Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kohlschein's nsuer Stich nach Raffasl's Cäcilia.

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liegen, sondern die Weihe der hohen Kunst, symbo-
lisirt durch die Orgel in ihren Händen, hat ihre Seele
für die himmlische Musik empfänglich gemacht, die oben
über Wolken von sechs Engeln ausgeführt wird, und
vor deren überirdischen Harmonien selbst der begeistertste
Ton ihrer Orgel verstummt. AlS Zeugen ihres Glückes
erscheiuen im Grunde der h. Augustin, der den schönen
Spruch erfunden: „Ruhelos ist das Menschenherz, bis
es seine Ruhe findet in Gott", und der Evangelist
Johannes, dem es vergönnt war, mit irdischem Auge '
das himmlische Jerusalem zu schauen, dann im Vorder-
grunde rechts die reuige Magdalcna, der das ver- ,
zeihende Wort des Erlösers einst wie himmlische
Musik erklang, und links der h. Paulus in gigantischer
Gestalt, ein Seitenstück zu Michelangelo's Moses, in
sich selbst versunken und in der Erinnerung das Engel-
koncert mit den Offenbaruugen seiner eigenen Ent-
zückung in den dritten Himmel vergleichend. So stellen
uns die fünf Personen gleichsam in sünf Töuen einen
vollendeten Akkord dar, in dem sich die begeisterte Har- !
monie des höchsten geistigen Glückes ausspricht. —
Raffael hat den Gruudton für diese Darstellung gleich
ini ersten Augenblicke gefunden, wie der erste Entwurf
beweist, den uns Marc-Anton im Stiche hinterließ.
Ob die Zeichnung noch existirt? Der Entwurf der
Albertina scheint nicht für echt zu gelten. Während
der Arbeit hat Raffael noch mehrere sehr glückliche
Aenderungen in der Anordnung des Einzelnen vorge-
nommen, wie man sich durch den Vergleich von Stichen
nach dem Bilde mit dem von Marc-Anton überzeugen
kann. Der Künstler schickte das fertige Bild erst 1516
an seinen Bestimmungsort ab, wv es von Fr.
Francia mit freudigster Ueberraschung empfangen, vvn
Dichtern besungen und von ganz Bologna mit Be-
geisterung gefeiert wurde.

Ein Kunstwerk von solcher Volleudung mußtc
natürlich frllhzeitig die Kupferstecherkunst herausfordern,
es zu vervielfältigen und seinen Ruhm in weite Ferneu
zu tragen. Jndessen sind die früheren Nachbildungen
von M. Greuter, C. Pisani, G. B. Galli und
Anderen nur als verunglückte Versuche anzusehen. Die
Kunst mußte durch Steigerung ihrer Kräfle noch einen
weiten, beschwerlichen Weg zurücklegen, bis es ihr ge-
lingen konnte, das Gemälde in seiner vollen Schöne
und Farbenharmonie auf die Platte zu übertrageu.
Selbst unter den Meistern des malerischen Stiches
wagten sich nur wenige der Begabtesten an unser Bild.
Einzelne Reproduktionen desselben sind durch Publi-
kationen von Galeriewerken entstanden; so der von
F. E. Beisson für das Llugoo RLpoieon, als sich das
Bild noch in Paris befand, dann von Fr. Rosaspina
für das Galeriewerk der Pinakothek pon Bologna.
Wenn sich diesc auch wie alle Blätter der genannten

Prachtwerke im ersten Augenblicke glänzend präsentiren,
so geht ihnen doch bei eingehender Untersuchung die
höhere Weihe ab; sie sind nicht als für sich bestehende
Kunstwerke, sondern nur als Jllustrationen eines Pracht-
werkes anzunehmen. Als die besten Blätter, die den
Anspruch selbständiger Kunstwerke machen, gelten die
Stiche von Rob. Strange, Mauro Garavaglia und
A. Lefbvre. Der erstgenannte fesselt durch anspruchs-
lose Einfachheit der Durchführung, die beiden anderen
bestechen durch glänzende Führung des Grabstichels.
Hat man das Original gesehen, dann erfullen alle
drei ihren Zweck als freundliche Erinnerungen
an jenes; wer aber das Original nicht gesehen hat,
der lernt aus den genannten Stichen keineswegs die
magische, bezaubernde Schönheit desselben kennen.
Dieses Letztere war eincm Blatte vorbehalten, das in
diesen Tagen nach jahrclanger Arbeit im Atelier eines
Düsseldorfer Künstlers vollendet wurde und nicht ver-
fehlen wird, das Auge jedes Kunstfreundes zu sesseln
und zur höchsten Bewunderung hinzureißen. Joseph
Kohlschein ist der Name des Stechers, eines talent-
vollen Schülers von Jos. Keller; die Annalen der
Kunst kennen ihn als einen ernst die klassischen Jdeale
der Kunst crfassenden Künstler. Jn seinem Blatte:
„Hochzcit zu Kana" nach P. Beronese hat er bereits
seine Meisterschaft bewährt. Ueberlassen wir uns nun
rückhaltlos dem Eindrucke, den seine Cäcilia auf uns
hervorbringt! Mit Recht können wir sie „seine" Cä-
cilia nennen, denn was Naffael in Farben auf die
Holztafel hingezaubert hat, das ist durch Kohlschein's
Meisterhand nicht mindcr bezaubernd inLinien, Strichen
und Punkten auf die Kupferplatte übertragen. Wer
geübt dariu ist, im schwarzeu Druck des Kupferstiches
die Farbe des Bildes zu cmpfinden, vor dessen Augen
steht die Perle von Bologna leibhaftig da. Auf cincr
Platte von 90 om. Hvhe und 60 oin. Breite hat eine
kunstgeübte Hand cin Mcisterwerk crstcn Ranges ge-
schaffen. Die Zeichnung ist vollkommcn korrekt, der
ideale, schwärmerische Ausdruck der Kvpfe deckt voll-
ständig das Original. Wir habcn eingehcnd jedc
Partie des Stiches untersucht; die Wahl und Anord-
nung der Strichlagen, der konisch zugespitzten Striche
oder Punkte ist mit vollendeter Technik, der das fcinste
Kunstgefühl zur Seite ging, in's Werk gcsetzt. Die
Verschmelzung vou Licht und Schatten, die Trans-
parenz dcr letzteren läßt nichts zu wünschen übrig.
Wir können sodann mit Freude kvnstatiren, daß sich
uirgeuds auf Kosten des Originals cin Haschcn nach
Effekt kundgiebt, und doch ist das Blatt so wirkungs-
voll wie nur je eines. Es wurde dies erzielt durch
die vollendetc Zusamnienstimiuung aller Töue. Wir
erinnern uns nicht so bald, eine solchc Harmonie in
einein so großcn Stiche gefunden zu haben; sie ist
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