Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

Seite: 137
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Schulter des Maurers balancircnden i.sein>.bi>. eut
lvckt, nicht direkt auseinander folgen. 2vie lcickt le nn e
eiu Mißtrauischcr dem Zeichner schlimme Absicht unter-
schieben und ihn gänzlich mißverstehen! Dagegcn ge-
hören die beiden Charakterköpse „Der Altcrtmns-
svrscher" und „Dcr Kunstliebhaber" unweigcrlich ch-
saunuen, jener Lumpensammler, der mit seiucr
wie der seclenschnappende Volköteusel mit ausgeipreiz-

- - !. ^ . ... dllbrecktDürers

Vom Christmarkt.

abcr ist bciden Künstlern dic übcraus gemütliche und

-.oristische Art und wuuderbare Schärfe dcr Bevbach-

j, das liebevollc Eingehen in den Geist ihrer Epoche,

n es sich auch bei beiden in grundverschiedener Weise

Man denke an Hcndschels Humvresken und

und

tung

wenn

offenbart. Man denke an — _^.

bctrachte Chodowiecki's „Oentilolium stnltorum" und

„Natttrliche und affektirteHandlungcn", seine „Hcirats-
anträge" und sein satirisches Gelegenheitsblatt „pusso-
--„Moniuelschneider Nicvlas Fon-

h ^ ^ _

!cu Krallen^s'!^''^^^^ Bolksteufel mit ausgesprciz- , ..„ satirisckes Geiegem^,.^. ^

---- , oiu Blatt mit AlbrechtDürers ckix", wclchcs den Knopfstempelschneider Nicvlas Fon

^^1. und der weit vielle, eine dem ' Rerlin wohlbekannt

c» Krallen sondirt und ein Blatt mit Albrecht Liureiv --
vymbolum zu Tage gefördcrt hat, und der iveit vielle, eine

-rnstergehalteneSamm-

^er im Schlafrock -mit
e>ncr Phpsiognomie, an
d°r allein schon

Zeichncr sich verriete,
auch wenn er nur jene
Spiunstubcnbildcr vcr-
össentlicht hättc. Wir
sehcn schon im voraus,
mit wclchcr Frcude die
Blattcr bcgrüßt wcrdcn,
und nur eines trübt
uns die srohe Empsin-
dung: er, dcr sie uns
bercitetc, kann denDank
nicht mehr sehen, wie
er ihm sonst aus sröh-
lichen Augen entgcgcn-
leuchtete!

Zu cinem höchst
lehrreichen Vergleiche,
sreilich mehr der Zeitcn
als der Künstler, sor-
dert ein anderes Sam-
nielwerk heraus, welches
Schätze in sich birgt, die

bereits vvr cinem vollcn res bo -

^ahrhundcrt entstanden sind: wir meincn
wiecki, Auswahl aus des Künstlers schoupe
Kupserstichen", der Berliner Verlagshandlung vou
Mitscher und Röstell entstammend. Schon u"
Äußeren derraten k)eik)e Prachtwerke ^ie Zeit, 1

repräsentircn sollen. Jencs in modern-rotcr Cam-
bricmappe mit Golddruck, diescs in außen uxui-
ner, inuen buntmarmorirter Lcinenmappe mit
namenten in Silberdruck von Döplers Hand uu
Geschmacke jener Tage ausstassirt. Tort vcrricl
Btigt dic photographische Kunst sliichtige Moinent- ,
bilder, in denen man häusig dcn genauen Umriß cr
Gestalten nur schwer zu enträtseln vermag; bier hat
sie vergilbtc Kupscrstiche und Radirungen aus altcr ZeU-
tcilweise wahre Kunstwerke von außerordentlicher Akku-
ratesse wieder aus dcm Dunkel hervorgeholt. Gemcinsam

knopfstempeijaiilc,^^, _

damaligen Berlin wohlbekaunte
Persönlichkeit, darstellt;
man halte nnr Hcnd-
schels Gruppenbilder ans
dem Kindes- und Fa-
milienlebcn neben Chv-
dowiccki's „Sitzendc
junge Damen" und das
„Familienblatt", — das
cr für seine in Danzig
lebcndc Muttcr zeich-
uete, die ihre Enkelchcn
noch nicht gesehen, —
fcrner neben des Künst-
lers Klnderstube und
seine „Weiblicken Dicnst-
boten", neben „Gnte
Censurcn" und „Gra-
tulirende Kindcr"; inan
lege endlich Hendschels
Jllustrationen zum
„Roquelorchcn" und
zum „Vogelherd" neben
Chodowiecki's Stichc zu
Lessings Minna von
, Barnhelm, zu den „Lei-

AUc Warncmündcrin. AnS Roggc. Rosto-k und Warncmündc. ^ou des jungenWerthcr

und zu Rvuffeau's „Oa

uouvslls Höloi'ss". Aber tiefer dürfen wir aus dcn Vcr-

gleich nicht eingehen; von hicr ab schcidcn sich die Wegc

der beiden. Während sich Hcndschel mit Vorliebe im

Gebiete stimiiinngsvollcr Poesic crgcht, strebt Chodv-

wiecki, eine mehr realistisch angelegte Natur, „ein gc-

sunder Mann in krankhaftcr Zeit", mchr dem lehrhast
IV. ->> bören seine Werke

sunder Mann in krankhaftcr Zen ,

und pedantisch Ernsten zn, und hicr hören seinc Werke

für nns Moderne anf zn fcffeln; sie wirken nur nvch
bcfrenidend. Anch in dcn übrigen Bildcrn Pflegen dem
serner Stehenden Chodowiecki's Vorzüge erst aufzugehen,
nachdem er sich in dcn Geist, in die Sitten und
Mvdeu jener Tagc hincingelebt hat: „Das gepuderte
Haar verhindcrte jede lcbhafte Bcwegung des Kopses;
tazu ka», bei dcn Danien die tief heruntergehende

Schnürbrust und die hohen Stöckelschuhe, bei den
.knapp anliegende Kleidung mit
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