Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Die Konkurrenz um d°s Reichsgerichtsg-bäude in Leipzig.

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^>cht empsängt er durch sehr große Fenslcr dcr iveit-
lichen Schnialseite, zum Teil ciuch durch die Fenster
der Lünetten.

Seitdem auch jene Abteilung dcs Palastes an die
kciiserliche Post vermietet ist, wo dieser Saal gelegen,
wird dersclbc lediglich als Turchgang zu den seitlichen
Amtsstuben bcnützt und ist die mciste Zeit des Tages
offcn.

Mcines Wissens ist noch nie ein Kunstfreund be-
anstandet worden, welchcr dieso ihm dargeboteneGclegen-
heit benützte, um dieses monumentale Werk Knollers
Zu sehen, zu studiren und zu genießen.

Äüngster Zcit ist aber das Telegraphenwesen niit
der Post vereinigt wvrden, und es ist zu besürchtcn,
dciß, wenn nur auf di'e Bedürfnistc dieser Ämter ge-
sehen wird, der bcscliriebene Kunstscbatz dcr Hvhe nach
obgeteilt und so, wo nicht vernichtet, toch aufs äußerste
gesährdct und dcm Anblicke dauernd entzogen werde.
Doch die Regierung insgesamt sorgt auch für die
Kunst, als eines der wichtigsten Bildungsmittel, und
bethätigt diese Sorge besondcrs in der neuesten Zeit,
wie und wo sie nur kann; es wird also genllgen, die-
solbe aus diese drohende Gesahr ausincrksam zu machen,
und sie wird sicher die Wege finden, um dicselbe ab-
zuwcnden und so dem Lande und der Hauptstadt des
Landes cincs dcr wertvollsten und in sciner Art sclten-
sten Werke unseres Knoller zu erhaltcn.

Leidcr mangclte vordcm von allen Scitcn die (5in-
Ilcht und das Gcsühl, um solche Bcrluste hintanzu-
hcilten, wie in dcr Pfarrkirche die Zerschneidung dcr
herrlichen Erzgruppe des Erzherzogs Maximilian III-,
Landessürsten von Tirol, in zwei Hälften, wie die Ver-
wendung dcr marinorncn und crzenen Grabdcnkmale
.. . ... ^cAlnckcn

Die Aonkurrenz um das Reichsgerichtsgebäude
in Leipzig.

II.

Wenn cin in die Verhandlungen der Jnry lln-
eingciveihter die gckrönten Entwürfe Vvm eislcn bis zu
dcn dritlcn Preisen prllft, beioegl er sich nicht, wie es
natürlich gewcscn wäre, in abwärtsfiihrcnder, svndern
in aiissteigender Linie, wvbci wir natürlich von unserem
Gesichtspunktc aus zucrst die Außenarchitekliir ins Augc
fasten, wcil das rcin kiinsilcrischc Mvment in ihr slärker
zum Ausdruck kommt, als in dcr Gcstaltung dcs Grund-
ristcs. Daß der letztere in dem Projekt von Hoff-
mann und Dybwad durch anßervrdenllichc Klarheil
ansgezeichnet ist, haben wir schon crivähnt. Die pcin-
lich durchgcsührte Symmetrie in der Disposilion der
Räiime hal aber etivas unsäglich Nüchternes, das bc-
svndcrs i» der Ausbildung der Präsidenteiiwvhnung
störend wirkt. Nach dieser öiichtung vcrdient dcr mit
dem zwcitcn Prcise gckrönlc Eiitwiirf von H. Lender
in Straßburg unzweifelhast dcn Vvrzng. Derselbe hat
auch durch die Wahl cincs oblongen Grundristes für
die Wartehalle statl cincs giiadralischcn den Charakter
diescs Raumes bei iveitem entschiedener betont. Zu-
glcich ist cs ihm gclungen, der äußeren Archilek-
tur cine vicl monnmeiitalere Haltung zu geben, als cs
Hvfsmanu nnd Dybivad vcrmvcht haben. Der Miltel-
bau dcr Hanplsront ist durch cin triumphbogeiiartig
abfchlicßcndes Nisalit mit plastischeu Gruppcn ausge-
zcichnct. Über der Miltc erhebt sich anf vicrcckigem
lliitcrbau cin kvlostales Kuppeldach im Louvrestil, und
vvn gleichen, n»r enlsprcchend kleincrcn Dächeru sind
die vier Eckcn dcö Gebäudes überhöht. Ohne sich in

wendnng dcr marmornen und crzencn Grabdcnkmalc dic viei txire» ivv Winrc

bcr alten Pfarrkirche sür dic Grundniauern und Glockcn kleinliche Cpu e>eu» Z" " " ? - q,,!. . ^

- ' - ._ ... ar^,„.„l„,..„cö I dcn Eindruck einer ernstcn, "lajestat.scheii Wiudc^und

dcr neuen, wic die Vcrnichtung dcs Wappcnturmcs
ber Burg mit dcn 66 gcmaltcn Sckilden der habs-
burgischen Länder zur Zcit Kaiser Maximilians I., wie
l>ie Entsernung und Vcrspcrrung der sechs wundcr-
ichönen, lcbensgroßen Erzstatuen, welche noch iiu

' ' . " - ' . , — -cr—,sl.

klcinliche Lpieieic.,,. ..,

den Eindruck einer ernsten, niajeslätischen Würde, und
es scheint nur, daß der Anschluß an die Slilformcn
der französischcn Renaistance diesen übrigcns auch durch
gcdiegene zcichnerische Durchsllhrung ausgezeichneten

Entivlnf i» die zweite Reihe gedrängt hat. Hvffinann
^ Archiiek-

—-V Iv.o - , . Knlivnrs in die zwenr <,te>v .v' - --

lchönen, lcbensgroßen Erzstatuen, welche noch »" >- ^ ker Ansbildung dcr Architck-

lciufendcn Jahrhundcrt dcn schönsten ösfentlichen Gcirlcn »" . ' eigcncn Gcdankcn vcrzichtct,

der Stadt schmücklcn. Doch gcnug solcher Beispwlc >>»""' , ^en sich sogar aus dic trivialstcn Mvtive
von Jnnsbruck allcin, damit jcdermann, wclcher Ehr- sou >»> > ^ ^ Strcben nach Einsachhcil

fnrcht vor dcn Arbciten dcr Vorfahren und Liebe zur besi'ran " ,,„y Häßliche gestoßen. De>» stark

I"ra)t vor den Arbeiten der L>or,ayren u»v s»
Kunst besitzt, daö Seinige lhue, dainit ähnliche Ercig
nisse sich uicht wiederholen."

v. Hohcnbühel-Hciifler.

auf das Nüchterne und Häßliche gestvßen. De», stark
aus der Fassade hcraustretenden Vlittelban ist ii» Erd-
gcschoß cinc von vicr Säulenpaarcn gctragenc Vvr-
halle mit Balkon vorgelegt. währcnd das obcre Gc-
schoß eincn Schmuck durch eine gleiche Säulenstellung
mit eincni Tempelgiebcl darüber crhalten hat. Das
geguaderte Erdgcschoß hat flachbogige, das Obergcschoß
rundbvgige Fenstcr, die durch äußerst niichtcrne Pilaster
getrennt sind. Die Mittclkörper der andcren Fronten
haben im vbercn Stockwerk eine ähnliche Säulenarchi-
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