Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Korrespondenz.

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idealistischen Schönheitsdranges ergänzend ein, welches
den alten Meister so vortheilhaft von den rücksichts-
losen Realisten der modernen Schule unterscheidet.
Wir citiren von den zur Ausstellung gekommenen
Bildern nur die „Erwartung", „Großvaters Liebling",
„Harzer Quirlmädchen", „Kirchgang", der „Alte im
Hause", „Vor der Mützenbude", die „Lauscherin" und
die „Bleicherin" als die bekanntesten. Die Oelgemälde
umfassen einen Zeitraum von 35 Jahren. An den
ältesten, deren Entstehungszeit um 45 Jahre von uns
entfernt ist, bewundern wir dieselbe fleißige und ge-
diegene Technik wie an den jüngsten. Nirgends ist
ein Verfall bemerkbar, und nur die zerstörende Geistes-
krankheit hat den Künstler verhindert, seinen Pinsel
mit altem Fleiße bis an sein Ende zu führen.

Zu gleicher Zeit ist eine Sammlung von Werken
des Landschaftsmalers Ernst Fries aus Heidelberg
(1801—1832» ausgestellt: Aquarelle, Bleistift- und
Sepiazeichnungen und auch einige Oelgemälde, welche
in ihrer stilisirenden Auffassung der Natur den Ein-
fluß von Josef Anton Koch verrathen, an den sich
der Maler während eines fünfjährigen Aufenthalts
in Rom angeschlossen hatte. Seine Oeltechnik ist hart
und trocken, und deshalb geben die Studien und
Skizzen in ihrer flotten und frischen Behandlung ein
anziehenderes Bild von dieser Künstlererscheinung als
seine ausgeführten Gemälde.

Ungleich interessanter ist der dritte Theil der
Ausstellung, welcher dem am 21. Oktober 1878 ver-
storbenen Friedrich Nerly, dem begeisterten Schilderer
venezianischer Herrlichkeit, gewidmet ist. Die Charak-
teriftik des Künstlers, welche ein eingehender Nekrolog
in der „Kunstchronik" von 1879, S. 192 ff. ent-
worfen hat, wird durch diese Ausstellung, welche zehn
Oelgemälde, neunzehn Aguarelle und fiebzehn Kar-
tons und Zeichnungen meist in Kohle und Kreide um-
faßt, vollinhaltlich bestätigt. Nerly ist ein vortreff-
licher Architekturzeichner, und als solcher weiß er seinen
venezianischen Ansichten, die bisweilen nicht mehr als
durch Staffage belebte Veduten sind, gleichsam einen
urkundlichen Werth zu verleihen. Seine Oeltechnik
ging nicht auf frappante oder pikante Wirkungen aus.
Das Kolorit mußte sich immer der Zeichnung unter-
ordnen. Daß er gleichwohl sich auch auf kvloristische
Effekte und auf malerische Lichtwirkungen verstand,
beweist ein Bild der Piazzetta bei Mondschein und eine
Ansicht von Sta. Maria della Salute bei Sonnen-
nntergang. Seine Aquarelle sind Ubrigens mit größerer
Leichtigkeit und Flüssigkeit behandelt und auch im Ton
wärmer als seine Oelgemälde. Eine Anzahl derselben
wird um ihrer peinlich genauen Festhaltung der archi-
tektonischen Details willcn noch an Werth und Be-
deutung gewinnen, wenn die Zeit und die Nachlässig-

keit der Bewohner Venedigs noch weiter in ihrem Zer-
störungswerk fortgeschritten sein werden.

Aorrespondenz.

Dresden, im Februar 1880.

o. Jn den letzten Wochen nahm zunächst wiederum
das Resultat einer von der Regierung ausgeschriebcnen
Konkurrenz das Jnteresse unseres kunstliebenden Publi-
kums in Anspruch. Zweck derselben war die Beschaffung
eines malerischen Schmuckes der Aula des hiesigcn
k. Polytechnikums. Das Resultat bestand in vierzehn
eingegangenen Entwürfen, welche im Ausstellungsgebäude
auf Ler Brühl'schen Terrasse eine Zeit lang öffentlich
ausgestellt waren. Bewegten sich die Kompositionen iw
Allgemeinen auch in ziemlich ausgelretenen Geleisen,
ließen dieselben noch cinen intimeren Zusammenklaug
mit der freilich sehr nngünstigen Architektur, wie cine
geistvollere Bezugnahme auf die Bestimmung des Raumes,
rcsp. des Gebäudes, das sie schmücken sollen, zu wünschen
übrig, so befanden sich doch einige iui Uebrigen recht
geschickte Arbeiten darunter, welche die der Ausstellung
entgegengebrachte Aufmerksamkeit rechtfertigten und eine
Ertheilung des ausgesctzten Preises in Aussicht stellen.

Von Werken, welche uns die Ausstellung dcs
Kunstvereins neuerlich bot, ist ein farbiger Karton, eine
Madonna mit dcm Kinde und mit St. Bonifaeius und
St. Augustin, von Ed. Steinle hervorzuhebcn; fcrner
ein kleineres skizzenhaft behandeltes Bild von Ansclni
Feuerbach, das, nach dem kürzlichenHinscheiden des hoch-
strebenden, eigenarligcn Künstlers, Loppelte Beachtung
fand. Dasselbe, groß und schön gedacht, führt den
sterbenden Dante vor, dem Beatrice in der Gestalt der
Madonna erscheint. Genrebilder lieferten Th. Schütz,
Joh. Gehrts und Jac. Leisten in Düsseldorf, wie
W. Hasemann in Weimar, der, wenn auch in etwas
prosaischer Auftassung, doch lebcndig und nicht ohnc
koloristische Verdienste, eine thüringische Kirmes schildert.
Sodann erfreute, in seincr naturwahren Charakteristik,
ein prächtig gemaltes Thierstück, zwei wildernde Huude,
von Otto Gebler in München. Unter den Landschaften
befand sich eine größere treffliche Arbeit von Friedrich
Prelter (Dresden), Sappho auf dem Leukadischen Felsen;
in den Linien des Gestades, in der düstern, unhcinilichen
Aufregung der Wogen und Wolken, wie in der kräf-
tigen, ernsten Farbe gelangtc die durch die Staffagc
angeschlagene poelische Grundstimmung zum vollen
Ausdruck. Außerdem gab P. Mohn eine Reihe von
Aguarellen, welche Motive aus dem Meißencr Hochland
behandelten und sich durch eine sinnige, an die Kunst-
weise Ludwig Richler's ankliugende Auffassung und feinc
Durchführung auszeichneten; ebenso sahen wir noch von
K. F. Lessing in Karlsruhc verschiedcne, für dessen
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