Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Der küiistlensche Schmuck der internatwmilen Fischereiausstellung in Berliir

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Wien versucht, wo sie die deutschen Auuexe und Pa-
villons ausführten, ohne sich jedoch den Beifall der
Kritik und der Fachkrcise zu erringen. Seit jener Zeit
sind aber Jahre ernster Arbeit verflossen, welche sür
die gesammte Architektur Berlins nnd die von ihr be-
einflußten Zweige des Knnsthandwerkes von segens-
reicher Wirkung gewesen sind. Jm Vvrigen Äahre hat
speziell Baumeister Heyden, der auch in der Anfertigung
von Entwürsen für Schmucksachen, Kunstgläser u. s. w.
eine reiche schöpferische Phantasic cntfaltet hat, durch
die dekvrative Ausschmückung eines Saales des provi-
sorischen Knnstaiisstellnngsgebändcs Proben eines feinen
künstlerischen Sinnes fiir harmonische Farbenwirkung
nnd stilvollc Pracht abgelegt. Danach ivar also von
ihm und seinem Mitarbeiter Kyllmann eine hervor-
ragende Leistung zu erwarten, und diese Erlvartnng
hat sich in Vvllcm Umfange bestätigt.

Ans dem Vestibül des landwirthschaftlichen Mu-
seums, eines Renaissancebaues von edlen, iniponirenden
Verhältnissen, gelangt man in eincn sehrgeränmigen, von
Sänlcnhallen umzogenen, dnrch zwei Geschosse rcichen-
dcn Lichthof, welcher als festlicher Empfangsranm ge-
dacht ist. Die Mitte desselben nimmt einc Fontäne
ein, deren Spitze die Kolossalfignr des Neptun bildet.
Der von dem Bildhauer Eberlcin in goldbronzirtem
Gyps ausgeführte Meeresgvtt erhebt mit der Nechten
den Dreizack, während er die Linke zum Willkommcn-
gruße ausstreckt. llm das hohe Fußgestell gruppiren
sich an den Langssciten je zwei fischschlvänzige Tri-
tonen, an den Schmalsciten je eine Nereide, welche in
emporgehaltenen Schalen das in die Höhe steigende
Wasser auffangen, nm es langsamer in das weite
Bassin fließen zu lassen, welches das effektvvlle Werk
nmgiebt. Eberlein gehört derjenigen Richtung der
Berliner Skulptnr an, welche in Reinhold Begas ihr
Haupt verehrt. Fehlt den Jüngern auch fast durch-
Ivcg jener seinere Formensinn, jenes intinie Natur-
gefiihl, welches die Arbeiten des Meisters auszcichnet,
so Ivissen sie doch fast alle in derartigen Werken sür
dekorative Zrvecke eine imponirende Wirkung zu er-
reichen, mit der man sich znfrieden geben muß, vhnc
sich aus nähere Detaituntersnchung der Formenbildung
einzulassen. Ein mächtiges purpnrrothes Belarinm
mit dem gvldgestickten Reichsadler in der Mitte ist
guer dnrch den Raum gespannt, um das Einfallcn
des direkten Sonnenlichtes zu vcrhindcrn, welches dic
Wirknng der goldglänzenden Fignr becinträchtigen
würde. Von den Brüstungen der Galerie des crsten
Stockiverkes fallen meerblane, bnntgeränderte Velours-
teppiche herab, in deren Mittc je ein Wappcn der an
der Ausstellung betheiligten Nationen auf Goldgrnnd
angebrackt ist. An der rechten Schmalseite des Hoses
erhebt sich die Statne ciner kranzspendenden Viktoria

von Geyer. Neicher Fahnen- und Pflanzenschmuck
koinmt hinzu, um das Gesammtbild der imposanten
Festhalle, in welcher die Eröffnungsfeierlichkeit vor sich
ging, zu einem bei alleni Farbenanfwand äußerst har-
monischen nnd Ivohlthuenden zn gestalten.

Einige der an dcn Lichthof anstoßenden Räumc,
ivelche Separatausstellnngen dienen, sind ebenfalls durcki
Werke der bildenden Kunst ausgeschmückt wvrden. So
die japanische Abtheilung dnrch Kvnrad Dielitz
nnd HUbner, wclche zur Verdeckung der fiinf Fenstcr
an der Straßenfrvnt auf Taffet vder einem ähnlichcn
durchsichtigen Stoff Darstellungen aus dem japanischen
Fischerleben, gefährliche Bootsfahrten, Begegnungen mit
Meerungehenern u. dergl. gemalt habcn, die sich in
Zeichnn!ig,Fvrmcngebnng undperspcktivischerAnordnuiig
glücklich an die naivcManier der japanischen Nlalerei an-
schließen, und das Bernsteinzimmer der vstprcnßischeii
Firma.Stantien nnd Becker, welchc die Geivinnung des
„ostprenßischen Gvldes" am kurischcn Haff Vvm Staatc
gepachtet hat, durch Julius Jacvb, einen Schüler von
Karl Gropius. Auf drei Agnarellen, welche in Wand-
nischen cingelassen sind, hat er die Bcrnsteingewiiinnng
durch Berglverksbctrieb, Danipfbagger nnd Tauchcr,
und anf zwei anderen ostpreußische Kiistenlaiidschaften
in charakteristischer Auffassung nnd energischer Färbung
dargestellt.

An das landlvirthschaftliche Muscum schlicßen sich
dic provisorischen Ailöstellnngsbautcn an, die sich nin
eincn vffenen Hvf gruppiren, und die nach außen hin
dnrch verschiedenfarbiges Hvlzmvsaik cin anständiges
Kleid erhalten haben. Die innere Dekoration der
Nänme ist, ihrer Bcstinimiing cntsprechend, dnrch Em-
bleme der Fischerei, vornchmlich dnrch Nctze erfolgt.
Nnr in der imitirten Tnffsteingrotte, dem Mittelpunttc
dieser prvvisorischen Anlage, erlvartct den Bcsncher ein
prachtvvlles Schauspiet, welchcs wiederni» dcr bildcndcn
Knnst verdankt wird. Das Gcwölbe dcr Grottc wird
von einem gewaltigen Pfciler getragcn, wclchen gigan-
tische Tritvnen stntzend nmgeben. stiach vier Scitcn
öffnet sich die Grvttc nnd gewährt dem Beschaucr cincn
Blick auf ein von Christian Wilberg, dem trefflichcn
Architektur- nnd Landschaftsmaler, ausgeführtes Pano-
rama des Golss von Ncapel und seiner paradiesischcn
Küste. Der Standpnnkt ist ziemlich hvch gclvählt, so-
daß sich das Panorama gleichsam zu den Fnßen dcö
Schauenden ansdchnt. Weit entfcrnt, sich bci dcin
dekorativen Zwecke des Ganzcn cine flüchtige, auf dcn
Gcsammteffekt zielende Ausführung zn gestatten, hat
Wilberg vielmchr all' die bekanntÄi Bandenkmälcr,
welchc dcn Strand nmsäumen, mit größter Svrgfali
wicdergegeben und zugleich, indem cr dcn vollen GlanZ
seincr farbcnreichcn Palette übcr das Rundbild crgoß
nnd namentlich in dcr Abstufung der Lnfttönc nnd
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