Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Äorresponden?.

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bringungen an der vierten Allgemeinen deutschen Knnst-
ansstcllung zu betheiligen.

Mil der Gewerbe-Ausstellung wird weiterhin eine
sehr interessante und nach den verschiedensten Seiten hin
lehrreiche Ausstellung knnstgewerblicher Alter-
thümer verbunden sein. Um derselben neben den letzten
Ausstellungen in Münster, Köln, Franksurt a. M. ihren
Erfolg und ihre Eigemnt zn sichern, wurde eine aus-
schließlich aus Fachmännern znsammengesetzte Kommission
gebildet, bestehend ans folgcnden Herren: Prof. aus'm
Weerth inBonn,Vorsitzender, MalerGrotjohamiinDüssel-
dorf, stellv. Vors., Rektor Aldenkirchen inViersen, Schrift-
führer, Maler von Eckenbrecher irr Düsseldorf, Architekt
Hertel in Münster, Maler Krüger in Düsseldorf, Prof.
Nordhosf in Münster, Maler Oeder in Düsseldorf,
Barrinspektor Pflaume in Köln, Baumeister Richter in
Bonn, Domvicar Schnütgen in Köln, Kaplan Schulz
in Aachen und Bürgermeistcr Thewalt irr Köln. Alle
diese Herren haben in wiederholten eingehenden Be-
rathungen den Ausstellnngsplan in folgender Weise fest-
gestelll. Zn einem eigens für die Ausstellrrng kunst-
gewerblicher Alterthümer erbauten großen Pavillon, der
von dem Hauptausstellungsgebäude zrenilich weit ent-
fernt an dem großen Teiche des zoologischen Gartens
gelegcn und gegen Feners- und Diebesgefahr genügend
geschützt ist, wird ein großer achteckiger Hauptrauin von
200 Elm. Flächenraum geschaffen, an dessen Seilen noch
scchs etwa je 45 Oim. große Ausbauten hergestellt
werden, die nrit dem Hauptsaal durch so weite Portiören
verbunden srnd, daß der freie Einblick möglich ist. Der
große Mittelraum dient zur Aufnahme der Vitrinen, in
welchcn die kunstgewerblichen Alterthümcr in shstema-
tischer Reihenfolge zur bequemen und übersichtlichen
Anfstellung gelangen. Denjenigen Besitzern von Alter-
thümern, welche sich mil einer belangreichen Zahl ihrer
Schätze an der Ausstellung betheiligen, sollcn eigenc
Vitrinen zur ausschließlichen Benutzung znr Verfügung
gcstelll werden. Während also Ler Mittelraum die
Entwickelung der kunstgewerblichen Thätigkeit des Mittel-
alters und der Renaissance an den nebeneinander auf-
gestellten Kunstwerken veranschaulicht, sollen die Annex-
räume je ein Kulturbild aus den verschiedenen Stil-
epochen unter ausschließlicher Verwendung von Original-
gcgcnständen dem Beschauer vorsühren und so dem großen
Publikrim zeigcn, in welcher Weisc die Vorfahren die
verschiedenen Möbel und kunstvollen Geräthe im prak-
tischen Leben verwertheten. Um ein Kulturbild aus
der romanischen Periode bieten zu könncn, wurde die
Herstellung eines kirchlichen Raumes beschlossen. Zu
diesenr Zwecke soll eine getreue Nachbildung der jetzt
anf denr Bonner Kirchhof bcfindlichen, irn rheinischen ^
Uebergangsstil erbautcn Kapelle der chemaligen Deutsck-
ordenskvrnmende Ramersdorf ausgeführt und dem Ein- I

gange des Saales gegenüber so angelegt werden, daß
man beim Eintritt über die Vitrinen hinweg das Jnnere
jener Kapelle vor sich hat. Jn dcn drei Chörchen der-
selben sollen außer verschiedenen Altären alle zur Feier
der Messe, zur Spendung der Sakramente und beiin
Reliquienkult gcbrauchten Geräthe den kirchlichen Dienst
jener Periode veranschaulichen. Neben der Kapelle bc-
finden sich dann zu beiden Seiten Erkerzimmcr. Das
eine dcrselben wird als gothischer Trink- resp. Spcise-
saal mit dem charakteristischen Mobiliar und Geräth ans-
staffirt, das andere aber soll einen Herrensaal ans der
Nenaissancezeit mit seiner Einrichtung zeigen. Zrr letztcrer
werden Tische, Klapptische, Schrank und Erkerschrank,
Uhr und Kannen, Porträts, Gobelins n. s. w. aus
Privatbesitz verwendet und als Decke die unglücklich
restaurirte Leistendecke mit Kaisermedaillons aus dem
alten Kölner Nathssaale imitirt werden. Der Barock-
stil (1630— 1715) wird durch cin reiches Prachi-
gemach, das Rococo (1715—1780) durch einen zierlichcn
Damensalon veranschaulicht und auch LerZopf mit scinen
Eigenheiten in einem besonderen Kabinetchen vorgeführt
werden. Diese Kulturbilder wcrden gewiß für das
große Publikum vom größten Jnteresse sein, während
die systemalische Ausstellung der Einzelobjekte ganz be-
sonders dem dentschen Kunsthandwerkcr lehrreich sein
wird. Er soll hier an guten, uachahmcnswerthen Vor-
bildern die charakteristischen Eigenthümlichkeitcn des
Kuiisthandwerks der verschiedenen Stilperioden kenncn
lernen und dadurch sich angeregt fühlen, an der Hand
solcher Vorbilder das eigene Können zu vervollkommueii.
Wir können nur wünscheu, daß von geeigneten Mit-
gliedern der Kommission während der Dauer der Aus-
stellung an Ort und Stelle deinonstrirende Vorträge
über die verschicdcnen Katcgorien dcs Kunsthandwcrkes
zu bestimmten Stunden mit Ausschluß des großen Publi-
küms lediglich für die betreffenden Handwerker mochtcn
abgehalten werden. So könnte die Ausstellung auch für
diejenigcn nutzbar gcmacht werden, die, sich selbst über-
lassen, in den Ausstellungsräumeii nur planlos nnihei-
irrcn, vor lautcr Bäumcn den Wald nicht sehen nnd
verwirrter hcrauskommen, als sie eingetrelen sind.

Ulm, Ende Januar 1880.

Jm verflossencn Jahre wnrdcn die Arbciten ai»
Miinstcr wicder wescntlich gefördert. Die schvn i"
unsereni letzten Berichte (Kiinst-Chronik 187!), N'r. 12)
erwahnte neue Kupferbedachung der beidcn Seitenschifst
Ivurde mit cinem Aufwandc vou 120,000 Mk. vvll-
endet. Der Bau des nvrdlichen Seitenthurms ist sv-
weit vvrgeschritteu, daß man hofft, bis Juli die Schluß-
blume aufsetzen zu kvunen. Es fehlt dann nvch dcr
innerc Ausbau der beiden Thürme und der plastisck^
Schnruck derselbcn. Das srüher in weite Fernc ge-
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