redaktion in eine ge-
schickte Hand gekommen ist und von einem Manne ge-
leitet wird, der mit dem vollen Verständniß für die
Sache die Umsicht und Erfahrung verbindet, vhne
welche Unternehmungen dieser Art nicht leicht über die
Schwierigkeiten des Beginns hinauskommen. Die
Berleger, Estes L Lauriat in Boston, haben, indem

sie unserem langjährigen Korrespondenten S. R. Köhler
ihr Vertranen schenkten, einen um so glücklicheren Griff
gethan, als der Genannte mit dem warmen Jnteresse
für heimische Kunstbestrebungen einen klaren Blick und
ein unabhängiges Urtheil verbindet, die Frucht und
das Ergebniß einer langen Bekanntschaft mit den Er-
scheinungen und Wandlungen des europäischen Kunst-
lebens. Da nns das große Zukunftsland jenseits des
Oceans von Jahr zu Jahr interessanter wird, seit-
dem seine Produktion und Konsumtion zu einem ebenso
wichtigen wie bedenklichen Faktor des wirthschaftlichen
! Lebens der europäischen Völkerfamilie geworden ist, so
I wird unsere Aufmerksamkeit sich auch den idealen Be-
strebnngen, namentlich der schöpferischen Thätigkeit der
Anglo-Amerikaner immer mehr mit prüfendem Blicke
zuwenden, um den merkivürdigen Entwickelungsproceß
im Einzelncn zu verfolgen, in welchem sich das Knnst-
vermögen der neuen Welt unter dem einstlveilen noch
I vorwiegenden Einsluß europäischer Schulung befindet.
Die volle Emancipation von französischen und dentschen
Voraussetzungen wird freilich wohl noch eine geranmc
Zeit auf sich warten lassen; aber Künstler und Kunst-
werke sind schvn lange in's Wandern gerathen, um
sich an den großen Verkehrscentren der Vereinigten
Staaten zu sammeln; der Zug dazu wird immer mäch-
tiger Iverden, bis sich schließlich ausreichende Mittcl
und Kräfte finden, um europäische Schulung überflüssig
zu machen. Die ^.rt Lsvisv beschränkt sich indcß
keineswegs auf die Beobachtung des heimischen Kunst-
lebens nnd die Berichterstattung über die immerhin
schon achtungswerthe nationate Knnstliteratur, sie hat
dasselbe weite Ziel im Ange, wie nnsere Zeitschrift, nnd
ist von jenem wissenschafttichcn Geiste bescelt, der keine
politischen Grenzen kennt, wo es sich nm Fvrderung
der menschlichen Erkenntniß handelt. So enthalten
die beidcn ersten Nummcrn u. A. Beiträge von Charkes
Perkins über griechische Knnst, ein andcrer Artikel be-
schäftigt sich mit Antoine Louis Barye, anknüpfend an
die Bronzewerke desselben in der Corcoran-Galerie
in Washingtvn, ein dritter endlich mit der „Zukunft
der Kunst". Ueber den Jichalt dcr einzelnen Nnininern
machen wir in unserer Ueberschau über die Zeitschriften
nähere Angaben, weshalb wir uns weitere Mitthei-
lungen darüber hier an dieser Stelle ersparen können.

Was die äußere Ausstattnng anbclangt, sv ist, dei»
englischen Geschmack entsprechend, ein Quartforinat
für den Druck gewählt, bei welchcm sich die Kupser
allerdings stattlicher ausnehmcn, die Länge der Zeilcn
aber, da Spaltensatz nicht beliebt wurde, einen nnver-
mcidlichen Uebelstand bildct. Außer je drei Nadi-
rungen enthält jedes Hest eine Anzahl Holzschnitte, dic
zum Theil nvch etwas nnbehilftich anssehen, während
wir svnst doch schon daran gewöhnt sind, vvn Ncw-
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