Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Ein Bild Jean Perrsals in, Louvre

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Baldachi» vv» der Fvri» des gebrvcheue» Eselsriickeiis,
über wclchcin zwei Engcl niit Schriftbänder» schweben,
den Rittcr stehend in voller Rüstnng, in der rechten
Hand die zn seinen Füßen noch Vvn einem knieenden
wilden Manne unterstützte Spitzfahne mit selneni
Wappen, in der linken ein Schriftband haltend; links
zn seinen Fiißen steht sein reich gestalteter Wappen-
schild. Bier Wappenschilde sind an den Ecken des steil
nach anßen abgeschrägten Randes der Platte angebracht,
ivelcher als Schristrand dient nnd die Legcnde cnthält.
Die Sknlptnr, in hohem Relief herausgearbeitet, ist
bei vornehmer Haltung des Ganzen mit grvßter Sicher-
heit nnd Liebe in allen Einzelheiten durchgebildct uiid
verrät einc Meisterhand von gleicher Kraft wie Fein-
heit des plastischen Gefühls; der Schnlzusammenhang
weist wvhl auf daS nahe Landshut.

Das dritte Werk ver Bilvhauerkunst, mit desscn
Erwähnung nnser Bericht schließcn soll, gehört der
ersten Epoche der deutschen Nenaissance an. Es
ist der von dem Eichstätter Bischos Moriz von Hutten
gestiftete und im Jahre 1548 geweihte Altar der
St. Morizkapelle zu Morizbrunn bei Eichstätt. Er
hat dic Form eines Flügelaltares von 2,30 m Höhe
in der Mitte und 2 m Breite und ist vollständig aus
Solnhofcr Stein mittels fünf Platten hergestellt. Das
Mittelstück schließt oben halbkreissvrmig, die schmäleren
und niedrigeren Flügel hiiftbogenfvrmig; die Scheitel
der Bögen tragen ebenso wie die beiden das Mittcl-
stück slankirenden Pilaster Kugeln; der die Stelle der
Predella vertretende Sockel ist dem Anfsatze entsprechend
dreiteilig. Dic ganze Architektur ist von einer gewisien
Derbheit und ermangelt der vrganischen Entwickelung;
um so reizender ist alles Ornamentale, womit die
beiden Pilaster des Mittelstllckes, die ihnen entsprechen-
den Postanienle im Sockel und die im Mittelstück des
letzteren cnthaltene Schrifttafel, ferner das in den beiden
Seitenfeldern des Sockels angebrachte Allianzwappen
dcs Bislunis und des Bischofs geziert sind; hier ist in
ver charakteristischcn Weisc der Frührenaissance Strenge
der Zeichnung mit Zartheit der Modellirung verbun-
den. Vorzüglich sowohl in Kompvsition als auch in
Ausfiihrung sind alle fignrlichen Darstellungen, welcke
im Mittelstück und den Flügeln des Aufsatzes, sowie in
der das Mittelstück bekrvncndcn Liinette enthalten sind.
Das Mittclbilv zeigt die heil. Trinität in freicr
Wiedergabe der Kvmposition Albrccht Dürers im Holz-
schnitte vom Jahre 1511 (Bartsch, 122); auch die
beiden Einzelfiguren der Fliigel — im linken der
heil Johannes, in einem Bnche lesend, im rechten die
heil. Maria, die Hände faltend und den Blick zu dem
Sohne im Mittelbilde richtend — zeigen die Ein-
wirkung Dürerscher Knnst. Jn der Liinette Lber dem
Mittelstiick steht, sast völlig rund gearbeitet, der Titel-

heilige dcr Kapelle, St. Mauritins, wvhlgerüstet, je-
doch ohne Helm, mit Scksild und Spitzfahne; zu beidcn
Seiten i>t die Jahreszahl v. 1548 eingemeißelt.

Wisien wir auch von kcineni diescr drei eben be-
sprochenen Werke den Namen des Meisters, so legen
lie doch ein ehrenvolles Zeugnis davon ab, wie in sehr
verschiedenen Epochen und an vcrschiedenen Ortcn auf
bayerischem Bvden die Kunst dcs Meißels von wvhl-
bernfenen Händen geübt ward und den höchsten Ziclen
zustrebte.

München, im März 1885. H. G.

Lin Bild Zean s)erreals im Louvre.

Durcki Schenknng E. M. Baneels ist das Lvuvre
jllngst in den Besitz eines interesianten Bildes der fran-
zösischcn Malerschule des 15. Jahrhunderts gelaugt.
Es wird als „Verlobung Karls VIII. mit Anna von
Bretagne" gedeutet. Jn der Mitte thrvnt die Madonna
unter einer Arkade, die mit eincm Teppich verhängt
ist, der die Jnschrift: Vve reZina coelornm, ^.vs ckoming.
anAelornm, ^ve Llaria. gratiki plena trägt. Jn ein
lichtrotes Gewand und einen Mantel von derselben
Farbe gekleidet, hält sie auf ihren Kuien das fast ganz
nackte Christkind, das gegen den zu seiner Rechten
hinter der Balustrade des Thrones knieenden Karl VIII.
gewandt auf die ihm gegenüber knieende, in den ge-
salteten Händen einen Rosenkranz haltende Anna v.
Bretagne hinweist. Karl ist mit einem pelzverbräm-
ten Mantel, Anna mit einem einfachen schwarzen Kleide
und der heut noch in der Bretagnc iiblichen weißen
Leinwandhaube bekleidet; beide sind nur halb sichtbar,
da die Balustrade die untere Hälste ihrer Gestalten
deckt. Die Sänlen der Arkaden im Hintergrunde des
Bildes tragen auf der Seite Karls Lilien, auf jener
Anna's abwechselnd Lilien und eine Herzogskrone. An
den Stützen desThrones finden sich dreimal die Jnitialcn
ll. k. angebracht, die Michiels und Charvet vorzugsweise
auf die Vermutung geführt haben, das Bild mvchte
Jean Perreal (ca. 1460—1528) angehörcn, der wohl
als Hofmaler Karls VIII. und seiner beiden Nach-
folgcr urkundlich beglaubigt ist, von dem aber bisher
kein Gemälde bekannt war. Bancel, der jüngst eine
reich ausgestattete Monographie über den Meister
Vervfsentlicht hat silelian ksrrsal, ckit -leluin cks ?s.ris.
Reeliereliss sur sa vis sl son oerivrs. karis, lliiunette
1885), möchte ihm außerdem auch die heil. Magdalena
der Nationalgalerie in London, die dort unter Rogier
van Weydens Namen geht, und eine Madonna della
Misericordia (Madonna mit ihrem ausgebreitetcn Man-
tel die leidende Menschheit beschiitzend, die zu ihren
Füßen kniet) des Museums zu Puy beilegen. Auch
die Bkiniaturen von Marots vobms srir la Zrisrro cks
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