Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Nekrologe.

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musterhaft gezeichnet; die buchhändlerische Ausstattung
läßt nichts zu wünschen übrig, sie kann sich dem Besten
dicser Art getrost an die Seite stellen.

Von dem Jnhalte der ersten Lieferung heben wir
den bronzenen Dreifuß aus Pompeji, antike Vasen aus
den Sammlungen in Karlsruhe und München, einen
Steingutkrug in deutscher Renaissance, eine vergoldete
silberne Taufkanne aus Dresden, Ätürnberger Arbeit
vom Jahr 1540, sowie eine goldene Kanne von Hans
Holbein hervor. Jm Uebrigen sind in dieser und den
im Druck befindlichen Lieferungen herrliche Gefäße und
Geräthe, prachtvolle Marmorkandelaber, Sarkophage,
Holz- und Schmiedeeisenarbeiten dargestellt.

Das dankenswerthe Unternehmen ist umso freu-
diger zu begrüßen, als dadurch zur Ausrottuug der
vielen schlechten Zeichcnvorlagen aller Art beigetragen
wird, mit deren pedantischem Kopiren dic Schüler ge-
guält werden. Kachel's Vorbilder eignen sich überhanpt
zum Unterricht für die reifere Jugend, uicht blos sür
Schüler der Kunstgewerbeschulen, sondern für Alle, welche
Formensinn und Darstellungsgabe ausbildeu woilcn.
Sie seien allen Lernbegierigen bestens empfohlen!

II. 0.

X. Das Textbuch zu Seemann's kunsthistorischcu Bilder-
boqcn hat durch die kürzlich ausgegebene -l. Lieferung seineu
Abschluß erhalten. Es bilvet eiuen stnttlicheu Octavband
von 24 inhaltreichsn Bogen. Die Prägnanz, nüt welcher
der ungenannte Verfasser das Wichtigste und Wesentlichste
der Kunstgeschichte zu einein anschaulicheu Bilde zusaimnen-
saßt, verräth auf jeder Seite den gründlichen Sachkenner,
der seines Stoffes vollkoniinen Herr ist. Trotz der knappen
Fassung, die nur auf den Höhepunkten der Kunstentwickeluug
einsr breiteren Darstellungsweise Raum giebt, ivird der Leser
auf inancherlei feine Bemerkungen und scharfsinnige ltr-
theile stoßen, die unseres Wissens hier zum ersten Male
ausaesprochen wurden. Das angefügte Orts- und Künstler-
register trägt wssentlich dazu bei, den praktischen Gebrauch
der Bilderbogen zu erleichtern. — Einer Ankündigung der
Verlagshandlung zufolge hat der Verfasser des Textbuches
iu Willen, auch die ferneren, der Kunst des 19. Jahrhunderts
gewidmeten Bilderbogen mit einem Texte zu begleiten, der
voraussichtlich nicht minder gehaltvoll und interessant sein
wird.

Bon Woltmann's Geschichte dcr Aialcrci wird dem-
nächst noch eine Lieferung (die siebente) ausgegeben, welche
die Darstellung bis zum Ausgange des 1ö. Jahrhunderts
führt. Der schwierigste Theil der großen Aufgabe, die sich
der allzufrüh heimgegangene Versasser gestellt, ist somit über-
ivunden, und es dürfte den Beniühmungen des Verlegers
wohl nicht allzu schwer fallen, die zur Vollendung des Ganzen
geeigneten Kräfte ausfindig und bereitwillig zu machen. Ein
Torso wird hoffentlich das mit so großem Aufwand an Fleiß
und Kosten in's Leben gerufene bedeutungsvolle Werk nicht
bleiben; möge die Unterbrechung, die es erfährt, nicht allzu
lange dauern!

Nekrologe.

Alsrrd Woltmium fi. Als am 6. Februar AbenvS
ll^ Uhr der ungebrochene, großer Pläne und Ge-
danken volle Geist Alfred Woltmann's wioerwillig vie
Hülle seines hinfälligen Körpers verließ, erlitt die Kunst-
wissenschaft wohl den härtesten Verlust, ber sie in dem
Augenblicke hälte treffen können. Denn nicht eine reife

Garbe hat der Tod dahin gemäht, sondern einen jugend-
kräftigen, erst seine herrlichsten Früchte für die Zukünft
verheißenden Baum vor der Zeit gefällt.

Woltmann ward am 18. Mai 1841 zu Charlotten-
burg geboren, ein Enkel des bekannten Historikers Johann
Gottfried Woltmann. Nachdem er bis Ostern 1860 das
französische Gymnasium in Berlin besucht, wandte er sich,
dem Namen nach zum Studium der Rechtswissenschaft,
der dortigen, später der Münchener Universität zu; doch
kam er hier sehr bald zur vollen Klarheit über seinen
inneren Beruf, indem er zugleich das Thema seiner ersten
großen Lebensaufgabe — Kunst nnd Leben Hans Hol-
bein's — fand. Schon seine Dissertation, auf Grund
deren er 1863 zu Breslau Len Doktortitel erwarb, be-
schäftigte sich mit der streitigen Frage nach dem Geburts-
jahre des Meisters. Als dann bereits 1866 der erste
Band seines Buches „Holbein und seine Zeit" erschienen
war, habilitirte er sich 1867 an der Berliner Univer-
silät, wo er mit Erfolg docirte, bis — bald nach vcr
Vollendnng jencs Werkes — ein Ruf an ihn erging,
den neu begründeten künstgcschichtlichen Lehrstuhl ain
Polytechniküm Karlsruhe einzunchnicn (Michaelis 1868).
Hier mit der Orduung dcr klcincn, aber werthvollen Ge-
mäldesammlung und der genaueren Erforschung der Kunst
des benachbarten Elsaß beschäftigt, fand er nvch Muße,
ältere Studien abzuschließen oder wieder allfzunehweiü
seine „Baugeschichte Berlin's bis auf die Gegenwart"
erschien 1872, und schon im Laufe Les folgenden Jahres
die zweite vvllständig uiugearbeitete Auflage seincs Hol-
beinwerkes. Nachdem bereits lange Zeit einzelne Aust
sätze über elsässische Kunst von ihm publicirt waren,
fanden die betreffenden Studicn durch das Werk „Dic
deutsche Kunst im Elsaß" 1876 ihren Abschluß. AlS
im Jahre 1873 mchrere österreichische Universitäten,
unter ihnen auch Prag, mit neuen Lehrstühlen für Kunst-
geschichte ausgestattet werden sollten, wurde Woltmann
nach Prag berufen, doch lehnte er zuuächst ab, folglc
aber schon 1874 einer ernenlen Bcrufung dorthin. Ein
begeisterter Parteigängcr der dortigen Dcutschen gcgcn-
über den Czcchen, wurde cr durch seincu Vortrag über
„bie deulsche Kunst in Prag" bie Vcranlassuug zu be-
bcnklichen Auftrittcn, dic sich wunderbarer Wcise niäst
wicderholten, als er kurz darauf die angekündigtcn Ent-
hüllungen über die czcchischen Fälschnngen zum Zweck
der Beschaffung einer „nationalen" Kunst veröfscntlichtc-
Er war denselben auf die Spur gekommen bei Gc-
legenhcit der durch fast alle bcdentcnderen Mnsccn niid
Bibliotheken Europa's unternommenen Forschungen übcr
Miniaturmalerei, die er znm Zwccke einer „Geschichte der
Malerei" in Anlehuung an die ihm testamentarisch ver-
machtenAufzeichnungenWaagen's jahrelang fortgesetzt hal,
nub deren Ergebnisse die fertig gewordencn Theile diefi'S
Werkes zusammenfassen. Zu Michaelis 1878 gelauglc
er endlich in Lie tünstgeschichtlichc Professur der Nuiver-
sität Straßburg, die seit Springer's Weggange crsichtlich
nur für ihn offen gestanden hatte. Leider kam er bc-
reits mit dem Keime des Todes dahiu. Ein verschlcpptcc
Katarrh wuchs durch die unausgcsetzten Anstrengungc»,
die Woltmann sich zumulhete, und die unter dcn gcgebcncN
Umständcn gänzlich ungecigneteLcbcnsweise, der er sich da-
bei unterziehen mußte, zu solcher 5kraft an, daß im Mn>
1879 plötzlich einc heftige Bronchitis undPlcuritis bci ilstN
zum Ausbruch kam, von deren Folgen er sich nicht zu
erholen vermochte. Trotz ciner Soinmerknr in Badenweilet
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