Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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431 Kunstlitteratur

Aunstlitteratur.

?. — Mn Pcrzcicknis von riorlagcwcrkcn snr dckorativc
Malcrci und Lildhaucrci vom keramischeu Gesichtspunkle aus
betrachtet und besprochen von Prof. Alex. Schmidt. I. —
wird allen Fabrikanten keramischer Kunslprodulte sowohl. noch
mehr vielleicht den auf diesem Gebiete thatigen Dilettanten
willkommen sein. Das Left ist aus dem praktischen Bedürf
nis entstanden, den ost fern von großen Städten in einsamen
Gebirgsgegenden ansassigen Fabrikanten einen Wegweiser auf
dem weiten Gebiete künstlerischer Vorlagen zu bieten. Zu
dem Zweck hat der in engster Fühlung mit der modernen
keramischen Produktion stehende Verfasser eine Auswahl der
geeignetsten Werke getrosfen und mit kurzen Worten auf ihren
Jnhalt resp. dessen Wert sür praktische Zwecke hingewiesen.
Voll und ganz kann man des Verfassers, der sich ein wirk-
liches Verdienst mit diesem Büchlein erworben, Ausführungen
in der Dorrede zustimmen, daß die Fabrikanten heute noch
viel zu wenig Wert auf die „künstlerische Speise" ihrer Mit-
arbeiter legen. Mit Widerstreben nur entschließen sie sich ein
Vorlagewerk anzukaufen und bedcnken nicht, „daß ein srucht-
barer Gedanke, ein geschickt und glücklich verwendetes Muster
die Kosten des Werkes reichlich deckt. auü dem es geschöpft
ist." Gewiß erlahmt und versumpft die künstlerische Krnst
ohne Anschauung, Anregung und Kenntnis der Fortentwicke-
lung des inodernen Geschmackes. — Die Verlagshandlung
von Ch. Claesen L-Co. hat das Heft sauber ausgestattet;
als ein Mangel muß die Weglassung der Verleger, Orte, und
Jahre des Erscheincns gerügt werden.

Aunsthistorisches.

Wer war dcr Lehrcr dcs Malcrs Cyriacus Nodcr?
Im königl. historischen Museum zu Tresdcn befindet sich
(Ar. 80) ein vorzügliches lebensgroßes Porträt des Kursüisten
August, welches Cyriacus Noder kurz vor des am N. Febr.
1586 verstorbenen Herrschers Tode gemalt hat. Noder und
Zacharias Wehme') warcn 1593 mit der Jnnung zu Dresden
in Streit gcraten. weil sie das Malen sür cine freie Kunst
erklärten und kein Meisterstück machen wollteiGi. Aus den
bezüglichen Streitschriften des königl sächs. Hauptstaatsarchivs j
(Locs8i47), welche noch der Veröffentlichung harreu, erfahrcn
wir, daß Roder (Bl. 4) „bci Meister Nicolaus zu Leipzig"
gelernt hat. Dieser Meister ist kein anderer als Nicolaus
de Perre. welcher Ansang 1569 von Antwerpen nach Leipzig
kam und über welchen Gustav Wustmann in seinen „Bei-
trägcn zur Geschichte der Malerei in Leipzig" (Leipzig:

E A. Seemann 1879) S. 56 ausführlich berichtet. Lebte
um dieselbe Zeit auch ein anderer Nicolaus daselbst, namlich
Nerlich, so dürfte meine Ansicht darin einigen Halt finden,
daß de Perre aus seiner Ehe mit Ortesia auch einen Sohn
des gewiß nicht häufig vorkommenden NamenS ChriacuS
hinterließ.

Dresden. Theodor Distcl.

D Der aiigebliche Leonardo da Mnci im Bcrliner
Muscum. vr. W. von Seidlitz macht im „Kunstsreund" die
Mitteilung, daß sich das in diesen Blättern mehrfach be-
sprochene von llr. Bode dem Leonardo zugeschriebene Altar- -
bild mit der Auferstehung Christi und den knieenden .Heiligen -
Leonardo und Lucia in der Mitte dcs 17. Jahrhunderts in
der Kirche der heil. Liberata unweit vom Kastell zu Mailand
besunden hat. Es ist nämlich in Torre's IHt.ratto äi Llilano !
(1674) als in dieser Kirche befindlich beschrieben ivorden. j
Torre nennt jedoch als den Malcr desselben den Braman-
tino, wogegen W. v. Seidlitz geltend macht, daß das Bild
„weder mit den srüheren, noch mit den späteren Arbeiten
Bramantino's die geringste Verwandtschast zeigt".

1) Vergl. meine Mitteiluiigcii über ihn in dcr Zcitschr. f. Mnsco-
lcgie 188», Nr. 1S, S. 1SS und in der Kunftchronik, 1S. Jahrgg.,
Nr. 12 vom 3. Januar 1884.

2) Die Konfirmation der Malcrinnung zu Dresden stammt auS
dcm Jahrc iilLo <königl. iächf. Hauplslaatsarchiv Ooiitirniativiies
6I,XXVII Bl. 2Säl>>, dic sriiheren JnnungSartilcl (1574) sind nnr von
dcm Rat, nicht von dcm Kursiirsten bestätigl wordcn. IS8L—15SS hatten
sich Rodcr uud Wclmic mclirsach zur Fertignug dcS McislcrstüiIS sftldam
und Eva und dic Geburt Christi) vcrpflichtct.

ammlungen :c. — Vermischte Nachrichten. 432

Personalnachrichten.

Ter Maler Leopold Graf von Kalckrcuth ist als
Professor an die Kunstschule zu Weimar berufen worden.

Aunst- und Gewerbevereine.

Zu den zahlrcickicn Künstlcrvcreiiiigungen, welche
Paris bereits besitzt, hat sich kürzlich sine neue gesellt: Die
Loeiotö ckes Tastellistes, die Gescllschast der Paftcllmaler.
Zu den Gründern derselben gehören Baudry, Lesebvre,
! Duez, Gervex, Ph. Rousseau und Lhermitte. Die Gesell-
schast wird zunächsr eine retrospektive Ausstellung von Pastell-
malereien des vorigen Jahrhunderts veranstalten, welche am
2. April eröffnet werden soll.

5animlungen und Ausstellungen.

- Tic Cröffiiung dcr Iahresansstclluiig im Wicncr
Kiinsklcrhause sand am 21. März vormittags durch S. Maj.
den Kaiser Franz Joseph im Beisein der Herren Erzhsrzöge
Rainer, Ludwig Viktor und Salvator, sowie einer glänzen-
den Vcrsammlung von Notabilitätcn der Wiener Gesellschaft
und Kunstwelt, in feierlicher Weise statt. Sowohl am Er-
öffnungstage als in der ersten Ausstellungswoche war der
Besuch ein sehr reger: das beste Zeugnis für die Qualität
des Gebotenen, das im ganzen hinter den Vorjahren in keiner
Hinsicht zurückbleibt. Jm Vordergrunde des Jnteresses stehen
eine Reihe trefflicher Landschaften vonDarnaut, Schind-
ler, Rob. Ruß u. a., denen sich vorzügliche Genrebilder
, und Porträrs von Defregger, Math. Schmid, Jul. Blaas,

^ Vautier, Ferd. Keller, Prof. L'Allemand, Fr. Aug.
Kaulbach und einige virtuos behandelteAquarclle undPastell-
zeichnungen von Rud. Alt, Jnduno, Piglhein, Fröschl
u. a. anreihen. Das größere Figurcnbild historischen
Charakters wird durch eine reiche Komposition des hoch-
begabten Ad. Hirschl (Wien) in beachtenswerter Weise
repräsentirt. Canons wenig ersreuliches Riesenbild: , Der
Krcislaus des Lebens", das bekanntlich für das naturhisto-
rische Hofmuseum bestimml ist, i»i Kllnsllerhause zur Aus-
stellung zu bringen, war cin Mißgriff. Dic Plastik ist
namentlich durch Werke von O. König, H. Härdtl und
Tilgner gut, aber nicht so glänzend wie voriges Jahr ver-
treten.

Vermrschte Nachrichten.

« Frcquciiz -cr Mimchcncr Akadcmic -cr Kiinstc. Bei
dem Neubau der Akademie wurde nach seilheriger Erfahrung
die Zahl von 400 Kunstjüngern als die höchstc angeschen,
auf welche man die Einrichtungen zu berechncn habe. Aber
schon in den alten und in den gemieteten Lokalen ward jene
Zahl überschritten, und jetzt studiren im Neubau 550. Ta-
durch ist eine Überbürdung der Lehrer und eine Überfüllung
der UnterrichtSräume eingetreten, welche nicht dauern kann.
Die Akademie giebt daher bekannt, daß Neuaufnahmen zu
Ostern für den Sommer nur ausnahmsweise möglich sind.

Die Kathctrale zu Mctz hat kürzlich in der Bronze-
nachbildung einer Reiterstatuette Karls d. Gr. einen
interessanten Schmuck erhalten. Jhr Original kam während
der französischen Revolution aus dem Domschatz in den Be-
sitz dcs Pariser Archäologen Lenoir und später durch Kauf
in jenen der Stadt Paris. Beim Kommuneausstand ivurde
es untcr den Trümmern dcS Stadthauses begraben, jedoch
1872 ziemlich unversehrt wieder aufgesunden uud ist seither
im Musse Caruavalet aufgestellt. Es stellt den Kaiser zu
Pferde mit Herrschcrmantel und Krone bekleidct, in der Linken
den Reichsapfel, in der Rechten das Schwert tragend, dar.
Dies letztere jedoch stammt aus neuerer Zeit: denn es ist
gekrümmt, während die (uriprüngliche) Scheide gerads Form
hat; wahrscheinlich trug die Rechte ein Szepter. Der breite
und kräftige Oberkörper, der dicke, kurze Nacken, sowie die
von Eginhardt, dem Biographen des Kaisers, beschriebene
eigentümliche Gewandung berechtigen dazu, in der Figur sein
Porträt, und zwar das einzig echte vorhandene, zu sehen.
Matertal und Technik der Statuette machen es unzweifelhaft,
daß deren Guß aus karolingischer Zeit und zwar wahrschein-
lich aus der Aachener Gießereiwerkstätts stammt. Vor einigen
Jahren hat nun Dombaumeister Tornow auf dem Türmchen

Kunsthistorisches. — Personalnachrichten. — S
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