Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Brauns Photographien der Londoner Natwnalgalcrie.

ein Fl»ß hindurch, der sich zwar ähnlich, aber hier
bedeutungsvoll und landschaftlich schön auf der Viorgs
aux roeliors wicderfindet. Jch kann die Bewunde-
rung siir die Landschaft nicht teilen, dercn Lionardesker
Charakter zwar unverkennbar ist, die jedoch des Gcistcs
entbehrt, der diesen Künstler auszeichnet. Aber sie er-
hvht die Rätsel des überaus interesianten und wichtigen
Bildes um so mehr, als die eigenste Hand Lionardo's
in der Gestalt des Heiligen Lconhard niir so unzweifel-
haft erkennbar zu sein scheint, wic nur auf irgend
cinem der bcglanbigten Bilder des scltcnen Meisters.

A. v. Heyden.

Brauns j)hotographien der Londoner National-
galerie. *)

6. Ik. Vor knrzcm ist mitgeteilt wordcn, daß die
rastlos thätige Firma Braun die Herausgabe einer
neuen Publikation übcr die Nationalgalerie in London
vvrbereite. Nachdem wir von der eben zur Ausgabe
gelangcnden ersten Lieferung Einsicht genommen haben,
sreut es uns konstatiren zu können, daß das neue Werk
hinter seinen Vorgängern von Madrid, Petersburg,
Dresden rc., in keiner Weise zurücksteht, ja daß die
technische Wiedergabe des Kolorits der Originale in
richtiger Abtvnnng der Farbenwerle eher noch Fort-
schritte geinacht hat, vielleicht dank der rühmenswerten
Erlcichterung, welche die Galeriedirektivn dadurch ge-
währt hat, daß sie die Abnahme der Gemälde von
den Wänden und das Photographiren in einem zu
diefem Zwecke errichteten Atelier gestattete. Von der
Ausgabe besonderer Terthefte hat die Verlagshandlung
diesmal abgesehen, wohl im Hinblick darauf, daß der
sorgfältig gearbeilete offizielle Katalog der Galerie sich
in den Händen aller Jnteressenten besinden dürfte.

Um den Käusern und deren verschiedenen WUn-
schen möglichst entgegenzukommen, läßt Braun dieses
Werk in zwei getrennten Serien erscheinen: die eine
die englische, die andere alle kontinentalen Maler-
schulen umfassend. Es mag wohl sein, daß die englischen
Liebhaber znerst nach ihren Landsleuten greisen, aber
wir sind überzeugt, auch unsere deutschen Kunstfreunde
und Forscher werden sehr froh sein, die bei uns oft
nicht genug gewürdigten Erzeugnisie der englischen
Meister von nun an nicht mehr in oft recht manierirten
Linien- oder Mezzotintostichen, sondern in diesen außer-
ordentlich getrenen Aufnahmen vor sich liegen zu
haben. Gleich in dem ersten Heste finden wir
z. B. zwei Blälter nach Hogarth — das Porträt von

') A.Braun, Die National-Galerie inLondon,
849 Reproduktionen in unveränderlichem Kohleverfahren in
2 Serien. .V 65 Blatt der englischen, L. 284 Blatt der
kontinentalen Schulen. Fol. Dornach u. Paris.

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Miß Fenton, und das berühmte, init außsrordentlicher
Virtuosität gemalte Lkrirnp - 6irl, — welche manchen
eine ganz andere Anschauung von diesem großen
Kiinstler geben dürften, als sie bisher aus den satiri-
schen und moralischen Stichen von und nach ihm
gewonuen hatten. Ebenso trefflich in ihrer Art sind
das vornehme Porträt der Tragvdin Siddons von
Gainsborough, der charakteristische Lord Heathsield
(bekannter unter dcm Familiennamen Elliot, als der
uncrschrockene Verteidiger Gibraltars) von Sir. I.
Repnolds, u. a., welche alle bei den friihercn Wicdcr-
gaben durch den Stich schr viel von ihren eigenartigen
Vorzügen eingebüßt hatten. Selbst die Tierbilder
Landseers (z. B. die beiden Wachtelhüudchcn oder die
schlafende Dogge) werden in diesen warmen und
durchans trcucn Kohlendruckcn anch solchen Kritikeru
ausrichtigcn Beifall abgewinnen, die, nur nach den als
Zimnierdckoration früher so verbreiteten Stichen ur-
teilend, sich sür den in seiner Heiniat mit Recht be-
liebten Meister nicht zu erwärmcn vermochten.

Wenden wir uns zu der zweiten Serie, dcn kvn-
tinentalen Schulen, so braucht es kaum ausdrücklich
gcsagl zu werden, daß hier ganz Vortreffliches geboten
wird. Weiß doch jeder Knnstfreund, welche Schähe
erstcn Ranges in den Sälcn am Trasalgar Sguare
gcborgen sind! Seit dem grundlegenden Ankauf der
Angersteinschen Gemäldesammlung, 1824, ist dieGalerie-
vcrwaltung stets bedacht gewesen, die bedeutenden
Meister aller Schulen durch nachweisbar echte, wohl-
erhaltene Gemäldc ininier mehr vertreten zu sehen.
Anfangs der 50 cr Jahre begann Sir Ch. Eastlake die
planmäßige Vcrmehrung der älteren italienischen Schulen,
zu einer Zeit, da die Mode sich noch nicht demSammeln
der Jnkunabeln deS 14. nnd 15. Jahrhundertö zuge-
wendet hatte, und daher noch viele Meisterwerke jener
Zeit in Jtalien zu finden waren. Manch wertvolles Ge-
mälde hat Eastlake in dem öden Palazzo eines halbver-
gesienen Landstädtchens selbst aufgesucht und dank der
Unterstützung dcr cnglischen Regierung erwerben könuen.
Jndem auch Ler Patrivtismus dcr immer mehr aus-
blühenden Galerie viele trefsliche Nnmmern in Ge-
schenken und Vermächtnisien zuwendete, konnte sich die-
selbe von einem Bestande von kaum 400 Bildern gegen
Ende der 50 er Jahre zu dem heutigen von rund
1200 Nummern erheben, und zwar ohne einen irgend--
wie erheblichen Prozentsatz an zweifelhaften oder nn-
bedeutenden Bildern mitführen zu müffen.

Etwa 350 Nummern wird das Braunsche Werk, —
wenn wir nach der ersten Lieferung urteilen, in sorg-
fLltiger AuSwahl — wiedergeben. Uuter diesen ersten
25 Blatt sind einige der Perlen der Galerie: die beiden
lieblichen Raffaels, die Madonna Aldobrandini nnd die
heil. Katharina, — Bellini's Porträt des Dvgcn
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