Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Ausstellung von Gernälden alter Meister in London.

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sammengefaßt hält. Die Rechte ist demonstrativ ab-
wärts ausgestreckt. Blondes Haar fällt auf den breiten
weißen Spitzeulragen, während Hut und Gewänder
schwarz sind. Ein offener Thorbogen bildet den Hinter-
grund. Die Aufsassung ist sehr lebendig, die Mache
etwas dekorativ und in dem etwas stumpfen Tone der
Fleischsarbe bei ziegelrother Färbung der Lippen wenig
ansprechend. Die Jnitialen L. 5. am Pilaster
deuten unseres Bedünkens unverkennbar auf den Ant-
werpener Maler Abraham Janssens (1567—1632),
der hier wirklich mit Erfolg Rubens nachgeeifert hat.
Eine interessante Parallele zu Teniers bietet die in
Komposition und technischer Ausführnng gleich bedeu-
tende Darstellung von der Hand des Rubens. „Der ver-
lorene Sohn" (Nr. 65), aus der Sammlung A. C.
Fountaine, Esq. Wir blicken hier in einen geräumigen
vlämischen Stall, der mit Ackerpferden, Kühen und
Schweinen belebt ist. Rechts kniet der Held der Pa-
rabel vor einer Magd mit einem Futterfaß, ganz wie
Teniers das liebt. Aber uni wie viel genialer ist hier
Rubens! Alles ist frisch aus dem Leben gegriffen, in-
dividuell und dramatisch gegen die liebcnswürdige, abcr
in der Erfindung und in den Typen doch gemein-
plätzige Art des brillanten Kolvristen Teniers. Ed-
ward H. Scott, Esq., gehört ein interessantes Bild
(Nr. 82), nach dem Katalog von Rembrandt, „Rcm-
brandt's Mühle" darstellend, nach dem in der „Timcs"
niedergelegten Protest des Besitzers vielmehr „Die
Nlühle des Vaters von Rembrandt" — als wcnn das
einen sachlichen Unterschied machtc! Jn der That haben
wir hicr eine slache Landschaft mit einer Mühle an
einem Kanal vor uns. Ein Blick auf des Petrus
Bastius Ansicht von Leyden aus der Vogelperspektive
(bei Vosmaer S. 11) kann jeden zur Genüge übcr
die Grundlosigkeit jener Benennnngcn auftlärcn. Leider
ist auch nicht cinmal die Ausführuug anf der Höhe
der Fähigkeiten Rembrandt's, wie besonders die massive,
eintönige Wolkemvand erkennen läßt. — Unter den
Jtalienern der Hochrenaissance im dritteu Saal be-
findet sich kein einziges hervorragendes Gemälde. Eine
lebensgroße Porträtfigur aus der Sammlung des
Oberstlieutenant Rolph Vivian (Nr. 1021, für Michel-
augelo ausgegeben, von Waagen Sebastiau del Piombo
— zugestandenermaßen ganz willkürlich — zugeschrieben,
stellt vielmehr, wie I. C. Robiuson zuerst erkannt hat,
Baccio Bandinelli dar. Schön ist das in Oel auf
Holz gemalte Bild nicht, aber nach Vasari ist ja über-
haupt nicht viel von der Malthütigkeit des prätentiöseu
Bildhauers zu halten. Erwähnnng verdieut hier noch
eine prächtige kleine Madonnenskizze mit Stiftcrfamilic
von Bassano (Nr. 107) aus der Galerie des Herzogß
von Buccleugh nnd Sir F. Leighton's Pvrträt des
venezianisckien StaatSniannes und Geschichtsschreibers

Paolo Paruta, von Tintoretto (Nr. 110). Jn diesem
Saale finden wir noch eine der großartigsten Land-
schaften von Cuyp, welche England aufzuweisen hat;
rechtseine belebteStraße an einemBergabhang, links ein
Fluß nach einem bei ihm häusig wiederkehrenden Kom-
Positionsschema. Der ganze Reiz liegt in der Gluth
des die Luft erfüllenden Sonneulichtcs. Dies großc
Bild (Nr. 117) gehört W. Stratsvrd - Dugdale, Esq-
Jm übrigen dominiren hier lebensgroße Porträts von
Reynolds und Gainsborough, und wir wollen es nicht
leugnen, daß die gegenüberhängenden präsumptiven
Palma's, Tiziau's, Pordenone's und Konsorten von den
Koryphäen der nationalen englischen Kunst in der That
in den Schatten gestellt werden.

Der vierte Saal ist zu einer Holbeingalerie ge-
staltet worden. Von den 63 hier vereinigten Nummern
ist freilich nur etwa ein Dutzend echt. Ein gutes Theil
ist von der Dresdener Ausstellung her in Deutschland
bekannt. Wir begegnen hier auch anders lautenden,
durch Monogramnie garantirten Bczeichnungcn, wie
Cranach, Lucas de Heere u. a. Uuter den cchten Hol-
bein's mvchteu Ivir hier nur auf ein merkwürdiges Ge-
mälde aus Hanipton Court hiuweiseu, das von den
Mvnographen übersehen zu sein scheint. (Nr. 187!
in Hamptvn Court Nr. 383 des angedruckten Jnven-
tars). Jn der Mitte dcs Vordergrundes stehen sich
Christus und Magdalena gegcnüber, jener mit dei»
Gestus euergischer Abweisung die Handflächen vor-
streckend, diese das Salbgefäß im Arm, eiu Weib von
edlen Geberden, Ivie plötzlich einhaltend mit der Bittc,
der Abweisung gehorsam; rechts au einem mit Nadel-
holz bewachscnen Berg die Höhle, in der man zwci
Engel sitzend gcwahrt. Jm Mittclgrund dcr ausge-
dehnten Landschaft crblickt man noch zwci Wandercr
Histvrische Kompositioneii von Holbein in Gemäldcii
sind ja äußerst selten, Euglaud bcsitzt nicht einmal ein
Altarbild von seiner Hand — ein solchcs ist auch in
dem in Rede stehcuden nicht zu erkennen, das wahr-
scheinlich in England entstand. Beiläufig sei bcmerkt,
daß das Bild auf Holz gemalt, 04 Ccnt. hoch nnd
75 Cent. lang ist.

Der letzte Saal enthält eine Anzahl altspanischci'
Gemälde, von I. C. Robinsvn kürzlich in Spanien gc-
sammelt. An Bedentung stehen sic den ähnlichen, ZiU'
letzten Pariser WeltauSstellung im Trocadero ver-
einigten nicht nach. Nur wcnige zeigen cine niiab-
hängige Richtung, andere sind dnrchaus Nachbildunge"
des van Eyck'schen Stilcs. Die ziemlich zahlrcichcn
Werke der altitalienischen, insbesoudere flvrentinischcn
Schulc machen leider auf deu Beschauer keincn crfreu-
lichcn Eindrnck, trotz dem Anshängcschilde klangvollci'
ikkameu. Wir iiennen hier nur dcu aus vier Tafcl-
bildern bestehenden Cyklus, in welchem die achte Nv-
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