Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Sommerausstellung in der Royal Academy in London.

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stellung derartiger Bilder durchaus keinen ermüdenden
Eindruck auf den Beschauer aus. Nur ausnahmsweise
begegnet uns das einfache Brustbild oder Kopfstück.
Vielmehr ist nach dem Vorgange der klassifchen hol-
ländischen Malerei die Persönlichkeit meist in eine mit
der Jndividualität in Zusammenhang stehende Uni-
gebuug gestellt, und hier giebt glücklicher Weise die ge-
sundc Unbefangenheit des englischen Naturells wie die
uatürliche schlichte Würde der Erscheinung keinerlei
Veranlassung zur Anwendung eines unnatürlichen und
theatralischen Arrangements. Dies eben begründet den
eigenthümlichen Reiz der Ausstellungen in der Royal
Academy: die Grenzen des eigentlichen Porträts und des
Sitten- oder Stimmungsbildes sind ineinanderfließend.

Sir Frederik Leighton. der Präsident der Royal
Academy, ist durch mehrere Darstellungen dicser Art
vertreten. Der eigenthümliche Reiz seiner Frauendar-
stellungen liegt in der außerordeutlich feinen silber-
grauen Harmonie meist blasser Töne, entsprechend der
vorwiegend lyrischen Auffassung der Sujets, worin die
hohe Eigenart des Meisters besonders scharf hervor-
tritt. Größte Anerkennung sindet die Jdylle „Der
Schwesternkuß" (Nr. 142). Eine größere historische
Kompositiou war dieses Äahr ausnahmsweise von
Leightou nicht ausgestellt; hatte doch wenige Wocheu
vor der Eröffnung der Ausstellung in Burlington
House die lange sehnlich erwartete feierliche Enthüllung
des großen Lünetten-Frescos von ihm im South Keu-
sington Museum im Beisein der Königin von Eng-
land stattgefundcu, eine Arbeit, welche für eine Reihe
von Jahren die besten Kräfte des Meisters in Anspruch
genommen hatte. Wir kvnncn dieses großartigen Ge-
mäldes hier nur im Vorübergehen gedenken. Die
Darstellung ist allegvrischer Natur. Jn der nordöst-
licheu Lünette, welche deu South Court des South
Kensington Museum abschließt, sind vou Leightou iu
überlebensgroßen Figuren „Dic Kunstgewerbe im Dienste
des Krieges" dargestellt. Vor einer die Breite des
Mittelgrundes einnehmenden befestigtcn Mauer sehen
wir Krieger versammelt, welche in buutem Gemisch
theils ihre Waffen prüfen, theils der Anfertiguug der-
selben ihre Aufmerksamkeit zuwenden, während links
im Vordergrunde sitzende Frauen an Geweben thätig
sind. Das Kostüm ist das der italienischen Hoch-
renaissance, die Färbung ist von großer Helligkeit;
Komposition und Zeichnung haben einen großen Stil.
Wir werden in der That in gewisser Hinsicht an Michel-
angelo's „Karton der badenden Krieger" erinnert.

Ilnter den historischen Kompositionen in Burlington
House behauptet die erste Stelle „Der Besuch bei
Aeskulap" (Nr. 250) von Edw. I. Poynter, L.
Direktor der mit dem South Kensington Museum ver-
buudenen Kunstschule. Bcim ersteu Anblick des Ge-

mäldes kann man, was das Verhältniß der Figuren
zur Landschaft betrifft, an Preller's honierische Dar-
stellungen erinnert werdcu. Doch werden hier die Vor-
züge eines glücklichen kompositionellen Entwurfes nocki
überboten durch ein feines Gefühl für Linienführung,
durch gewählte Fornien und durch streng gewissenhafte
Ausführung. Links fitzt Aeskulap unter einer laubge-
krönten Säulenhalle. Sinnend stützt er mit der Linken
das bärtige Kinn, nicht unähnlich einer Juppiterdar-
stellung Raffael's in den Lünetten der Farnesina.

^ Sein Blick weilt wohlwollend auf der Fußverwundung
! einer vor ihm stehenden Nymphe, welche drei Gefähr-
tinnen geleiten. Diese sind unbekleidet, während eine
! vierte weibliche Figur, eine leicht geschürzte Dienerin,
an einer großen Fontäne auf der rechten Seite des
Bildes eilig Wasser schöpft. Die landschaftliche Scenerie
bildet ein dichter Hain.

llnter dcu religiösen Sujets behauptet den ersten
Rang cine etwas befremdlich wirkende Darstellung
des guten Hirten (Nr. 962). llmgeben von ruhenden
Schafen und Lämmern hat C. W. Cope, II. ^., den
in Typus und Tracht nach dem Vorbilde des orien-
talischen Lebens aufgefaßten Hirten flach auf dem Boden
ausgestreckt und mit Blutwuuden bedeckt dargestellt.
Das Motto ist: „Der gute Hirt läßt sein Leben sür
die Schafe". Die Auffassung ist vhne Vorgang, und
da sie wahrscheinlich auch vhne Nachfolgc blciben wird,
lassen wir ihre Berechtigung besser undiskutirt. Die
Speisung der Zehntansenv (Nr. 670) vvn Thercsa
G. Thornyscroft ist eine Komposition voll Leben
und Empsindung, nicht ohnc einen Anslug Vvn senti
mentalem Pathoch Ganz im Vordergrunde steht
Christus, vou seiuen Jüngern umgeben, während die
Volksmenge eincn dcn Mittel- und Hiutergruud bil-
denden Halbkress cinnimint. Jm allgemeinen sind
biblischc Darstellungen dem Geschmacke des englischen
Publikums nicht zusagend, noch tveniger als das auf
dem Kontinent der Fall ist, doch ans verschiedenen
Rücksichten. Hat man doch in England, allerdings vvr
mehreren Jahrzehnten, daran Anstoß genvmmen, daß
in die National-Galcrie untcr den Werkcn der Re-
naissancemeister so antiprotcstautische Sujets wie Ma-
donnenbilder Ausnahme fänden. Andererseits haben
Porträts von jungen Damen, die sich als Kirch-
gängerinnen porträtiren lassen, wie Nr. 87 Vvn G. A.
Story, L. L.., in Bnrlington House ctwas durch-
aus Fashivnables.

Vvn den Bildern, welchc unter die Kategorie der
historischen Malerei fallcn, erwähnen wir zuerst Alma
Tadema's „Fredegvnde". Die Königin der Franken
erblicken wir im Vordergrunde, lebcnsgroß, auf eineni
Polster sitzend, mit zorniger Miene den Blick durch
das Fenster richtend, vvn dem sie mit der Linken den
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