Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstgewerbliches aus Hanau.

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funden war, zu sehr hohem Preise an einen der reichsten
Leute Frankfurts verkauft wurde. Dieser Pokal, wel-
cher noch den Einfluß der Vorbilder Wcnzel Jainitzer's
crkennen läßt, wurde für 20,000 Mk. zum besten der
Vorbildersammlung vcrkauft. Jn Erwägung jedoch,
daß zu dieser Stiftung von 20,000 Mk. der ärmste
wie der reichste Bürger gleich viel beigetragen habe,
entschloß sich eine Gruppe liberal dcnkender Bürger zn
einer weiteren Stiftung, die jährlich Z25 Mk. zur
Nnterstützung talentvoller Schülcr zuschießt. — Für
Hanau war dic Ausstellung der Bijoutcrien wenigcr
interessant, da ein Gang übcr dic „Zeil" Frankfurts
Reicheres zeigt. Die Hanauer Metall - Jndustrie ist
näinlich von Jahr zu Jahr mehr und mehr in den
Dienst der rcichen auswärtigen Händlcr getreten, sv
daß von den 120 Firmen die meisten als Kunsthand-
werker ersten Ranges anf Bestellung arbeiten, nnd dic
wenigsten tonangebend Neues ausstcllcn können nnd
dürfen. Bcwundernswerth ist jcdoch das Znsanimcn-
wirkcn der verschiedenstcn tcchnischen AtelierS. Gra-
venre, Ciseleure, Gemmenschncider, Emailleure, Silber-
und Goldarbeiter, Juweliere, Gießcr, Vcrgoldcr, Gold-
färber, Kettenfabrikanten, Diamantschleifcr, Stein-
händlcr sind zahlreich vvrhandeu und arbeiten gcmein-
schastlich an manchem Werke, das spätcr unter dcr
Flagge eines Händlers in der Residenz im Schnufenster
liegt. Von Bedeutung ist auch dic Hilfc der Bia-
schinen, welche hente exakter, feiner und svlider presscn
und bohren, was früher mühsame Handarbeit war. Das
sind hier wohlbekannte Verhältnisse. Neu und übcr-
raschcnd war unter den ausgestelltcn Sachen, daß eine
bisher nur schlichtc Möbel liefcrnde Fabrik dnrch die
großartigen Aufgaben, welche der Landgrnf von Hcsien
sür sein bei Hanau liegendes Schloß Philippsruh ge-
stellt hatte, Prachtmöbel ersten Nanges lieferte. Frcilich
waren es sehr günstige Verhältnisie, die ein solches
Wunder ermöglichten. Der kunstsinnige Landgraf be-
sitzt viele schöne Holzschnitzereien des 16. Jahrhnnderts
und wünschte Ergänzungen :c. Der leitende Bau-
meister Dielmann in Frankfurt sand an dem Archi-
tekten Niederhöser eine in Mnnchen gnt geschulte
Kraft, um auf Grundlage der soliden Technik des
Fabrikanten Körner den Wetteifer mit den bestcn
Alterthümern zu übernehmen. Für große Säle eincs
Schlosies sind solche Wcrkc der Holzarchitektur passend,
fllr unsere bürgerlichen Räume crscheinen sie aber zu
massiv.

Ueberraschcnd war auch der Fortschritt, den dic
altberühmte Teppichfabrik I. F. Leisler gemacht hat.
Vor sechs Jahren war die Bekehrnng zum orientalischen
Teppichstil noch sehr problematisch. Trotz dringlicher
Mahnung von kompetcntestcr Scite glaubte man, daß,
so lange das Alte noch gehe, jede Ncuerung gewagt sei.

Nun ist es aber eine Freude, zu sehen, wie auch hier
das schlichte geometrische Farbenspiel die großen Rosen
und die zackig kontnrirten Engel verdrängt hat. Von
der großen Teppichfabrik in Schmiedeberg war anch
cin schöner Teppich im pcrsischen Stil, den eine
Schülerin vvn F. Fischbach komponirt hat, ansgestellt.

Vvn allgcmeincm Jntcressc dürfte scin, daß zwei
bishcr noch nicht auSgestellte Sammlnngcn dem Publi-
kum geordnet vorgeführt wurden. Die eine Samm-
lung nmsaßt 50 alte Buchdeckel des 16. nnd l 7. Jahr-
hunderts, dic thcilwcise köstlichcn Jnhalt (an Jllu-
strationen rc.) darbieten. Die andere umfaßt 600 alte
Gewebe und Stickereien vom 12. bis zum 19. Jahrh.
Der Einfluß dieser Privatsammlung war deutlich in
der Ausstellung der Mädchenklassc wahrzunehmen.
Obglcich dic Stickereiklasie jüngcren Datums ist, kann
sie den Anspruch erheben, diejenige zu sein, in welcher
Theorie und Praxis am deutlichsten und erfolgreichsten
Hand in Hand gehen. Als strenge Fachklasse ist nvch die-
jenige für Emailmalerci zu nennen, für wclche jüngst eine
neue Lehrkraft aus Genf gewonnen worden ist. Die
Betheiligung der Schüler und Schülerinnen ist bisher
noch sehr mäßig. Die Entwickelung der anderen Fach-
klasien dürfte erst dann erfolgen, Wenn das jetzige
System, welchcs als antiguirt bczeichnet iverden muß,
geändert wird. Dic Fachlchrer habcn 400 bis 500
Kinder vom 10. Jahr an im Zeichncn zu unterrichtcn.
Die Folge ist, daß die Akademic zwar eine stattlickie
Schülerzahl aufzuweisen hat, daß aber in allen an-
deren Schulcn dcr Stadt das Zeichnen nin so wcniger
ernstlich gepflegt wird. Jn den Lehrerseminarien müssen
gnte Zeichcnlehrer herangebildet, odcr den talcntvvllcn
Scminaristen muß eine Untcrstützung geboten wcrdcn,
einen halbjährigen Spezialkürsus an den knnstgewcrb-
lichen Akademien zu absolviren. Dann fällt die sür
den Staat sehr kostspielige und für die Fachlehrcr
lästige und crmüdende Methode weg, den vst talent-
losen Anfängern die erste Vorbildnng zu geben. Es
ist aber sehr schwer, bei einer Organisation aus altcr
Zeit, welchc die tünstgewcrblichen Aufgaben kaum ahntc,
Neuerungcn cinzuführen. Die Akademie bcsitzt näm-
lich an Stclle eines Kuratvriums cin Direktorium, in
wclchem der jeweilige Landrath des Distriktes den Vor-
sitz führt, nnd Personen, die der Kunstindnstrie ganz
fern stehen, Mitdirektvren sind. Jn dcr Festrede er-
wähnte Herr Direktor Hansmann (Historicnmaler),
daß hoffentlich numnehr sich die Fachklassen cntwickeln
könncn, da Raum vvrhanden ist.— Ans gntcr alterZcil
besitzt die Hanancr Akademie übrigcnö cinc Einrichtung,
die allcn Städten zn empfchlen ist. Jedem Lehrling
werden vvm Lehrhcrrn mindestcns zwci Mal zwei Stim-
denwöchentlich während derArbeitszeit zumBesnch
des Zeichenunterrichtes freigegeben. Selbstverständlich
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