Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Korrespondenz.

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51!

erbittlich ist, und das Publikum, stets an den Aublick
des Schöusten gewöhut, Dinge hüßlich findet, welche
anderwcirts für genügend oder sehr gut gehalten tvürden.

Es war bei Aufstellung des Prvgrammes betont
worden, daß vor Allem Nücksicht zu nehmen sei
auf den Anfftellungsort, „onmzstöllo ckoi loonini/'
den kleinen Platz zwischen dem Palaste des Patriarchen
nnd der Biarenskirche, nnd daß zu diesem Zwecke die
in der Mitte desselbcn befindliche Cisterne entfernt
werden sollte. Nun waren jedoch unter allen Aus-
ftellern höchstens vier oder fünf, welche auf diesen
allerwichtigsten Punkt Nücksicht genvmmen hatten.

Oft waren sogar Entwürfe entstanden, tvelche aus-
sahen, als ob sie eine Bergkuppe zu bekrönen bestimmt
seien. Ein Vicentiner hat in dieser Beziehung das >
Aenßerste geleistet: er stellt seine Reiterstatne (denn eine
solche war im Prvgramm vorgeschrieben) in einen drei-
mal höheren Halbkreis riesiger korinthischer Säulen,
welche ein entsprechendes Gebälk tragen; zum Ganzen
fnhrt eine Treppe enipor. Nach vorne läuft eine Reihe
von Löwen, welche im Halbkreise aufgestellt sind, eine
Eisenstange durch den Nachen, welche dem ganzen Auf-
ban als Barriöre dient! Eine ganze Bienge solcher
zweckwidriger Entwnrfe waren vvrhanden. Einige sahen
durch ihre riesigen Pvramiden oder konischen Piedestale
wie indische Pagoden mit anfgesetztem Heiligenbilde ans.
Andere dagegen ivaren nngemein „nett" nnd zierlich,
theils wie Modelle sür in Bronce zn gießende Uhrge-
stelle, theils wie riesige sllr den Pastetenbäcker beslimmte
Tafelaufsütze. Das Kühnste in dieser Richtnng war in ^
einem Entwurfe geleistet, welcher den Ersinder als
Asnio 6i znrgtiocsrio in hohes Licht stellte.

Anf zwei hintereinander gestellten Säulen erhvb
sich ein riesiger Klotz in schwindelnder Hvhe mit dem
Reiter auf bänmendem Pferde. Die zwei Säulen
fußten anf einem Unterban, welcher wie über einem
Grnftgewvlbe schwebte, zu welchem Stnfen hinunter-
führten. Rechts und links war dieses Gewölbe sogar
mit Fenstern nnd eisernen Gittern versehen. Aus be-
sagtem Gewölbe über die genannte Treppe himveg
schwebte nun eine allegorische Gestalt cmpvr, rechts nnd
links ebensalls sehr lnftige weibliche Figuren. DerBolks-
witz schrieb dem Erfinder die glückliche Idee zu, daß er
den „Pozzo" (die Cisterne) um jeden Preis unter dem
Bivnnmente habe konserviren wollen. Doch genug! —
Die besseren, ernster gehaltenen Entwürfc ermangelten
entweder des eigentlichen Stiles oder waren sonst nicht
im Stande zu sesseln, obgleich bei einigen, welche sich
an die Aufgabe gehalten und das Piedestal nach dem
Mnster der Reiterstatue des Cvlleoni gestaltet hatten,
dieses sehr schön ausgefiihrt war. Allgemein war
man der Ansicht, daß, wenn ein Preis ertheilt werden
solle, dieser deni Entwnrfe gebühre, welcher den König ^

in ivürdiger Haltung ans schönem Pferde darstellte und
das Mottv „Kamir" trug. Besonders gesielen die
allegorischen weiblichen Gestalten am Fuß des Piede-
stals. Die eine derselben Personificirte die Venezia von
1848 mit dem seine Ketten zerreißenden Löwen. Auf
der andern Seitc die Venezia von 1866, triumphirend.
Das Ganze in edlem Aufbaue. Man war allge-
mein anf des hiesigen Bildhaners Borro Entwurf
gespannt, da man sich des prachtvollen, nicht ange-
uommenen, Modells sür das Giorgione-Denkmal in
Castelfrancv erinnerte. Doch blieb Borro diesmal,
trvtz 'vieler Schönheiten seiner Arbeit, hinter den Er-
ivartungen seiner Verehrer zurück. Sein Entwurf hattc
ebenfalls, wie die meisten, nichts Mviiumentales.

Das Komits berief, nachdem die Ausstellnng
noch nicht sehr lange gewährt hatte, (sie dauerte voin
1. März bis Ende April, später vhne Eintrittsgeld)
Vrei Preisrichter: die Hcrren Boito, Architekt, den Malcr
Bertino und den Bildhauer Tabachi, alle drei vvn
anslvärts, Ivelche den ersten Preis dem genannten Ent-
wurfe (mit dem Mvtto: Kamir), ivelcher des Publi-
kuins Gunst erwvrben hatte und sich als Arbeit dcs
jnngen Bildhauers Ferraci in Rvm Heransstellte, dcn
zweitenPreis demBildhauerBasi lchi, den dritten dein
Bildhaner Rivatta zuerkannten. Zugleich erklärten die
Preisrichter, daß keiner der Entwürfe für die Ans-
führnng zn empfehlcn sei.

So war denn das Ausführungskomits in cine
neue Verlegenheit gestürzt. Man beschloß endlich,
trotz dieses Gutachtens, sich mit dem Bitdhauer Ferraci
in Beziehnng zn setzen und seinen Entwnrf niit
„Aendernngen" znr Aussnhrung anznnehmen.

Vor einigen Tagen machte nian mit einem Modell-
gerippe auf dem enwpisllo cksi Isonini den Versnch
der Ausstellung, wobei sich zeigte, daß der betreffendc
Platz durchans nicht zu klein ist. Der anwesende Bild-
hauer selbst erklärte sich vollkommcn mit der Wahl des
Platzes zufrieden. diun beschloß man, seinen Ent-
wnrf nngeändert zur Ansfiihrung gelangen zu lassc"
und nnr dic Höhe von 14 Metern anf 10 zn rednci-
ren. Das Publikum ist jedvch mit dem Ausstellungs-
orte nicht cinverstanden, nnd cs svll deßhalb eiue zweite
eingehendere Probe stattfinden. Alle wvllen den König
anf irgend einem riesigen Platze der Stadt haben nnd
vergessen, ivie daun aller Effekt verloren geht, wie dcr
Vergleich mit den nmgebenden Bauwerken herausgefor-
dert wird, was dic Anfgabe viel schwieriger macht!
ganz so, Ivic schon im Saale der Bibliothck dcis
Ange unwillkiirlich zn dcn prachtvollcn Deckenbildern dcs
Tizian nnd Paolo empvrschweifte, um auszurnhcn vo»
deni Anblicke der unglücklichen Entwürfe.

Was den Ausstelliingsort anbelangt, so hattc
der Maler Reichard einen der glücklichsten E»t-
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