Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstliteratur,

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1875 wurde der Beschluß gefaßt, durch eine eigens
dafür gewählte Koiumission von deu Kunsl-, Geschichts-
und dtaturdenkniäleru Westsaleus Abbildungen und Be-
schreibuugen zu sammeln und demnächst eiue zweck-
mäßige Publikation iu Wort und Bild zu veranstalteu,
»nd schon im Winter 1879 konnte der erste Band der
Presse übergeben werdeu, Diese srische Förderung der
Arbeit ist dem Ilmstande zu vcrdanken, daß Kommissiou
»nd Borstand sich fiir ein Borgehen uach örtlichen Be-
zirken eutschieden uud sich entschlossen, innerhalb dieser
Bezirkc, damit Nichts übersehen, Nichts iu falschem
Ächtc dargestellt, die Arbeit keiue Blumenlese werde,
snr eine umfasseudc und gründliche Uutersuchuug
nnd Würdigung aller Dcnkmäler uach Möglick'keit
Sorge zn trageu; der Chronologie vder einer andercu
Systematik sollte wieder ihr Recht bei dcr spezielleu
Ortskunde eingeräumt werdcn, Weil die ältereu Um-
grenzungcn nach Territorieu, Gaucn, Grafschaftcn,
Aemtern, nach Bisthümern, Archidiakonaten, Dekaneien,
oder wie sie sonst bestanden hatten, heute so gut wie
aufgelöst oder verwischt stnd, so wurde die bestehende
Kreisciutheilung, oder >vo dic Fülle des Materials es
erhcischtc, auch ein Stadtbezirk für jede Publikatiou
zu Gruude gelegt, Der vorliegende erste, von Prof.
i>r, Nordhoff iu Müuster bearbeitcte Baud der Publi-
katioucu enthält dic Kunstdeukmale des Krcises Hamm,
gelcgen im Herzeu der Provinz, ehemals ganz ein
Bestandtheil dcr Grafschaft Mark und großen Theils
des Kölnischen Archidiakonates Dortmund, Ivie wenig
andere durch ein Netz dcr bestcn Vcrkehrsmittel ;u-
gäuglich, eines nicht zu geräumigcn uud doch an Dcuk-
mälern sehr gesegnetcu und lehrreichen Bezirkes, Die
Zeichuungeu uud pcrspektivischcn Ausichten stammen
bvn dcm Gcometcr Brockhauseu, Proviuzial-Baurath
Hartniann und den Architckten Hcrtel uud Nordhofs,
Die phvtographischcu Abbilduugcu uud Bcilagcn vom
Phvtographen Hundt in Müustcr; dic Holzschnitte sind
bon Brcnd'amour iu Düsseldorf, Klitsch und Rochlitzer
»i Leipzig, Mcurer in Berlin uud Probst in Brann-
schwcig augescrtigt wvrden, Nachdem uns der Ber-
sasser in eincm cinleitenden Kapitcl mit den Urbe-
ivohnern des Hauimcr Krcises, deren Geräthen, Wafsen
nnd Burgen bekannt gemacht hat, schildert er in kurzen,
scharfen Zügcn, wie sich in christlichcr Zeit aus dcn
Gaugrafschnftcn kleiue Sclbstherrlichkeiten loslöstcn uud
)» uuabhäugigen Besitzthümcrn ciner Menge kleiner
Hcrren cntlvickeltcn. Nach dicseu allgemcinen Erörterun-
gen geht dcr Vcrsasser zur Bcschreibung und Würdigung
^er Deukmäler der christlichen Zeit über und sucht
dieselben vou Ort zu Ort in dcr Folge aus, daß er
znerst die Ebenen der Lippe, sodann das Hügelgeläudc
zibischcn ihr uud dem Haarstrang und cndlich das brcite
Hochland selbst durchmustert, Dem Verfasier hicr auf

allen Haupt- und Nebenwegen seiner Kunstreise zu
folgen, liegt außerhalb der Grenzcn dieser kurzeu Be-
sprechung, und wir müssen uns damit begnügen, auf
einzelne hervorragende Kunstgegenstände hinzuwciseu.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die alten Wand-
gemälde der Kirche zu Mcthler, dercn Anordnung nnd
Zeichnuug sich uoch an romanischc Typen hält. Die
jetzige große evangclische Pfarrkirche in Hamm niuimt
unter dcn herrlichstcn Bauwerken dcs Landes cinc ehren-
volle Stelle ein, Wie eine Kronc von stilvoklem Ernst
ruht der Chor vor dem mächtigcn Kreuzbaue mit
drei gleichhohen Schiffen; würdig und reich in den
Fornien schließt ihu der viereckige Westthurm ab. Das
Ganze hat mächtige, harmonische Dispositionen ini
Grundriß wie im Aufbau: das beiderseits kühn cnt-
wickelte Kreuz gereicht dem Hallcubau zu einer eben so
seltenen wie imposanten Zier, Ju der Kirche von
Rhynern bcfindet sich eiu sür die Zcit seltcnes Reli-
guiar der h, Regina in Form eiucs Hauscs mit
Satteldach aus dem Jahre 1457, Der Kern ist von
Holz, die dekorativc Bekleidung mit den Bildwerken
getrieben aus vergoldetem Silber, die Kugcl in den
Kreuzblumen aus vergoldetem Kupfcr. Ein werth-
voller und bedcutungsvoller Rcst bildncrischer Schön-
heit ist der Schnitzaltar sanimt dcsscn beiderscits bc-
uialten Flügeln in dersclbeu Kirchc. Die evaugelische
Kirche zu Unna ist nicht uur eine dcr schönsten, son-
dcrn auch dcr größten Vcr Mark, uud bei ihrcm Stützcn-
wechsel, ihreu Dispositionen und ihrem Choreingauge
einc außergewöhnliche Anlage. Es ist eiue gothische
Halleukirche mit mächtigem Westthurmc und einem
hallenartigcn Choreingange. Der Chor wurde vou
1389 bis 1396 aufgefiihrt. Als zwci tüchtige und
stattliche Leistungcn der Spätgvthik ziercn den Chor
zwei an Pfeiler gclehute Sakramentsschränke, elegante
Arbciten, welchc wahrscheinlich vom Stcinmctzen 9iü-
diger Grumelkrut hcrrühreu. — Zu bedauern ist, daß
die photographischeu Beigabcn zu dicscr Pnblikation
so wcit hinter allen Anforderungen znrückblciben, wclche
man an solche Nachbildungen zu stellcn bcrechtigt ist.
Westfalen kann im Nebrigcn stolz darauf sciu, durch
die Beröffentlichuug seiner Deukmälcr andercu Pro-
vinzen, hiuter welchen es au matcrielleu Mittclu wie
an Kunstreichthum ivcit zurücksteht, dcu Wcg gewieseu
zn haben, auf welchem die iu der Provinz zcrstreutcn
Denkmäler für Kuust und Wisseuschaft srnchtbar gc-
macht werdeu könneu. Die Wisscuschast hat noch eine
ebcu so dankbare wie schwcre Ausgabc zu bclvältigcn,
bis der Denkmälerschatz in allcn Schichten sv gchoben
und erläntert ist, daß er iu hellcm Lichte wieder vor
uns auflebt uud der allgemeincu Geschichte von Nutzen
wcrden kann. Je lauterer und vollkommcner sich der
geislige Jnhalt der Zeiten in die Dcnkmäler ergvsscu
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