Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Sommerausstsllung in der Royal Academy in London.

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lich primitiv und trägt in ihren fahlen Tönen aller-
dings nichts dazu beh die Darstellung anch von dieser
Seite anziehend zn machen.

Unter den Genrebildern sind mehrere recht be-
friedigende und mit besonderer Liebe ausgeführte Dar-
stellungen zu nennen. Charakteristisch sür das eng-
lische Genre ist die fast gänzliche Vermeidung des
humoristischen Princips und nicht minder die Vcrmei-
dnng von Gegenständen, welche die nnteren Stände vor-
führen; es müßte denn gerade sein, daß der Künstler
durch die Schilderungen des krassen Elendes zu wirken
verlangte. Diese Saite ist z. B- angeschlagen in dem
Bilde Vvn A. E. Mnlready „Eine Zufluchtsstätte
auf London Bridge" (Nr. 479): ein zerlumpter Knabe
hält seine Nachtruhe auf dem Pslaster. H. D. Chad-
wick's „Brückcnfreihcit" (Nr. 136) schildert eine Ge-
sellschaft armcr Kinder anf derselben Brücke bei ge-
meinschaftlichem Spiel. Eine sehr gelungene meister-
haft ausgeführte Darstellung aus dem englischen Land-
leben ist „Ein Familienglied" (Nr. 304) von F. G-
Cotman: eine Bauernfamilie sitzt bei der Mahlzeit im
Zimmer, während ein Pferd durch das geöffnete Fenster
hcreinschauend von dcr Hausfran regalirt wird.
T. Faed's, II. ^., Genrebild: „Bon der Hand zum
Mund" (Nr. 3 l 6) ist in der Zeichnnng der Charaktere
und in der koloristischen Ansführung eins der hervor-
ragendsten Wcrke der Ansstellung, wenn auch die Kom-
Position inhaltlich etwas an Unklarheit leidet. I. C.
Horsley, L. schildert in seinem reizenden, mit
ebenso großer Gewandtheit komponirten wie brillant
ansgeführtcn gcistreichen Bildchen „Us jour äss ^lorts"
(Nr. 329) eine französische Kirchhofsscene: cin Vvn
munteren Mädchen mit Blumenkränzen nmringter
Priester zögcrt den ihni angebotcnen Blnnienstrauß an-
zunehmen, indem er dem Gcnusse der eben geöffneten
Dose den Vorzug giebt. Mit weniger Erfolg schildert
F. W. W. Topham cine neapolitanisck'c Volksscene in
dem „Lottcriepreis" (Nr. 557). Von frappant komischer
Wirküng ist dagegen W. D. Sadler's Bild „Donners-
tag" (Nr. 590). Hier wird der unmittelbare Vvrder-
grund von einem Gewässer eingenommen, desien Breite
nnbestimmt gelasien ist, während am jenseitigen Ufer
dem Beschnuer gegenüber eine Gesellschaft von meist
6n lnoo gesehenen trefflich charakterisirten italienischen
Kapnzinern mit ebensoviel Leidenschaft wic Behaglich-
keit auf die Fastenspeise des kommenden Tages mit
ausgeworfencn Angeln Jagd macht.

Um untcr den zahlrcichen Porträts auch nur das
Bedeutcndste hcrvorznheben, ist es unmöglich, hier mehr
als eine dürftige Auswahl zn bietcn. Die Fortschritte,
welchc die englische Malerci anf diesem Gebiete in den
letzten Jahren gemacht hat, sind unverkennbar, und sie
sind nm so bemerkenswerther, weil gerade die ersten

Künstler zu den Porträtisten gehören. I. E. Millais,
II. welcher aus Anlaß der im letzten Jahre zur
Ausstellung gesandten Bilder von allen Seiten den
Vorwurf hören mußte, iu oberflächlicher flüchtiger
Arbeit mit seinem anerkannten Rufe Mißbrauch zn
treiben, hat dies Jahr einzelne Werke geliefert, vor
denen jede mißgünstige Kritik verstiimmen muß. Sv
vor allem sein Selbstporträt (Nr. 218), ein Brustbild
sn Ig.66 geseheu, bestimmt, in der Gemäldegalerie der
Uffizien in Florenz Ausnahme zu sinden. Ferner
„Katherine Mnriel Cowell Stepney" (Nr. 239), ein
blondes, etwa achtjähriges Mädchen, in langem
schwarzen Sammetkleide, eine Blume iu der Hand
haltend und ganz on luon gesehen, vvn träume-
rischem Eindruck. Ganz besonders aber das unter dem
Namen „Cuckoo" (Nr. 315) ausgestellte Gruppeubild
zweier im Walde sitzender Mädchen, Töchter von Mr.
Munro, wo das Arrangement etwas an ein weltbe-
rühmtes Gemälde von Sir Joshua Reynolds erinnert,
in technischer Beziehung cin wahres Meisterwerk ge-
wandter Pinselführnng, poetischer Auffassung und har-
monischer Farbenwirknng; die Gewänder sind weiß,
das Haar tief gvldgelb. Daneben hängt, ebenfalls von
Millais, ein effektvolles Pvrträt des bekannten Staats-
maunes John Bright (Nr. 322). An Wirkung durch-
aus demselbcn nicht nachstehend, wenn auch völlig ver-
schiedeu in der Behandlung, ist das Porträt des eng-
lischen Botschafters in Konstantinopel G. Ä. Gvschen
(Nr. 154) von der Hand des seit einer langen Reihe
von Jahren in England einheimischen, früher in Jtalien
thätigen Malers Nudolph Lehm a n n. Besondcrs scine
Damenpvrträts zeichnen sich aus durch nvble Auf-
fasiung, zarte Abtönnng der meist kühlen Farben und
sorgfältige Durchsührung. Jn gleicher Art sind zu
nennen die Porträts von Mrs. Leith (Nr. 411) und
Vvn Mrs. George Lewis (Nr. 1482). Kardinal New-
man hat seinen Porträtisten in W. W. Ouleß,
ä.. k. gefunden (Nr. 438), während der Lord
Erzbischos vou Canterbury von G. Nichmvnd, 11. ^.,
in dessen bekannter feinsinniger Auffassung und außer-
ordentlich wirkungsreichen koloristischen Behandlungs-
Weise dargestellt worden ist. An dieser Stelle dars
wohl auch das Gemälde Erwähnung finden, welches
den Vvm Vicekönig Lord Lytton am 1. Januar 1877
in Delhi abgehaltcnen Kaisertag darstellt (Lir. 625),
da die zahlreichen hier vereinigten Porträts die bc-
sondere Bedeutung des Bildcs markiren. Es ist ohnc
Zweifel das größte Gemälde, welches jemals in die
Säle von Burlington House eingezvgen ist: 10 Fuß
hoch und 27 Fuß laug! Jm November 1876 erhielt
Val. Princep, L. in London den Anftrag jener
Ceremonie beizuwohnen, welchc sein als Geschenk der
indischen Nation für die Königin von England be-
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