Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Aus der Dresdener Gemälde-Galerie.

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Albert Zimmermann, am wenigsten vortheilhaft unv
seinen besseren Leistungen entsprechend sich präsentirt.
Aber auch der selbständigste und hervorragendste Land-
Ichafter, welchen München neben Rottmann besessen,
Ed. Schleich, ist durch ein, wenn auch kleines, doch
charakteristisches Bild vertreten; durch größere, trefflich
kolorirte Stimmungslandschaften seine Schüler und Nach-
folger Ad. Lier, R. Schietzold. Dazu kommt eine Ar-
beit von I. G- Steffan, welche sich durch ihr künst-
kerisch durchgebildetes Detail, wie zugleich durch feine
Tonwirkung auszeichnet: ein Alpenthal in herbstlicher
8ärbung, in welches der letzte Blick eines sonnig glän-
Mden Tages überaus weich und warm hereinfällt.

Sodann hat die Sammlung zwei durch den Stich
von Abbema allgemein bekannte Bilder von C. F.
^essing aufzuwcisen, welche für die ehemals so ein-
stußreiche romantische Richlung dcsselben bezeichnend sind:
-,Der Klosterbrand" und „Die Vertheidigung". Letz-
keres, in rein künstlerischer Beziehung ungleich bedeu-
tender, zeigt eine Landschast im Charakier der Teufels-
uiauer bei Blankenburg im Harz, unb eine Stafsage
un Kostüm des dreißigjährigen Krieges, die mit dem öden,
unwirthlichen Charakter der Landschafl lrefflich zusam-
U'Mgeht. Ebcnso hat das geniale Brüderpaar Andreas
und Oswald Achenbach Vertretung gefunden, deren
8ahnen gegenwärtig die Mehrzahl der Düsseldorfer Land-
fchafter folgt. Bon Andreas sieht man ein Stranddorf
b« losbrechendem Sturm und aufsteigendem Monde;
fodann eine Arbeit aus des Künstlers bester Zeit: den
Hafen von Vlissingen. Das Bild ist ohne alle Effekt-
hascherei liebevoll ausgeführt, und nichts stört die har-
Uwnische Totalwirkung. Das Lichtleben in dem Ge-
^ölke, die Spiegelung desselben auf der bewegten
^öassersläche, der Anprall der Wellen, durch deren Spritz-
^^gen verdrießlich die alten, wettergebräunten Baulich-
Eoiten des Hafens hindurchblicken, bas Alles ist mit be-
wunderirswerther Leichtigkeit und Feinheit naturwahr
^iedergegeben. Oswald Achenbach malte das hoch ge-
^gene Slädtchen Rocca di Papa im Albaner Gebirge
seinem weiten Blick über die Campagna, über wel-
^r, aus röthlich von der Sonne angeglühten Wolken-
fchichten, ein Strichregen niedergeht; ein Bild, in dem
^Ut großer Sicherheit die momentane annosphärische
^uscheinung festgehalten ist. Weit anziehender aber
und ganz das Ztalien wiedergebend, wie wir es
^ der Erinnerung tragcn, erweist sich ein zweites Bild
^Künstlers: „Das Fest der heil. Anna in Casamicciola
uuf der Znsel Jschia". Die Prczession komml bci ein-
U'echender Nacht mit Lichtern eine Gasse des Slädtchens
^auf, zwischen dessen Häusern und Gartenmauern das
^oer, im Wiederschein des ruhig leuchtenden Abend-
^winels, tief blaut. Staffage und Landschaft, Luft
dnd Wnstxx sind ^ warm cnipfundener und mcisterlicher

Weise zusammengestimmt. Die Farbe ist von einer
Leuchtkraft, die kaum höher gesteigert werden kann, von
einer Magie, die den Beschauer tief in das Bild hinein-
zieht. Den Achenbach's und ihrer realistischen Richtung
reiht sich nicht unebenbürtig Th. Hagen an mit einer
Partie aus einer alten niederrheinischen Stadt, iu welcher
derselbe, bei breiter, pastoser Behandlung, eine ungemein
kräftige Farbenwirkung erzielt und überhaupt den male-
rischen Reiz seines Motivs zur vollstcn Geltung bringt.
Dunkle Träume und Erinnerungen aus alten Zeiten
scheinen die verwitterten Gebäude zu umzittern, welche
an der zerbröckelten, moosbedeckten Stadtmauer über
einem versumpften Graben sich im Halbschatten still
vom Abendhimmel absetzen. Bei allem Streben nach
Massenwirkung sind doch alle Details, die Töne, mit
denen die Luft im Lauf der Jahre das Mauer-
werk angehaucht hat, die wuchernde Vegetation des alten
Stadtgrabens von intimster Naturwahrheit. , Noch ist
eine gute Marine von Th. Gudin zu nenncn. Das
gewissenhaft behandelte Bild stellt ein Seegefechl zwischen
Franzosen und Holländern aus dem 17. Jahrhundert
dar und gehört der Zeit an, in welcher das schöne
Talent des Künstlers noch nicht, durch die Massenauf-
träge für Versailles verleitet, in oberflächlicher Effekt-
und Schnellmalerei sich verloren hatte. Es war ur-
sprünglich für cinen Cyklus von Bildern gcmalt, welcher,
für den Großfürstcn Konstantin bestimmt, die Entwicke-
lung der europäischen Marine darstellcn sollte. Das
Projekr zerschlug sich, und das Bild gelangte in den
Besitz cines Grafen v. Fersen und endlich in unsere
Galerie.

Die Thierstücke der Sammlung haben durch eine
Arbeit von O. Gebler einen erwähnenswerthen Zu-
wachs erhalten. Dieselbe führt zwci wildernve Hunde
mit ihrer Beute vor. Die Darstellungsmittel unv den
physiognomischen Ausdruck sicher beherrschend, versteht
Gebler die Thierc prächtig als Jndividueu zu charakte-
risiren, was es ihm möglich macht, sie in eine komische,
genrehafte Situation zu versctzen. Letzteres ist auch in
dem angekauftcn Bilde mit gutem Humor und ohne ein
Hinaufschrauben des Thierlcbens über seine Grenzen
geschehen.

Wie für die Landschaft, so ist insbesondere auch
für das Fach der Genremalerei neuerdings eine Reihe
glücklicher Acguisilionen gemacht worden, ein Fach, das
bis dahin nur durch eiue einzige, bemerkenswerthe Arbeit
von C. Lasch vertreten war. Zunächst wurde ein Ge-
mälde von Ed. Kurzbauer erworben: „Die Schwarz-
wälder Spinnstube" oder auch „Die Verläuindung"
benannt, nach der weiblichen Hauplfigur, welchc, unter
lebhafter Theilnahiue^der Umsitzenden, sich entrüstet gegen
die Beschuldigungen eiues Burschcn vertheidigt. Das
Bild vereinigt alle Borzüge des Künstlers und bekundet
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