Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die neue Kunstschule in Berlin,

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berg und Bau-Jnspektor Tiede, der Erbnuer der
neuen Berg-Akademie.

Mit diescr „Akademie sür Künstler und Kunst-
techniker," wie man unsrc Anstalt etwa nennen kann,
ist zu einer großen Lehranstalt das „Kgl. Seminar sür
Zeichenlehrer" verbnnden, Beide zusanimen bilden „die
mit der Kgl. Akademie der Künste verbundene Kvnig-
liche Kunstschule", wie ihr offizieller Titel lautet.
Offenbar ist eine größere Anzahl don Vorlesungen
und Kursen beiden Theilen gleich dienlich. Da indessen
die zum Theil schon in Mannesjahren stehenden Zeichen-
Lehrer selten mehr als zwei, oft nur ein Jahr dem
Studium widmen dürsen, aber ihre ganze Zeit zur
Dispositivn haben, so ist für sie ein gedrcingter Knrsus,
die „Abtheilung L.", eingerichtet. Der Lehrplan dieser
letzteren ist so geordnet, „daß das Abgangszeugniß des
Seminars, welches die Berechtigung der Znlassung
zur Zeichenlehrer-Prüfung gewährt, durch einen ein-
jährigen Kursus erworben werden kann; es wird jedoch
erfahrungsmäßig dieses Resultat nnr von solchen Aspi-
ranten erreicht, welche bei ihrem Eintritt in das Semi-
nar schon eine nicht unbedeutende Vorbildung im Zeichnen
und eine gute Begabnng besitzen." Außer den schon
oben genannten Lehrkursen und Vorlesungen dienen die-
sem Spezialzwecke nvch besonders die Lektivnen in
darstellender Geometrie (Prof. I»r. Hertzer), Anatomie
und Proportionslehre (Prof. Domschke), Ornament-
Formenlehre (Strack). Die von dem Referenten in vier
wöchentlichen Vorlesnngen resp. Herumführnngen in den
Museen gelehrte Kunstgeschichte wird, obwohl vor-
zugsweise auf die Seminaristen berechnet, für welche
dieses Kolleg obligatorisch ist, doch auch von zahlreichen
Technikern und Künstlern besucht.

Wenn nnn die Theilnahme von Seiten der Schüler
und die bereits zu beobachtenden Wirkungen als recht
erfrenlich bezeichnet werden müssen, so dürfen wir daß
Erreichte doch immer nnr als den Anfang eines Prv-
zeffes betrachten, von dessen Ziel wir noch ein Stück
entfernt find. Die Entwickelung einzelner Zweige un-
seres Berliner Kunsthandwerks in den letzten Jahrzchn-
ten ist eine überaus ersreuliche nnd vielleicht noch nicht
nach Gebühr gewürdigte; namentlich sind die Leistungen
unserer Schmiede- und Schlosser-Knnst allercrsten
Ranges; die guten Arbeiten unseres Puls, Fabian,
Benecke rc. haben die Vergleichung mit dem Besten,
was in dieser Richtung augenblicklich in Europa ge-
leistet wird, nicht zu schcuen. Jhnen reiht sich das
Töpferhandwerk (Dankberg, March :c.) an. Andre
Techniken stehen noch sehr zurück, z. B. die Buchbinderei.
Was vor Allem fehlt, ist die energischere Theilnahme
des Publikums, sagen wir der „Gebildeten." Freilich
wird dem gebildeten Mittelstande die thätige Mitarbeit
an der Entwickelung der Knnst durch Mancherlei er-

schwert, z. B. durch die hier herrschende traurige
Wohnungsmisbre, welche eine künstlerische Anordnnng
des eignen Hauses nur ganz wenigen Auserwählten er-
möglicht. Jn erster Linie ist es aber unsre sogenannte
„Erziehung", welche sich der Entwickelung des Formen-
nnd Farbcnsinns gegenüber nicht bloß gleichgiltig, son-
dern fast feindlich vcrhält. Ehe nicht dem künstlerischen
Unterrichte an unsren höheren Lehranstaltcn der gebüh-
rende Rang eingeräumt wird, bevor nicht der Zeichen-
lehrer aushört, das fünfteRad am Wagen eines Gymna-
siallehrer-Kollegiums zu sein, werden unsre gebildeten
Mittelklassen nicht das Bestreben einer künstlerischen
Veredelung ihres äußeren Lebens zeigen, auf das doch
die kunstmäßig betricbcnen Handwerke angewiesen sind,
um den nöthigen Boden sür ihre Existenz zu sinden.
Daß auch hier Svmptome der Bessernng erkennbar sind,
soll nicht geleugnct werden. Aber von einer nachhal-
tigen Belebung des Kunstgefühls im Volke, somit von
einem rnstigen Emporwachsen des Knnsthandwerks kann
nicht gesprvchen werden, solange weder die Reichen
noch die mäßig Begüterten es für wünschenswerth hal-
ten, im eignen Hause zu wohnen und sich dasselbe
ihrem eignen, wie auch immer beschaffenen Geschmacke
gemäß auszugestalten. Dies letztere ist hier durchaus
noch Ausnahme; dagegcn kommt es vor, daß der rciche
Sammlcr seine Miethswohnung „zwei Treppen hoch
links" mit allerhand Urväterhausrath ansstaffirt, niit
Dingen, die an sich schön und interessant, bei verschie-
denen Trödlern znsammengesucht, niemals einen ein-
heitlichen, erfrculichen Zimmerschmuck bilden. Dci'
Berliner hvrt derglcichcn ungern, destv häusiger nnd
nachdrücklicher mnß man es ihm aber sagen.

Werfcn wir nach dicscr polcmischen Digression zuin
Schluß noch cinen Blick anf den stattlichen Backstein-
bau, der unsre Kunstschnle birgt, so zeigt nns derselbe
in dcm änßeren Anschcn Ivie auch in der inneren Ein-
richtnng den Charakter Ivohlthuendster Solidität nnd
jcglicher Ablvesenheit von unpassender Sparsamkcit i»
Ränmen und Material. Fast hat es den Anschein, als
habe die Firma Gropius und Schmiedcn, die den Ba»
in Generalentreprise ausgeführt hat, mehr „zur Ehr^
Gottes", wie Michelangelo den St. Peters-Dom. als
für irdischen Gewinn gebaut. Bei der Fayade koiiinie»
die gelbcn Verblendsteine und die zum Ornamcnt vew
wandten Terrakotten, letztere sämmtlich aus der Fabrst
von Ernst March Söhne, znr trefflichsten harmonische»
Wirtüng. Die Ansgabe, das einzige einheimische Mate-
rial des dcutschen Nvrdens, den Ziegelstein nnd das
Thonornameiit zn nionumentalen Banten zn veriven-
den, hat hier eine ihrer glücklichsten Lösnngen gefunde».
Nirgends wird dem Material zngemnthet, ivas cs nichk
bequem leisten könnte, die durch dasselbe möglichen Es-
fekte werden leicht und nngesucht bewirkt. Die Fenstei'
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