Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstvereine. — Samnilungen und Ausstellungen.

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Aunstvereine.

11. Müiichener Kunstvcrein. Nach dem kürzlich ausge-
gebenen Jahresbericht für 1879 hat die Zahl der Mitglieder
»euerdings zngenoniinen und ist nunmehr auf 5213 ange-
wachsen. An Kunstvereinen sind neu beigetreten die von
Wien, Erlangen und Heilbronn. Dagegen ist das Ableben
t>er Mitglieder Eduard Kurzbaner, Rudolph Schwanthaler,
Bernhard Fries, Johann v. Schraudolph, Georg Fortner,
Fohann Kracker, Knud Baade, Anton Teichlein, Christoph
Friedrich Nilson und Leo Schoeninger zu beklagein seit
Jahren hat der Tod in diesen Kreisen keine so reiche
Ernte gehalten. — Weitergehendes Jnteresse bot die Aus-
stellung historischer Gemälde und Entwürfe bei Gelegenheit
"er im Kunstvereinslokale vom 28. bis 30. August v. I.
tagenden Hauptversammlung des Verbandes für historische
Kunst. Das Vereinsblatt wurde von F. Deininger nach
oein in der k. neuen Pinakothek befindlichen Gemälde Ar-
thur v. Ramberg's „Nach Tisch" trefflich gestochen. Dasselbe
rain auf 15,210"Mk. zu stehen. Zum Zwecke der Verloosung
wurden 155 Kunstwerke im Gesammtwerthe von 68,355 Mk.
erworben, und der Sammlung des Vereins wiirdeL.v.Hagn's
„Ein Duell" einverleibt; dasselbe war um 1500 Mk. an-
Aekauft worden. — Dem Vereine gehören 848 Kiinstler und
5,2 Künstlerinncn an, ferner 33 auswärtige Kunstvereine und
^>ue Kiinstgenossenschast, nämlich jene von Weimar. Die
^esammtzahl der Mitglieder stieg von 275 im Jahre 1824
u»f 5213 im Jahre 1879. Jn diesem Jahre wurden aus-
Üestellt >973 Oelbilder, 810 Handzeichnungen, 19 Kupferstiche
u»d Radirungen, 5 Lithogräphien, 79 plastische Werke, 159
sthotographien und 238 verschiedene andere Werke.

5amnilungen und Ausstellungen.

II. Dic Köuigl. Staatsgalcric iu Stuttgart besitzt viele
^sfliche Bilder, von denen leider noch immer eine genügende
Bervielfältigung sehlt. Es freut uns deshalb, zu hören,
M Professor Bruno Meyer in Karlsruhe beabsichtigt, eine
Aiiswahl derselben in photographischen Nachbildungen er-
Icheinen zu lassen, und von der Württembergischen Regierung
Vsrzu die nöthige Erlaubnis; erhalten hat. Sehr erwünscht
wäre es, wenn bei dieser Gelegenheit auch die Fresken Gegen-
u»ür's im Königl. Schlosse, Scenen aus der Geschichte
Herzogs Eberhard darstellend, vervielfältigt würden, da
sehr mittelmäßigen Lithographien, welche 'der Württem-
?°>'gische Kunstvereiii vor etiva dreißig Jahren herausgab,
?^U heutigen Anforderungen nicht mehr genügcn und auch
au»! noch käuflich zu haben sind. Die prächtigen Kompo-
uuvnen verdienen in weiteren Kreisen bekannt zu werden
>>ud würden sich sür jede Vervielfältigungsart eignen. Die
»'arbenskizzen dazu besinden sich in der Staatsgalerie und
»enso einige der großen Kartons, die in der Plastischen
^uniinlung hängen.

. O. Das 1766 gcmaltc Bild A. F. Ocscr's, das die
.wt' ältesten Kinder des Meisters, Friederike, Hans, Wil-
^ uniilb und Karl, mit Zeichncn bcschäftigt darstellt, ist seit
"8 Januar dieses Jahres durch die spezielle Vcrmitte-
FUP des Vorstandes der k Sammlungcn, des Ministers
' uon Gerber, der Dresdener Galerie einverleibt
llrsprünglich als Receptions-Bild fiir die Dres-
Akademie gemalt, hatte dieses ungemein anmuthige
ven seit längerer Zeit wegen Platzmangels niit

>»i ^>>8su Receptions-Bildern in das Restaurations-Atclier
M ^ulsriegebäude verwiesen werden müssen, wo eS, für
»„^uuud si'chtbar, cine seiner wenig würdige Existenz frislen
»» Wenn sich das Bild, obgleich nicht ganz vollendet,
risiii i » anderen des Künstlers durch eine Frisch charakte-
so I und lebensvolle Auffassung vortheilhaft unterscheidet,
»^u^winnt es durch den Umstand, daß es uns Friederike
i>»,.?,u »u der Zeit, in welcher Goethe sie kennen lernte,
Hkli eine erhöht interessante Bedeutung, welche uns die
s»n?urziehung als eine überaus glückliche Maßnahme be-
eiiie dankbar bcgrüßen läßt. Hoffentlich werden wir bald
hi> ./ueproduktion dieses in literarischer wie in künstlerischer
lmst anziehenden Porträts zu verzeichnen haben.

Uiil--. ' 8-, Die Gcscllschast dcr Aguarcllistcii zu Rom hat
stxjUUgst ihre fünfte Ausstellung veranstaltet, die von dem
u Aufbliihen dieses Kunstzweiges durch eine Reihe vor-

trefflicher, zum Theil brillanter Leistungen Zeugniß ablegt.
Mannigfaltigkeit der Gegenstände und Originalität der Be-
handlung verleihen derselben einen Werth, den manche in
größerem Maßstab angelegte Ausstellungen nur zu sehr ver-
missen lassen und der, da es sich vorzugsweise um Arbeiten rö-
mischer Künstler handelt, für die Würdigung des Kunstlebens
der italienischen Metropole in's Gewicht fällt. Namentlich
das Gebiet der Landschaft und des Genres hat höchst An-
sprechendes aufzuweisen. — Cesare Biseo, vortheilljaft be-
kannt durch seine Jllustrationen zu den Büchern des Ed-
mondo de Amicis über Marokko und Konstantinopel, bietet
ein ägyptisches Wüstenbild, dem man sofort ansieht, daß
der Künstler auf diesem Gebiete vollkommen heimisch ist,
Lodovico Brazza eine trefflich gemalte Buchengruppe,
Onorato Carlandi eine Ansicht des Sibyllentempels zu
Tivoli und eine Waldlandschaft, Salomone Corrodi einen
Ausblick von Sorrent auf's Meer, der sich durch flotte, kräf-
tige Behandlung auszeichnet, während seine Partie vom
Golf von Spezia und Ponte molle eine merkwürdig peinliche,
fast pastellartige Aussührung zeigen. Von Vincenzo La-
bianca, der unter den römifchen Aquarellisten bei der Wahl
seiner Stoffe am meisten der romantischen Richtung huldigt,
ist außer einem Klostergang eine verschneite Ruins, in der
zwei Jäger mit ihren Hnnden Rast halten, rühmend hervor-
zuhebeni Ganz besonderen Genuß gewähren zwei große
Marinen des Spaniers Galofre, die bei höchster Einfach-
heit der Mittel einen eigenartigen Zauber ausüben ; in beiden
nimmt der Himniel, der in der einen Dnrstellung düster
umwölkt, das andere Mal klar und heiter ist, den größtcn Theil
der Bildsläche ein, auf dem Strande befinden sich Fischer-
barken und einige keck und wirkungsvoll gemalte Figuren,
und auf dem schmalen Meeresstreifen sind in der Ferne ver-
einzelte Schiffe sichtbar. Diesen beiden Hauptperlen der
Ausstellung nähert sich durch poefievolle Auffassung Henry
Rivisre's Kölosseum, vom fahlen Scheine des zwischen zer-
rissenem Gewölk sichtbaren Mondes beleuchtet; eine kleine
Ansicht der Phokasfäule mit dem Bogen des Septimius
Severus im Hintergrunde und der Sibyllentempsl von
Tivoli zeigt, daß der Künstler, auch wo es sich um warmes,
gesättigtes Kolorit hnndelt, seiner Aufgabe glänzend gerecht
zu werden weiß; mit seinem Feuerwerk aiif einem Schisfe
ist er dagegen entschieden über die Grenzen der Aquarell-
malerei hinausgegangen. — Wahr empfunden und virtuos
gemalt sind mehrere Venezianer Veduten von Miß Rhoda
Holmes, untsr denen besonders San Giorgio, in Abend-
dämmerung gesehen, und die Riva dei Schiavoni eine Energie
des Vortrages aufweisen, wie sie einer weiblichen Hand
selten zur Verfügung steht. Achille de Dominicis prä-
scntirt sich mit zwei mittelalterlichen Architekturstücken aus
Formello, Coleman besonders gut mit einer herbstlichen
Baumlandschaft und einer Fischerhütte; unter Rösler's
Arbeiten erfreut besonders eine Ansicht des Forum Roma-
num und der Pinienhain von Castel Fusano, von Lexden
Pocock u. a. eine englische Farmerei und ein Motiv von
der Küste von Jersey; bei einer Partie vom Comersee ist
derselbe leider in eine kleinliche Ausführiing und allzu großc
Buntheit des Kolorits verfallen. Als cine ganz vorzüglichc
Leistung muß der Minervatempel llo Lolonnneoo) von Pio
Joris'bezeichnet werden, bei welchem meisterhafte Zeichnung,
tressliches Kolorit und interessante Stasfage zusammenwirken,
um das Bild wohl zu dem werthvollsten der vorhandenen
Architekturstücke zu erheben. — Auf dem Gebiete des Genre's
sind als besonders achtbare Werke zu nennen: ein Wasser-
verkäufer aus Kairo von Cesare Biseo, der auch mit dem
lebensgroßen Brnstbilde ciner Orientalin einen sehr glück-
lichen Wurf gethan hat, ferner eine sitzende Abruzzesin in
Feiertagskostüm von Augusto Corelli, einem jungen
Künstler. der dagegen mit seiner „Ciociarin" und seiner
„Ländlichen Liebe",' der man das mühsam Arrangirte allzu
sehr anmerkt, wenig befriedigt; von Giuseppe Ferrari die
lebensgroße Halbfigur eines ältlichen Arabcrs, der die
sehnigen Hände zuiii Gruße über der Brust verschränkt hat,
eine Arbeit von sorgsamster Detaildllrchführung und fesselnder
Natunvahrheit. Von Carlandi sind ein alter Eremit und
eine Ciociarin als fleißige Studien hervorzuheben, hinter
denen eine blilinentragende junge Nonne erheblich zurücksteht.
Dem afrikanischen Leben sind entnommen eine am Pfeilcr
eines Hauses lehnende Odaliske und ein „Fest des Maho-
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